HOME

Kriminalität in Mexiko: Krieg der Kartelle

Seit Jahren haben die Drogensyndikate Mexiko unterwandert und Polizei und Politik infiltriert. Jetzt hat die Regierung ihnen den Kampf angesagt. Je mehr die Kartelle in die Ecke gedrängt werden, desto brutaler ihre Reaktion. Nirgendwo ist es schlimmer als in Ciudad Juárez an der US-Grenze. Dort starben seit Beginn des Jahres 400 Menschen.

Von Marc Goergen

Die Messe ist schon fast zu Ende, als Pedro Martin Nuñez seinen großen Auftritt hat. Eine Stunde lang hat seine Gemeinde an diesem Nachmittag gesungen, während er ruhig in der letzten Reihe stand. als draußen die Sonne die Straßen rötlich tüncht, tritt er ans Pult und beginnt zu predigen. Vom Unheil, das die Stadt heimgesucht habe. Von der Versuchung. Von Gott, der helfe zu entsagen.

Dann stellen sich die Gläubigen vor Bruder Pedro auf. Einem nach dem anderen legt er die Hand auf den Kopf. Er schließt die Augen, murmelt Gebete. Schweißperlen rinnen über seine Stirn. Und ein Gläubiger nach dem anderen sinkt auf den Betonboden. Manche zucken. Schließlich streckt Nuñez beide Hände gen Decke und betet: "Herr, führe uns nicht wieder in Versuchung. Auch wenn das Böse stark ist."

Nuñez weiß ziemlich gut, wovon er spricht. Als er zum ersten Mal ins Gefängnis kam, war er zwei. Seine Mutter hatte den Vater erschossen. Mit acht begann er zu dealen. Mit zwölf nahm er Heroin. Mit 19 beging er seinen ersten Mord. Heute ist er 32 und Pastor. "Ich gebe ja zu: Ein wenig seltsam klingt das schon", sagt Nuñez.

Aber was will das schon heißen, hier in Juárez.

Kriminelle Hochburg

Ciudad Juárez liegt im äußersten Norden Mexikos, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Eine gesichtslose Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Breite Straßen, Fast-Food-Läden, rundherum Wüste. Auf der anderen Seite des Rio Grande liegt El Paso, ein ruhiges Idyll mit sorgsam getrimmten Vorgärten. El Paso ist die drittsicherste Stadt der Vereinigten Staaten. Diesseits der Grenze aber herrscht Krieg.

1600 Menschen wurden in Juárez im vergangenen Jahr ermordet, und in den ersten Monaten dieses Jahres sind es schon wieder mehr als 400. Seit Mexikos Präsident Felipe Calderón den mächtigen Drogenkartellen des Landes den Kampf angesagt hat, sind die "Narcos", wie man die Schmuggler hier nennt, in Aufruhr. Die Kartelle kämpfen um die Vormacht in den Grenzstädten. Und keine davon liegt so günstig wie Ciudad Juárez, etwa in der Mitte der amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Täglich richten Killerkommandos verfeindete Dealer oder Polizisten auf offener Straße hin. Manchmal hängen sie vorher Listen mit Namen auf. Manchmal legen sie nachher Köpfe vor Polizeiwachen ab. Vor ein paar Wochen sah Präsident Calderón keinen anderen Ausweg mehr, als 7000 Mann Militär und Bundespolizei nach Juárez zu schicken. Seither patrouillieren Jeeps mit aufgepflanztem Maschinengewehr durch die Stadt; Soldaten mit Gesichtsmasken kontrollieren die Ausfallstraßen. Die Zahl der Morde ist auf ein bis drei pro Tag gesunken - ein Ende des Krieges bedeutet das nicht. Zu mächtig sind die Kartelle. Zu schwach ist der Staat. Und zu tief haben sich Drogen und Gewalt in vielen Jahren in die mexikanische Gesellschaft eingenistet.

Ins Kartell hineingeboren

Bei Pedro Martin Nuñez war die gesamte Familie im Geschäft. Als er als Kleinkind mit der Mutter ins Gefängnis kam, warteten da bereits Großvater, Großmutter, Bruder und Onkel. Seine Mutter starb später an einer Überdosis.

