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Boeing-Entführung vor 40 Jahren: Wie "Landshut"-Geiseln den Terror an Bord erlebten

40 Jahre ist es her, dass die Lufthansa-Boeing "Landshut" von palästinensischen Terroristen entführt wurde. Viele der Geiseln prägte das Erlebnis für immer. Der stern hat einige von ihnen besucht.

Von Thomas Ammann

Tage des Terrors – Die Entführung der "Landshut" vor 40 Jahren

Ein Stück Geschichte: Im September 2017 wird der Rumpf der ausrangierten Maschine in Friedrichshafen aus einem Transportflugzeug gezogen. Die "Landshut" soll ausgestellt werden. Rechts: Nach der Erstürmung des Flugzeugs am 18. Oktober 1977 verlassen die befreiten Geiseln das Flugzeug.

Fortaleza, Brasilien, ein Wiedersehen nach fast 40 Jahren. "Es war, als würde man eine alte Freundin treffen", erinnert sich Gabriele von Lutzau, "allerdings war sie in einem elenden Zustand." Sie, das ist ein betagtes Flugzeug, eine Maschine, die jahrelang am Rand des Flughafens vor sich hin rottete. Schrott mit schauriger Historie. In der Lufthansa-Boeing "Landshut" verbrachte die ehemalige Stewardess im Oktober 1977 die schlimmsten Tage und Nächte ihres Lebens zusammen mit 90 weiteren Geiseln in der Gewalt von Terroristen. "Sie tat mir richtig leid", sagt von Lutzau, "ich sagte zu ihr: 'Schätzchen, wir holen dich nach Hause.'"

Der Flug ist das Trauma ihres Lebens

Das war Anfang des Jahres, als von Lutzau mit ihrer Tochter Felicitas und dem "Landshut"-Copiloten Jürgen Vietor für eine TV-Dokumentation* nach Fortaleza reiste. Jetzt wurde die Maschine in einer Gemeinschaftsaktion des Auswärtigen Amts, der Lufthansa, des Springer-Verlags sowie der Dornier-Stiftung zerlegt und nach Friedrichshafen am Bodensee überführt.

Tausende von Schaulustigen, unter ihnen auch von Lutzau und andere frühere Geiseln, verfolgten am 23. September, wie Rumpf, Flügel und Leitwerk aus zwei russischen Transportmaschinen geladen wurden. Die "Landshut" soll restauriert und im Dornier-Museum ausgestellt werden, als Mahnmal gegen den Terrorismus von damals und heute.

Außenminister Sigmar Gabriel würdigte die "Landshut" als ein "lebendiges Symbol unserer wehrhaften Demokratie und einer freien Gesellschaft, die sich von Angst und Terror nicht unterkriegen lässt". Für die meisten ehemaligen Geiseln bedeutet sie viel mehr. Der Flug, der sie 1977 von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main bringen sollte, ist das Trauma ihres Lebens. Die "Landshut" wurde ihr Schicksal.

Vietor lebt, Schumann ist tot

Fast 40 Jahre nach der Odyssee der Boeing sitzt Jürgen Vietor in einem schmucken Bauernhaus außerhalb Hamburgs und spricht noch einmal über das Erlebnis, das das schlimmste für ihn war unter all den schlimmen Erlebnissen jener Tage: den Mord an seinem Kapitän Jürgen Schumann. Vietor ist ein in zweiter Ehe verheirateter, rüstiger Pensionär, der eine zufriedene Fröhlichkeit ausstrahlt, immer noch viel mit dem Flugzeug unterwegs ist, wenn auch als Passagier, und der eigentlich nicht zum Grübeln neigt. Aber er lebt, und sein Freund Schumann ist tot. Der musste sich niederknien, vor den Augen aller. Dann wurde er hingerichtet. "Der Anführer, ‚Mahmud‘, war ein Fanatiker. Aber fast noch schlimmer war eine der beiden Frauen, Souhaila Andrawes", erinnert sich Vietor. "Als der Schuss fiel, lachte sie und aß einen Apfel. Sie war brutal und herzlos."

Die Lust am Fliegen verging Vietor damals nicht. Er stieg ganz bewusst wieder ein: "Das kannte ich von den Marinefliegern. Wenn ein Starfighter abgestürzt war, wurde für die Einheit verschärftes Fliegen angeordnet." Wie bei Rennfahrern, die nach Unfällen sofort weitermachen, um die Angst niederzukämpfen.

