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Kuttenverbot für die Hells Angels: Attackiert von außen und innen

Die Abzeichen der Hells Angels sollen verboten werden. Grund genug für ein Krisengespräch im großen Stil. Dabei haben die Rocker gerade genug Probleme mit sich selbst.

Von Kuno Kruse

Bald keine Rocker-Kutten mehr? Die Abzeichen des Hells-Angels-Clubs sollen auf Basis eines 30 Jahre alten Erlasses verboten werden

Bald keine Rocker-Kutten mehr? Die Abzeichen des Hells-Angels-Clubs sollen auf Basis eines 30 Jahre alten Erlasses verboten werden

Mehrere Hundertschaften Bereitschaftspolizei, vermummte Spezialeinsatzkommandos, polizeigrüner Wasserwerfer, Gefangenentransporter, Sanitäter und Polizeiarzt. Der Anlass für das martialische Aufgebot: Es ist Rockertreffen in Rheinland-Pfalz.

Über einer Halle im Industriegebiet von Boppard steht ein Polizeihubschrauber am Himmel. In dem Firmengebäude versammeln sich Abgesandte aller deutschen Charter der Hells Angels. Ausgerechnet in Rheinland-Pfalz, denn hier ist ihnen das Tragen ihres Patches, wie die Hells Angels ihr Abzeichen mit den gelben Schwingen am Helm eines Totenkopfs nennen, seit neustem verboten.

366 Kontrollen, 19 Strafanzeigen

Rund 500 Beamte waren auf den Nahkampf um jede Rocker-Weste vorbereitet. Denn nach der neuen Rechtslage sind die Polizisten in Rheinland-Pfalz verpflichtet, den Hells Angels die Kutte mit den "Deathhead" auf dem Rücken abzunehmen, egal aus welchem Bundesland sie sind. Doch wer Action erwartete, wurde enttäuscht. Die Abgesannten der Clubs und einige paar Begleiteter waren nicht auf ihren Harley-Davidsons angereist, und vor allem: Alle kamen ohne ihre Patches.

Die Polizei hatte ein Großaufgebot geschickt und kontrollierte mehr als 350 Personen

Die Polizei hatte ein Großaufgebot geschickt und kontrollierte mehr als 350 Personen

So fiel die demonstrative Beschlagnahme der Rocker-Westen, und damit auch der öffentlichkeitswirksame Showdown, aus. Dabei hatte der Rheinland-Pfälzische Innenminister Roger Lewentz, der für das Polizeiaufgebot keine Kosten und Überstunden gescheut hatte, persönlich bei seinen Beamten vorbeigeschaut. Die Bilanz der Polizei: 242 Fahrzeuge und 366 Personen kontrolliert. Einige Biker hatten vergessen, ihren Ohrring mit dem "Deathhead" abzunehmen, einige trugen das Abzeichen irgendwo auf der Kleidung.

Bei zwei Rockern wurde eine "geringe Menge Betäubungsmittel" gefunden, bei einem ein "Gegenstand", der nach dem Waffengesetz verboten ist. In der Summe: 19 Strafanzeigen.

Ohne Rang und Namen

Personenkontrollen wie diese sind inzwischen Routine, für Beamte, wie auch für Rocker. Nur fragen die Polizisten nun freundlich nach, welche Funktion der gerade von ihnen kontrollierten Hells Angels im Club einnehmen würden. Doch die störrischen Rocker geben keine Auskunft mehr. "Früher", antwortet einer, "hättet ihr es vorn auf unseren Westen ablesen können."

Grundlage des nun mancherorts erlassenen Verbots, die Westen mit dem Patch und dem rot-weißen Schriftzug "Hells Angels" zu tragen, ist eine Anordnung des Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann aus dem Jahr 1983. Der hatte damals nach einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren den Hamburger Club der Hells Angels verboten, und auch das Tragen des Abzeichens in der Hansestadt.

Ein anderer Hells Angels Charter in Stuttgart - damals gab es erst zwei Clubs - war von diesem Verbot nicht betroffen. Er feierte inzwischen sein 30-jähriges Jubiläum, mit mehr als tausend Hells Angels aus aller Welt, und ohne großes Polizeiaufgebot. Heute gibt es mehr als 50 Clubs in Deutschland, und die Rocker tragen jeder den Namen seines Ortes oder seiner Region auf dem Rücken, manchmal in englischer Sprache. Diese Ortsbezeichnung unterscheiden die Abzeichen in einer sogenannten "Gesamtbetrachtung" voneinander. Doch das soll nicht mehr gelten.