Schon als Knirps transportiert Pedro Tabletten und Heroin durchs Gefängnis. Nach der Entlassung folgen Autodiebstähle, Überfälle, Dealen. Nuñez wird zu einem kleinen Rädchen in der Maschine des Juárez-Kartells, eines der größten Drogensyndikate. Sein Leben oszilliert zwischen Knast und Freiheit. Der Unterschied dazwischen ist nicht groß. "Die Kartelle beherrschen die Gefängnisse genauso wie das Leben draußen. Es ist leicht, Drogen oder Waffen reinzuschmuggeln. Die Wächter sind bestochen. Wenn jemand umgebracht werden soll, geht das drinnen genauso gut wie draußen", sagt Nuñez.

Immer tiefer gerät er in diese Welt hinein. Die ersten Pistolen. Das erste Mal "Speedball" spritzen, halb Koks, halb Heroin. Dann, mit 19, der erste Mord. Nuñez hat Streit mit einem aus seiner Gang. Beide sehen sich als Chef. Erst trinken sie gemeinsam. Dann überredet Nuñez den anderen, mit zu ihm zu kommen. Auf der Straße sticht er ihn nieder. Anschließend schlägt er mit einem Ziegelstein immer wieder aufs Gesicht des Rivalen ein, bis nur noch Blut zu sehen ist.

Heikler Ausstieg

"Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, was ich da eigentlich mache. Deshalb habe ich mir sogar ein Tattoo stechen lassen", sagt er. Nuñez knöpft sein Hemd auf. Über den halben Bauch zieht sich ein Totenschädel; ein Zahn sieht aus wie eine künstliche Krone - genau wie bei Nuñez selbst. "Ein Teil von mir ist selbst bei dem Mord gestorben. Das soll das zeigen", sagt er.

Je höher Nuñez im Kartell aufsteigt, desto stärker wird sein Hass auf sich selbst. Schließlich, es ist Oktober 1997, sieht er keinen Ausweg mehr. Nuñez ist wieder mal im Gefängnis. Mit einem Betttuch versucht er, sich zu erhängen. Doch während sich das Laken zuzieht, hat er eine Vision. Er sieht sich den Sarg seiner Mutter umarmen. Und fühlt: Gott liebt dich! Nuñez wird gerettet, und die nächsten Etappen seines Lebens klingen wie aus einer biblischen Wundergeschichte.

Er schafft den Drogenentzug, überlebt Mordversuche ehemaliger Komplizen, nimmt an Theologiekursen teil, wird sogar Gefängnisgeistlicher und kommt schließlich im Dezember 2004 frei. Seitdem kümmert er sich als Pastor um eine Gemeinde am Rand von Ciudad Juárez und unterstützt mit seiner Organisation "Unidos por la Cruz" ehemalige Killer oder Dealer, die dem Sog der Drogen entkommen wollen.

"Die Kartelle sind der Staat"

Seine Kirche ist nichts weiter als ein großer Raum im Erdgeschoss seines Hauses, und auch sonst hat Nuñez wenig Pastorales an sich. Sein gesamter Körper ist mit Tattoos überzogen. Und wenn er auch Psalme rezitieren kann, so kennt er genauso die Regeln des Geschäfts hier in Juárez: den Preis für einen Mord draußen - 100 Dollar. Den Preis für einen Mord im Gefängnis - 800 Dollar. Den Preis im Knast für Schutz davor - eine Unze Koks für 14 Tage.

"Man lässt mich in Ruhe, weil ich das Geschäft nicht störe. Ich kümmere mich ja um die Problemfälle. Aber natürlich wissen die genau, mit wem ich spreche. Die Kartelle kontrollieren das gesamte Leben hier. Sie sind nicht ein Staat im Staat - die Kartelle sind der Staat", sagt Nuñez.

Etwa 450.000 Mexikaner leben heute direkt vom Drogengeschäft. Ein Drittel davon im Handel, zwei Drittel im Anbau. Doch keiner weiß, wie viele indirekt daran beteiligt sind. Da gibt es Zollbeamte, die den Drogenhunden Wick Vaporup auf die Schnauze schmieren, um deren Spürsinn zu verwirren. Da gibt es Tausende Polizisten, die Schmuggler telefonisch vor Razzien warnen. Vergangenes Jahr wurden der oberste Staatsanwalt des Landes und der Chef der mexikanischen Interpol-Sektion verhaftet, weil sie auf der Gehaltsliste der Kartelle standen.