Gabriele von Lutzau, 63, Ex-Stewardess     "Ich war diejenige, die am meisten mit den Terroristen gesprochen hat. Ich musste die Führung übernehmen, weil es niemand sonst getan hat. Das lag daran, dass ich am besten englisch sprach. Die Menschen haben die ganze Zeit über die Ruhe bewahrt, obwohl wir so viele waren gegen vier Durchgeknallte. Aber wir hatten einfach keine Möglichkeit, keine Chance, einen Aufstand zu inszenieren. Außerdem haben wir die ganze Zeit gehofft, wir würden ausgetauscht. Das war ja bis dahin immer gemacht worden. Damals war es zum ersten Mal so, dass der Staat sich nicht erpressen ließ. Das erste Mal, dass ein Bundeskanzler so viel persönliche Verantwortung übernommen hat."

Gabriele von Lutzau, 63, Ex-Stewardess

"Ich war diejenige, die am meisten mit den Terroristen gesprochen hat. Ich musste die Führung übernehmen, weil es niemand sonst getan hat. Das lag daran, dass ich am besten englisch sprach. Die Menschen haben die ganze Zeit über die Ruhe bewahrt, obwohl wir so viele waren gegen vier Durchgeknallte. Aber wir hatten einfach keine Möglichkeit, keine Chance, einen Aufstand zu inszenieren. Außerdem haben wir die ganze Zeit gehofft, wir würden ausgetauscht. Das war ja bis dahin immer gemacht worden. Damals war es zum ersten Mal so, dass der Staat sich nicht erpressen ließ. Das erste Mal, dass ein Bundeskanzler so viel persönliche Verantwortung übernommen hat."

Gabriele von Lutzau wollte nicht weitermachen nach den Tagen des Schreckens. Sie kündigte, heiratete, bekam zwei Kinder, studierte Kunst. Ein Gegenprogramm. Sie sei sich damals in der "Landshut" vorgekommen "wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde", sagt sie. "Das ist ein Gefühl, das für immer bleibt und das ich bekämpfe, jeden Tag."

Seit einigen Jahren pendelt die Ex-Stewardess zwischen ihrem Familienheim im Odenwald und ihrem Atelier in Frankfurt, wo hölzerne Herzen und Engel entstehen. "Ich hätte auch schreiben können, aber ich musste mich körperlich austoben", sagt sie. "Ich brauchte keine Psychotherapie, ich habe mir Wächter gegen das Böse geschaffen."

Fünf Tage im Oktober

Das Böse, das das Leben von Gabriele von Lutzau und ihren 90 Leidensgenossen bedrohte, begann am 13. Oktober 1977. Fünf Wochen zuvor hatte die Rote Armee Fraktion (RAF) in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt und seine vier Begleiter erschossen. Die Terroristen wollten inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen, unter ihnen die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt gab nicht nach, startete stattdessen die bis dahin größte Polizeiaktion der bundesrepublikanischen Geschichte, um Schleyer zu finden – erfolglos.

Um den Druck zu erhöhen, verabredete die RAF mit ihren Verbündeten von der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" eine Unterstützungsaktion: die Entführung eines Urlauberjets. Ein Kommando junger Palästinenser übernahm: Zohair Akache, 23, alias "Captain Mahmud", seine Freundin Hind Alameh, 22, Nabil Harb, 23, sowie Souhaila Andrawes, 24.

Kurz nach dem Start der "Landshut" auf Mallorca brach die Hölle los. Die Entführer sprangen auf, so schildern es die Geiseln, schrien wild durcheinander und hielten mit ihren eingeschmuggelten Waffen Passagiere, unter ihnen auch Kinder, und Besatzung in Schach. Anführer Akache gab Rom als neues Ziel vor.

18. Oktober 1977 nach der Befreiung in Mogadischu: Gabriele von Lutzau, die damals noch Dillmann hieß, und Co-Pilot Jürgen Vietor verlassen erleichtert die "Landshut"

18. Oktober 1977 nach der Befreiung in Mogadischu: Gabriele von Lutzau, die damals noch Dillmann hieß, und Co-Pilot Jürgen Vietor verlassen erleichtert die "Landshut"

Die damals 23-jährige Stewardess Gabriele Dillmann, später verheiratete von Lutzau, vermittelte zwischen den Terroristen, der Besatzung und den Passagieren. Sie tat es in bestem Englisch und nicht ohne Risiko. "Ich brachte mich in eine unangenehme Nähe zu den Tätern", sagt sie, "sie hätten mich erschießen können, weil ich zu viel wusste."

