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Landgericht Tübingen: 23-Jähriger gibt Brandstiftung mit vier Toten zu

Es sollte wohl der Schlussstrich unter eine verpfuschte Lebensphase sein. Doch das Feuer, das ein 23-Jähriger in einem Obdachlosenheim in Calw legte, kostete vier andere Menschen das Leben. Zum Prozessauftakt legte der Angeklagte ein Geständnis ab.

Der 23-Jährige hat vor dem Tübinger Landgericht zwar gestanden, das Feuer in einem Obdachlosenheim in Calw gelegt zu haben. Das war aber auch alles, was die Richter am Mittwoch aus ihm herausbekamen. Zusammengekauert antwortete der Angeklagte leise und einsilbig auf die Fragen des Vorsitzenden Richters: Wie genau er das Feuer gelegt habe? "Keine Ahnung." Was er sich dabei gedacht habe? "Weiß ich nicht mehr." Ob ihm denn wirklich gar nichts durch den Kopf gegangen sei? "Irgendwas bestimmt." So ging das dreieinhalb Stunden lang.

Der 5. Schwurgerichtskammer steht nun eine aufwendige Suche nach Beweisen bevor. Angeklagt ist der 23-Jährige wegen vierfachen Mordes und wegen versuchten Mordes an den sieben anderen Bewohnern des Obdachlosenheims, die die Katastrophe überlebt haben. 20 Zeugen sind geladen, hinzu kommen die Ermittlungsergebnisse vom Tatort. Die Tat an sich lässt sich relativ präzise rekonstruieren. Aber die Richter wollen vor allem auch eine Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Vieles deutet darauf hin, dass der 23-Jährige einen Schlussstrich unter eine ziemlich verpfuschte Lebensphase ziehen wollte. Von klein auf war bei ihm fast alles schief gelaufen: Eine Sonderschule reichte ihn zur nächsten weiter, Arbeitgeber warfen ihn schnell wieder raus. Als er seinen Eltern Geld klaute, verlor er auch bei ihnen jeden Rückhalt.

Über mehrere Umwege landete er schließlich in der diakonischen Einrichtung Erlacher Höhe in Calw. Aber er blockte alle Hilfsangeboten ab, trank immer mehr Alkohol und nahm Drogen. Schließlich setzten ihm die Betreuer eine Frist: In vier Monaten sollte er ausziehen.

Nach einer durchzechten Nacht habe er sich dann endgültig von seinem bisherigen Leben trennen wollen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Auf der Toilette holte er sich Klopapier, zündete es in seinem Zimmer an und warf es in seinen Kleiderschrank. Dann verließ er das Haus, blieb aber noch rund zwei Stunden in der Nähe. Von dem Großeinsatz der Feuerwehr und dem hellen Schein der Flammen will er nichts mitbekommen haben.

Der Bruder des 23-Jährigen war es schließlich, der die Ermittler auf die richtige Spur brachte. In den Medien hatte er von dem Brand gehört. Als kurz darauf sein Bruder vor der Tür stand und behauptete, das Wohnheim habe ihn rausgeworfen, wurde er misstrauisch.

In früheren Aussagen hatte der Angeklagte behauptet, er habe aus Frust selbst in den Flammen sterben wollen. Die Ermittler schließen einen Selbstmordversuch inzwischen aber weitgehend aus. Der psychiatrische Gutachter machte zum Prozessauftakt deutlich, dass er dem Angeklagten seine vielen Erinnerungslücken nicht abnimmt: "Die Vermutung liegt nicht ganz fern, dass Sie uns einiges einfach nicht mitteilen wollen." Das Urteil soll am 8. Juli gesprochen werden.

Marc Herwig, DPA / DPA
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