Expansion - Mexiko und Drogenschmuggel

Noch Anfang der 90er Jahre war der Drogenschmuggel in Mexiko ein eher kleines Geschäft. Zwar wurde schon seit Langem in den Hügeln des Bundesstaats Sinaloa Marihuana angebaut, doch die Drogengroßhändler saßen in Kolumbien. Es waren die Zeiten des Medellín-Kartells mit dem exzentrischen Pablo Escobar an der Spitze, der auf seiner Ranch Giraffen und Löwen hielt. Der Koks wurde vor allem über die Karibik in die USA geschafft; die Mexiko-Route war eine unter vielen.

Mit der Ermordung Escobars im Dezember 1993 begann der Niedergang der kolumbianischen Drogenfürsten. Die Mexikaner übernahmen ihren Platz. Da war zunächst Amado Carillo. Er wurde auch "Señor de los Cielos", Herr der Lüfte, genannt, weil er die Ware gern mit der eigenen Flotte über die Grenze flog. Zu seinen besten Zeiten verdiente Carillo 200 Millionen Dollar pro Woche. 1997 entschloss er sich zu einer Gesichts-OP, um sein Aussehen zu verschleiern. Dabei starb er unter ungeklärten Umständen. Seine Ärzte überlebten den Eingriff ebenfalls nicht. Polizisten fanden sie später in Beton einzementiert.

Heute gilt das Kartell aus Sinaloa als eines der mächtigsten im Land. An der Spitze steht Joaquin Guzman, wegen seiner schmächtigen Statur auch bekannt als "El Chapo" - der Kurze. Mit einem Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar hat es Guzman sogar auf die "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt geschafft. Seitdem er, ebenfalls unter ungeklärten Umständen, Anfang 2001 aus einem Gefängnis entkommen konnte, zeigt er sich nur noch streng abgesichert in der Öffentlichkeit. Jüngst besuchte er ein Restaurant in Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa. Seine Leibwächter versperrten alle Ausgänge, sammelten die Handys ein und gaben beides erst wieder frei, nachdem der Pate sein Dinner beendet hatte. Dafür übernahm er alle Rechnungen.

Kampfansage mit Folgen

Jahrelang tolerierte die regierende Partei PRI das Geschäft und wirkte als Schiedsrichter bei Machtkämpfen. Als aber die PRI 2000 zum ersten Mal seit 70 Jahren die Macht verlor und mit Felipe Calderón im Jahr 2006 auch noch ein Präsident gewählt wurde, der den Syndikaten den Kampf ansagte, brach der Krieg aus. Mittlerweile bekämpfen sich in Juárez nicht nur die Kartelle von Sinaloa und Juárez, sondern auch das im Osten ansässige Golf-Kartell mischt mit. Ihm gehören viele ehemalige Spezialkräfte an, und es beansprucht den fragwürdigen Ruhm für sich, Enthauptungen in den Drogenkrieg eingeführt zu haben.

Wer verstehen will, welche Dimension das alles angenommen hat, muss Hector Hawley besuchen. Sein Büro liegt in einem abgeschirmten Komplex am Rand der Stadt. Der wurde erst vor wenigen Jahren neu gebaut, doch schon ist wieder von Erweiterung die Rede - Hawleys Arbeitsplatz ist die Gerichtsmedizin von Juárez. "Zyniker würden sagen: Wir haben das einzige Geschäft in Juárez, das zurzeit wirklich gut läuft", sagt er.

Mittlerweile arbeiten die Rechtsmediziner in zwei Schichten, dazu hat Chef-Forensiker Hawley ein halbes Dutzend neue Techniker und Träger eingestellt. Sein Leichenschauhaus hat insgesamt Platz für 90 Körper, doch das reicht in Zeiten, in denen an einem Tag schon mal 15 Neuankömmlinge zu versorgen sind, nicht aus. Die zuletzt Gekommenen werden dann auf den Fluren zwischengelagert.