Aber vielleicht verhinderte gerade dieser enge Kontakt noch Schlimmeres. Geiseln schildern den Anführer Akache als hypernervös und jähzornig. Er gefiel sich in seiner Rolle als Herr über Leben und Tod, vor allem gegenüber jungen Frauen. Dann wiederum bestellte er zum 28. Geburtstag der Stewardess Anna-Maria Staringer per Funk eine Torte und ordnete eine Feier an Bord an. "Wir mussten 'Happy Birthday' singen", sagt Gabriele von Lutzau, "es war gespenstisch."

Notlandung im Sand

Der Krisenstab in Bonn entschied, der "Landshut" eine Maschine mit Hans-Jürgen Wischnewski, Staatsminister im Bundeskanzleramt, und der Antiterroreinheit GSG 9 folgen zu lassen. Die gekidnappte Maschine war indes unterwegs nach Aden, in die Hauptstadt des Südjemen.

Die Entführer glaubten, sie kämen zu Verbündeten, da die damalige Demokratische Volksrepublik Jemen, wie sie sich nannte, antiwestlich orientiert war und enge Beziehungen zur DDR unterhielt. Ursprünglich sollte der Flug hier enden. Aber es kam anders.

Panzer blockierten die Landebahn. "Die Jemeniten wollten uns nicht haben", erinnert sich Vietor. Aber weiterfliegen war unmöglich, der Sprit reichte nur noch für Minuten. Die Piloten entschieden sich für eine Notlandung im Sand. Ein brandgefährliches Manöver. Vietor rechnete mit der Katastrophe: "Ich gab Schumann die Hand und sagte: 'Mach's gut. War ein schönes Leben, aber ein bisschen kurz.'" Dann habe er sich zu dem dritten Mann im Cockpit umgedreht, Akache, der nicht angeschnallt war. "Er bekam den Gurt nicht zu, weil er so zitterte." Vietor musste ihm notgedrungen helfen. Für den Palästinenser der "totale Gesichtsverlust".

Jürgen Vietor, 75, Ex-Copilot     "Wir flogen gerade über Südfrankreich, da hörte ich ein lautes Geräusch in der Kabine und dachte, ein Servicewagen sei irgendwo gegen gefahren. Aber dann wurde die Cockpit-Tür aufgerissen, es kam jemand rein – 'Mahmud', der Anführer – und hielt eine Pistole an Jürgen Schumanns Kopf. Mir trat er in die Rippen und schrie: 'Out, out, out!' Ich schnallte mich dann ab, verließ das Cockpit und flüsterte, als ich durch die Kabine ging, den Passagieren zu: 'Alles tun, was die wollen, alles tun, was die wollen.' Das wurde in einem Lehrfilm über das Verhalten bei Flugzeugentführungen empfohlen."

Jürgen Vietor, 75, Ex-Copilot

"Wir flogen gerade über Südfrankreich, da hörte ich ein lautes Geräusch in der Kabine und dachte, ein Servicewagen sei irgendwo gegen gefahren. Aber dann wurde die Cockpit-Tür aufgerissen, es kam jemand rein – 'Mahmud', der Anführer – und hielt eine Pistole an Jürgen Schumanns Kopf. Mir trat er in die Rippen und schrie: 'Out, out, out!' Ich schnallte mich dann ab, verließ das Cockpit und flüsterte, als ich durch die Kabine ging, den Passagieren zu: 'Alles tun, was die wollen, alles tun, was die wollen.' Das wurde in einem Lehrfilm über das Verhalten bei Flugzeugentführungen empfohlen."

Dann wurde es hektisch. Vietor wurde Zeuge, wie sich Anführer Mahmud und einige jemenitische Soldaten durch die geöffnete Tür anschrien. "Sie haben ihm befohlen, weiterzufliegen. Ein Schock für ihn. Sein Gesicht werde ich nie vergessen."

Schumann erklärte, er könne keine Verantwortung für einen Weiterflug übernehmen, ohne Fahrgestell und Triebwerke von außen zu kontrollieren. Akache stimmte zu.

Dann schoss er ihm eine Kugel ins Gesicht

Über das, was dann geschah, gibt es viele Versionen, aber keine sicheren Erkenntnisse. Schumanns letzte Meldung, das linke Fahrwerk sei "in Ordnung", habe er noch gehört, berichtet Vietor. Danach habe er seine Spur verloren.

