Lärm-Prozess Vom bösartigen Terrorgeklopfe

Ruhe, bitte, Herr Nachbar: Auch lautes Niesen mögen manchen Nachbarn nicht
Ruhe, bitte, Herr Nachbar: Auch lautes Niesen mögen manchen Nachbarn nicht
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In Freiburg ist ein 32-jähriger Arbeitsloser angeklagt, weil er seinen Nachbarn durch nächtliche Klopferei und Türenschlagen geschädigt haben soll. Der leide seitdem unter Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Vor Gericht aber schlägt der Kläger deutlich mehr Alarm als der Beklagte.
Von Mathias Rittgerott, Freiburg

Thomas Schmitts Auftritt vor dem Amtsgericht Freiburg ist sehr eigen. Aus einem braunen Koffer packt der 54-Jährige einen Kassettenrekorder, einen Stapel Bänder und einen Aktenordner aus. "Alles Indizien", kündigt er an. Schmitt, Historiker und Literaturwissenschaftler mit Hut, Glatze, Vollbart und Brille, hat seinen Nachbarn verklagt, den arbeitslosen Sven Dreher, 32. Der soll ihn durch "systematische Erzeugung von Lärm" massiv in seinem Schlaf gestört haben. So sieht es auch die Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf, in typischem Juristendeutsch: Nachstellung in Tateinheit mit Körperverletzung.

"Ich weiß nicht, was das alles soll"

Sven Dreher selbst sitzt in einem weißen Umbro-Shirt, Oberlippenbärtchen, die Haare zum Zopf gebunden, teilnahmslos auf der Anklagebank. Nur manchmal verzeiht er die Mundwinkel. "Ich weiß nicht, was das alles soll", sagt er.

Nicht der mutmaßliche Täter schlägt vor Gericht Lärm, sondern das Opfer. "Erst ein einschleichendes Weckklopfen an der Wand", sagt Schmitt und schlägt mehrfach leise auf den Tisch des Zeugenstandes. "Dann", Schmitt lässt die Hand auf die Tischplatte sausen: "Das rhythmische Klopfen!" Tock - tocktocktocktock - tock - tock. "Eine Zermürbungsstrategie", sagt der Kläger mit fester Stimme. Er beschwert sich über Schlüsselklimpern und Schnarchen, Türenschlagen und das Zünden von Feuerwerkskörpern. Und über lautes Niesen. Das führt er sogar mit einer Kassette vor: Vögel zwitschern, dann mehrfaches Niesen. Vielleicht ist das Haus hellhörig, wenn man den Nachbarn niesen hört?

Schmitt bescheinigt sich selbst ein "ausgesprochen gutes Gehör". So könne er unterscheiden, ob ein Übeltäter nachts gegen einen Blumenkasten aus Gips schlägt, gegen das Balkongeländer aus Metall, gegen die Styroporwand oder die Blechfensterbank.

"Ich habe nie geklopft"

"Nein" sagt Dreher zu den Vorwürfen. Mehr nicht. Erst auf Nachfrage lässt er sich ein "Ich habe nie geklopft" entlocken. Wortkarg ist der Mann. Oder sicher, dass die Sache für ihn gut ausgeht. Immerhin werden ihm 65 Einzeltaten vorgeworfen, begangen zwischen Januar und Mai 2007. Doch auch davor und danach soll er Lärm geschlagen haben.

Seit neun Jahren wohnen die beiden Nachbarn Tür an Tür in der Freiburger Tullastraße 22b, im Erdgeschoss eines Mietshauses, der eine rechts, der andere links. Der eine ein Studierter, der andere ohne Berufsausbildung, auf Hartz IV. Derzeit bekommt er aber kein Geld vom Arbeitsamt.

Schon wenige Wochen nach seinem Einzug habe Dreher ihn nicht mehr gegrüßt, beschwert sich Schmitt. Ausgenutzt habe er auch seine Angst vor Hunden. Er sagt über sich selbst, schüchtern und ruheliebend zu sein, redet aber so viel, dass ihm die Richterin wiederholt in die Parade fährt.

"Im Durchschnitt klopft er drei Mal in der Nacht"

Schmitt hat die angeblichen Lärmattacken penibel aufgeschrieben, in seinem Tagebuch. Er weiß, wann sein Nachbar nach Hause kommt, wann er mit dem Hund Gassi geht. "Im Durchschnitt klopft er drei Mal in der Nacht, also 1000 Mal im Jahr." Von der Polizei hat er verlangt, seine Wohnung zu verwanzen. Vergeblich. So blieben ihm nur die "viele Schreibarbeit" mit dem Tagebuch und sein alter Kassettenrekorder.

Schmitt hat seinem Hausarzt von seinem Leid berichtet. Im Attest steht nun: Kopfschmerz, Schlafstörungen, muskuläre Verspannungen, Konzentrationsschwäche, Nervosität. Auch eine Gehbehinderung soll auf den nächtlichen Stress zurückzuführen sein.

Mit sechs Zeugen versucht das Gericht, den Fall zu klären. Einer von ihnen ist Schmitt, dazu ein Polizist. Eine Zeugin erscheint unentschuldigt nicht. Dafür muss sie nun 150 Euro Strafe zahlen. Ein Zeuge sagt, er habe "bösartiges, rhythmisches Terrorklopfen" gehört, ein anderer hat nie etwas vernommen.

Als der vierte Zeuge eintritt, den Schmitt für Drehers Komplizen hält, passiert das Unglaubliche. "Den Mann kenne ich nicht", ruft der Kläger. Dabei wohnt der im Nachbarhaus Wand an Wand mit ihm. Schmitt dachte, dort hauste Drehers Spießgeselle. Und bleibt dabei: Er habe Dreher und diesen geheimnisvollen Unbekannten in der Küche des falschen Zeugen gesehen. Von dort seien Klopfgeräusche gekommen. Schmitt fühlt sich von Dreher verachtet. Der halte ihn für "den letzten Dreck". Dreher sagt, sein Nachbar sei ihm egal.

Streitschlichtung gescheitert

Alle Versuche, den Streit zu schlichten, sind gescheitert. Schmitt will nicht wegziehen, weil ihm die Wohnung gefällt - trotz des Terrors. Dafür sucht Dreher jetzt eine neue Bleibe. Der Prozess wird fortgesetzt.


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