Undankbare Arbeit

Der 39-jährige Hawley wirkt mit seinem Bauchansatz und seiner ruhigen Stimme kaum wie der Herr über den Tod. In seinem Büro hängen Urlaubsbilder. Nur eine Tasse mit Totenköpfen erinnert ans Metier. Im vorigen Jahr wurde sein Vorgesetzter ermordet. Seitdem geht Hawley bei unbekannten Nummern nicht mehr ans Telefon und kaum noch aus.

"Juárez war immer eine sehr brutale Stadt. Hunderte Frauen wurden ja bei uns in den vergangenen Jahren umgebracht. Was wir aber jetzt erleben, sprengt jede Dimension. Die Leichen werden an Brücken aufgehängt, man trennt ihnen Köpfe oder Glieder ab oder stellt Schilder mit Botschaften daneben auf", sagt Hawley.

Immer wieder fahren die Gerichtsmediziner zu den Tatorten, sammeln Patronenhülsen und Blutspuren, obduzieren Leichen. Immer wieder schreiben sie detaillierte Berichte mit Hinweisen für die Ermittler. Doch all die mühsam gewonnene Erkenntnis führt zu nichts. Von den 1600 Morden des vergangenen Jahres wurde kein einziger aufgeklärt.

"Die Polizei wird von den Kartellen kontrolliert. Ich kann ja kaum meinen eigenen Laden sauber halten", sagt Hawley. Gegen die Korruption versucht er mit klaren Regeln vorzugehen. Alles, was die Ärzte während einer Autopsie sprechen, wird automatisch und unwiderruflich aufgezeichnet. Das soll Manipulation ausschließen. Und seitdem Polizisten mehrmals ohne triftigen Grund nach den Mobiltelefonen Ermordeter gefragt haben, werden die Handys noch vom Tatort in die Provinzhauptstadt Chihuahua geschickt. "Die Polizisten wollten die Nummernspeicher löschen, damit keiner ihre eigene darin entdeckt", sagt er.

Schutzheiliger der Gangster

Es scheint bisweilen, als sei das gesamte Fundament von Mexikos Rechtsstaat vom Drogengeschäft ausgehöhlt. Ein Bericht des Stabs der US-Armee nennt den südlichen Nachbarn gemeinsam mit Ländern wie Pakistan einen "gescheiterten Staat" mit dem Potenzial für "plötzlichen und schnellen Kollaps". Und es ist ja nicht nur die Nähe zu den USA, es sind nicht nur die guten Anbauflächen, die das Geschäft hier so gedeihen lassen - ähnlich wie einst in Kolumbien gelten die "Narcos" in Mexikos Kultur auch nicht per se als gewissenlose Killer. Das brutale Geschäft umweht sogar ein Hauch von Robin Hood.

Es gibt einen Schutzheiligen der Gangster, den 1909 ermordeten Räuber Jesús Malverde. Die Stände auf dem Markt von Juárez sind voll mit Büsten, Kerzen und Amuletten des schnauzbärtigen Wegelagerers; selbst ein Parfüm mit süßlichem Duft à la Malverde ist im Angebot. Und wenn ein Drogenboss seine Taten ruhmreich unters Volk gebracht wissen will, so kann er bei spezialisierten Musikcombos die passende "Narcocorrido" komponieren lassen: eine Art Banditenballade. Ein Klassiker heißt "Contrabando y Traición" - Schmuggel und Verrat.

Der Bürgermeister von Juárez, der 46-jährige José Reyes Ferriz, sieht als einziges Mittel gegen die Drogenkultur einen radikalen Neuanfang - beginnend bei der Polizei: In den vergangenen Wochen hat Reyes mehr als die Hälfte seiner Beamten entlassen, weil sie eine Vertrauenswürdigkeitsprüfung nicht bestanden haben. Mit allen anderen fährt nun ein Soldat im Streifenwagen mit. Zu deren Schutz - aber auch, um zu verhindern, dass die sauberen Kollegen doch noch Kontakt zum anderen Lager knüpfen. "Wir müssen versuchen, unsere Stadt für die Drogenhändler so unattraktiv wie möglich zu machen. Aber wir werden den Drogenhandel nie ganz unterbinden können. Dafür liegt Juárez einfach zu nah am größten Markt der Welt", sagt Reyes.