Wiederentdeckung eines alten Verbots

Denn nun haben Staatsanwälte und Ordnungspolitiker in vielen Teilen Deutschlands das alte Urteil nach einer neuen Entscheidung des Hamburger Oberlandesgerichts wiederentdeckt und weiterinterpretiert. Sie beziehen das inzwischen mehr als drei Jahrzehnte alte Verbot der Hamburger Hells Angels auf das Tragen aller Abzeichen des Clubs weltweit.

In Hamburg hatte sich im vergangenen Jahr ein Mitglied eines viele Jahre später gegründeten Hells Angel Clubs, der keine personellen Überschneidungen mit dem alten hat, mit seinem Patch vor der Michaeliskirche, einen Wahrzeichen der Stadt, fotografieren lassen und das Bild der Polizei geschickt. Der Rocker wollte damit erreichen, dass man gegen ihn vorgehen würde, und er erwartete, in dem Irrglauben, das alte Urteil habe doch nichts mehr mit dem heutigen Clubs zu tun, dass er das Abzeichen, das er in allen anderen Bundesländern zeigen durfte, nun auch in Hamburg wieder tragen könnte. Doch das Hamburger Oberlandesgericht bestätigte am 7. April dieses Jahres nicht nur das alte Verbot, es erweiterte es sogar.

"Null-Toleranz"-Strategie auf dem Vormarsch

Auf den Dreh, dieses Urteil zum alten Erlass überall in Deutschland zu juristischer Frischware umzuetikettieren, war man zuerst bei der Berliner Staatsanwaltschaft gekommen. Seitdem versuchen sich nach dieser Vorlage vielerorts Staatsanwälte in der ursprünglich vom Rheinland-Pfälzischen Innenministerium entwickelten, und von den Politikern fast aller Parteien verkündeten "Null-Toleranz"-Strategie gegenseitig zu übertreffen. Vergangene Woche verbot nun auch die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf das Tragen der Patches der Hells Angels. Und das des konkurrierenden Rockerclubs Bandidos gleich mit.

Auch in anderen Städten, ob in Niedersachsen oder Sachsen, bekommen die Rocker nun Post von der Polizei, die sie darauf hinweist, dass das Tragen ihrer Abzeichen streng verboten ist. Und das nicht nur auf der Kleidung, sondern auch auf dem Motorrad, an Gebäuden, selbst auf sichtbaren Teilen der Haut. Die Innenminister einiger Länder unterstützen das Verbot der Abzeichen, auch wenn der Verein noch erlaubt ist.

Rechtslage oftmals unklar

In anderen Bundesländern, wie Bayern und Baden-Württemberg, wollen sich die Landesregierungen dieser Interpretation des Hamburger Urteils nicht anschließen. Denn Oberlandesgerichte in Niedersachsen und Bayern haben andere Entscheidungen gefällt. Bei unterschiedlichen Urteilen gleichrangiger Gerichte scheint vielen die Rechtslage noch unklar. Letztendlich geht es um die Auslegung des Vereinsrechts, das es allen Bürgern erlaubt, sich zu Gruppen Gleichgesinnter zusammenzuschließen.

Um die Verbote zu erleichtern, fordert das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen nun eine Änderung des deutschen Vereinsgesetzes. Denn mit Verboten nach dem Vereinsgesetz, von denen inzwischen ebenfalls einige vollzogen und von Verwaltungsgerichten bestätigt sind, tun sich die Behörden schwer, wenn den Mitgliedern des Vereins keine Straftaten vorgeworfen werden können. Auch bei den bisherigen Verboten wurden Straftaten angeführt, die zum Teil viele Jahre zurücklagen.

Rocker setzen auf die Justiz

Die Abgesandten der Hells Angels hatten sich auf dem "Emergency Meeting" in Boppard nach ausführlicher Diskussion schnell geeinigt. "Wir werde jedes legale Mittel anwenden, um gegen die Willkür vorzugehen", fasst der Sprecher der Hells Angels, Django Triller, den Beschluss der Versammlung zusammen, "vor allen vor dem Hintergrund, dass es zwei weitere Oberlandesgerichts-Urteile gibt, die zu dem andern Urteil gekommen sind, das dem Hamburger völlig konträr ist."

Die Rocker setzen nun auf eine unabhängige Justiz. So werden die Biker nun in einigen Städten mit ihren Abzeichen auf dem Motorrad sitzen, in anderen nicht. Sie werden sich jetzt Landkarten machen müssen. "Wir hoffen, das es nicht zu Überreaktionen seitens der Behörden kommt", sagt Django Triller, "denn die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist gerade sehr in den Hintergrund gerückt. Aber wir werden die Situation nicht durch Provokationen verschärfen, denn das ist das, was die Politik erreichen wollen."