Mitwirkung jenseits der Grenze

Wenn Reyes aus seinem Fenster im Rathaus blickt, schaut er auf eine der vier Grenzbrücken hinüber nach El Paso. Er könnte sogar seinem Amtskollegen von El Paso zuwinken; dessen Rathaus ist nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt. El Pasos Bürgermeister hat Reyes auch schon mal Asyl angeboten, als sein Name auf einer Todesliste auftauchte.

Die Grenzanlagen dazwischen wirken martialisch: hohe Zäune, Stacheldraht, Kameras. Tatsächlich aber sind die Kontrollen lax. 25.000 Bewohner El Pasos pendeln täglich zur Arbeit nach Juárez. "Deswegen ist eine hohe Grenzmauer allein die falsche Lösung. Die USA müssen die Gründe bekämpften, die bei uns für Probleme sorgen", sagt Reyes.

Das gilt nicht nur für die Nachfrage nach Drogen. Aus den USA stammen auch 90 Prozent der Waffen, mit denen die Killer jenseits des Rio Grande Polizisten, Anwälte, Politiker und vor allem sich gegenseitig umbringen. Die Waffengesetze in Texas sind liberaler als in Mexiko. Und Kontrollen an der Grenze Richtung Süden gibt es kaum.

Waffen für jeden

So zirkulieren auf den Schwarzmärkten von Juárez Unmengen an Pistolen und Gewehren. Besonders gefragt bei den "Sicarios", den Killern, ist noch immer der Klassiker, die AK-47. Selbst für Zwölfjährige ist es kein Problem, an Waffen zu kommen. Immerhin fünf Gewehre nennen zum Beispiel die Jungs der Straßengang "Bajo 13" ihr Eigen.

Die etwa 30 Jungs starke Truppe hat ihren Namen vom Viertel geborgt. "Bajo 13" ist eine ärmliche Gegend neben einer Ausfallstraße. Einfache Häuser, ungeteerte Straßen, kaum Geschäfte. Wer hier lebt, schuftet meist für ein paar Pesos in einer der Fabriken von Juárez, den "Maquiladoras".

Auch einige der Jungs von "Bajo 13" arbeiten manchmal in den Fabriken. 15 Jahre sind sie alt, 16, vielleicht 17. Abends treffen sie sich bei einem Kiosk, trinken Bier, rauchen Gras, manche schnüffeln auch Klebstoff. Anschließend brechen sie auf zu Raubzügen. Sie sind spezialisiert auf Autodiebstähle und Wohnungseinbrüche. Ab und an verhökern sie auch ein paar Teile, die sie aus den Fabriken haben mitgehen lassen. Die Kartelle dulden das Kleingewerbe.

Vom Kind zum Killer

Tatsächlich wirken die Teenager nicht wie schwere Jungs. Wenn sie vor dem Kiosk lungern, Akne im Gesicht, Hände in den Taschen, erscheinen sie fast noch wie Kinder. Doch in der Welt von Juárez ist der Weg vom Kind zum Killer manchmal sehr kurz.

Roberto etwa, er nennt sich "El Poncho". So hat er sich es auch auf die Brust tätowieren lassen. Als Junge stand er einst für seinen Vater Schmiere. Heute ist er 19 und einer der Führer der Gang. Er weiß, in welchem Haus gerade Waffen versteckt sind. Und er weiß, wie man sie benutzt. Schon mit 14 hat er den ersten Mann getötet. Seitdem kamen zwei weitere dazu. "Es war immer Selbstverteidigung. Sonst hätten die mich umgebracht", sagt er nur.

Mittlerweile hat er sich von der Führung der Gang ein wenig zurückgezogen. Die Polizei sucht nach ihm. Außerdem sind da jetzt seine beiden kleinen Kinder. "Ich will es ein wenig ruhiger angehen lassen", sagt er.

Vielleicht schafft Roberto alias "El Poncho" tatsächlich den Absprung. Vielleicht schafft er es, dem so oft tödlichen Kreislauf von Drogen, Geld und Gewalt in Juárez zu entkommen. Vielleicht bekommt er den einen Moment der Klarheit wie einst Pedro Martin Nuñez, damals, um Luft ringend am Betttuch im Knast.

Besonders wahrscheinlich ist es nicht.

print