Tatsächlich haben die Rocker gerade Ärger genug. Vor zwei Wochen erst hatten Mitglieder der Hells Angels in Frankfurt in der Nähe einer Diskothek aufeinander geschossen. Über den Anlass wird geschwiegen. Hintergrund aber sind Auseinandersetzungen zwischen dem klassischen Hells Angels Chartern und jungen Türstehern aus Migrantenfamilien, die sich "Hells Angels Turkey Nomads" nennen.

Inzwischen haben sich die Reihen der alten Rocker geschlossen, die es denjenigen unter ihren Brüdern nicht mehr durchgehen lassen, wenn diese die Clubstrukturen für irgendwelche Geschäfte nutzen, vor allem dann, wenn es sich um kriminelle handelt. So mussten sich die Rocker trotz strengen Verbots in allen deutschen Hells Angels Chartern über die Jahre immer darüber ärgern, dass Mitglieder des Clubs Drogengeschäften nachgingen. Die Strafe: der sofortige Ausschluss aus der Bruderschaft, das sogenannte out in bad standing. "Jeder von ihnen flog aus dem Club. Und so wird es auch in Zukunft ein!", sagt der ebenfalls zu dem Treffen angereiste Präsident der Stuttgarter Hells Angels, Lutz Schelhorn.

Im Februar dieses Jahres durchsuchte die Polizei ausgerechnet den Charter in Boppard, der an diesem Wochenende Gastgeber des Meetings war. Mitglieder dieses Clubs sollen zusammen mit niederländischen Hells Angels Drogengeschäfte abgewickelt haben. Der Charter könnte schon bald deutlich kleiner werden.

Nicht alle Rocker sind kriminell

Viele der Hells Angels, so erklärt es Lutz Schelhorn bereits lange vor dem Treffen, hätten auch keine Lust mehr, für das einzustehen, was andere verbrochen haben. Ein Rocker aus dem Saarland fragt: "Meinst Du, es macht mir Spaß, mich morgens um sechs von meinen Arbeitskollegen anquatschen zu lassen, wo ich meine Millionen versteckt habe."

Tatsächlich verdient die große Überzahl der Hells Angels ihr Geld mit harter Arbeit. Sie sind Zimmerleute, Mechatroniker, Lastwagenfahrer, Programmierer. Viele sind Tätowierer, Türsteher oder arbeiten in der Sicherheitsbranche. Der Anteil der Clubmitglieder, die im Rotlicht ihr Geld verdienen, liegt deutlich unter zehn Prozent. Und auch dort betreiben nur wenige Bordelle. Viele schieben als Wirtschafter Wache, falls die Freier auf den Zimmern Ärger machen.

Clubs zu schnell gewachsen

In Folge des sogenannten Rockerkrieges gegen die Bandidos, das wird in vielen Gesprächen deutlich, sind sich die Rocker nicht nur innerhalb ihrer Bruderschaft, sondern auch mit den Bandidos darüber einig, dass die Clubs zu schnell gewachsen sind. Die lange Phase der Prüfung, die jahrelange Ochsentour von sogenannten Hangaround zum Prospect, wie die Anwärter auf eine Clubmitgliedschaft heißen, bis zum Vollmitglied, sei in manchen Clubs sträflich abgekürzt worden, um schnell Schlagkraft von der Straße zu sammeln.

Es ginge nicht um Türken, Araber oder Deutsche, auch nicht darum, dass sich Hells Angels eine Position im Milieu aufgebaut hätten, sagt Lutz Schelhorn, in dessen Club Migrantenkinder aus fünf Ländern sind, aber nicht einer aus dem Rotlicht ist. Es gehe auch nicht darum, dass Leute aus dem Milieu zu den Hells Angels stoßen würden. Es gehe um diejenigen, die glaubten, sie könnten das Patch benutzen, um dort oder sonst wo Geld zu machen.

Ärger mit "Hells Angels Nomads Turkey"

Jeder lokale Club der Hells Angels ist autonom, es gibt keine nationale Hierarchie. So ist die Szene sehr heterogen. Gefährliche Verwerfungen aber sind mit den "Hells Angels Nomads Turkey" entstanden. Das sind Clubs im Ruhrgebiet, Hessen und Berlin, in denen sich mehrheitlich junge Männer mit Migrationshintergrund zusammengetan haben, und die sich an einem Charter der Hells Angels in Izmir orientieren. Dort zieht ein Mann die Strippen, der lange eine der mächtigen Figuren in der Kölner Türsteherszene war, und nach einer Verurteilung vor Jahren in die Türkei abgeschoben wurde: Neco Arabaci, der offiziell gar kein Mitglied des Rockerclubs mehr ist.

An der Weste werden die Hells Angels für Außenstehende vielleicht bald nicht mehr zu unterscheiden sein. Ein Biker sagt: "Wir wollten doch nie ein Geheimbund sein."