Akache tobte und drohte, Schumann zu erschießen. Als der nach einer oder anderthalb Stunden – genau weiß das bis heute niemand – zurückkehrte, zwang er den Kapitän vor aller Augen auf die Knie. Er brüllte ihn an: "Guilty or not guilty?" Dann schoss er ihm eine Kugel ins Gesicht. Zwei Passagiere mussten Schumanns Leiche in einem Kabinenschrank verstauen.

Es sind diese Szenen, die Jürgen Vietor nicht vergessen kann. Seit damals fragt er sich: Warum musste Schumann sterben? Drehte Akache durch, weil sein Plan gescheitert war? Wurde Schumann draußen fest genommen? Versuchte er, über das Ende der Entführung zu verhandeln? Wollte er sich gar absetzen? Vietor sprach mit anderen Geiseln über deren Beobachtungen, verfolgte sämtliche Fernsehdokumentationen, studierte sogar Akten im Archiv – es gab keine Antwort. Nur eines glaubt er fest: "Es wurde behauptet, dass er abhauen wollte. Dagegen kämpfe ich, solange ich kann. Er wollte nicht abhauen."

Ulrich Wegener, 88, Ex-Kommandant der GSG 9     "Bevor wir die Maschine stürmten, sagte ich zu meinen Männern: 'Es kommt auf jeden Einzelnen von euch an. Ihr seid jetzt verantwortlich für alles, was passiert.' Aber es ging auch um das Zusammenspiel, das war es, was wir in all den Jahren so hart trainiert hatten. Meine stärkste Erinnerung an die Minuten nach dem Sturm ist, dass wir herumstanden und kein Ziel mehr hatten. Die Maschine war geräumt, alles hatte geklappt. Mein damaliger Adjutant fragte mich: 'Und was machen wir jetzt?' Als Erstes rief ich Helmut Schmidt an. Er war völlig fertig, konnte zuerst nicht glauben, dass wir auf unserer Seite keine Opfer hatten, nur einige Leichtverletzte. Ich merkte, wie er schluckte. Er hatte natürlich mit Toten gerechnet."

Ulrich Wegener, 88, Ex-Kommandant der GSG 9

"Bevor wir die Maschine stürmten, sagte ich zu meinen Männern: 'Es kommt auf jeden Einzelnen von euch an. Ihr seid jetzt verantwortlich für alles, was passiert.' Aber es ging auch um das Zusammenspiel, das war es, was wir in all den Jahren so hart trainiert hatten. Meine stärkste Erinnerung an die Minuten nach dem Sturm ist, dass wir herumstanden und kein Ziel mehr hatten. Die Maschine war geräumt, alles hatte geklappt. Mein damaliger Adjutant fragte mich: 'Und was machen wir jetzt?' Als Erstes rief ich Helmut Schmidt an. Er war völlig fertig, konnte zuerst nicht glauben, dass wir auf unserer Seite keine Opfer hatten, nur einige Leichtverletzte. Ich merkte, wie er schluckte. Er hatte natürlich mit Toten gerechnet."

Vietor wurde, wie andere aus der "Landshut" auch, nach den überstandenen Qualen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Aber er meint, den "höchsten Orden" habe Jürgen Schumann verdient, der habe sein Leben gelassen. Später gab Vietor den Orden zurück, aus Verärgerung über die Freilassung von RAF-Terroristen wie Christian Klar. "Es ging mir um die Opfer", so die Begründung, "die Mörder werden freigelassen, die Hinterbliebenen haben lebenslänglich."

Abflug Richtung Mogadischu

Mit einem Mörder im Cockpit musste Vietor von Aden aus allein zum nächsten Ziel fliegen: Mogadischu in Somalia. Nach der Landung war ihm klar: Das war's. Die Maschine fliegt keinen Meter mehr. In der engen, mit rund 90 Menschen besetzten Kabine war der Gestank nach fast 100 Stunden in glühender Hitze unerträglich. Es roch nach Schweiß, Urin, Fäkalien – und Tod. Schließlich schafften die Terroristen die Leiche des Kapitäns über eine Notrutsche ins Freie.

Im Schutz der Dunkelheit landete die zweite Lufthansa-Boeing mit der GSG 9 an Bord.

Akache stellte der Bundesregierung ein letztes Ultimatum: Freilassung der inhaftierten Terroristen bis halb zwei Uhr nachts, andernfalls werde die Maschine gesprengt. Die Entführer fesselten die Geiseln und übergossen sie mit den Spirituosen, die sie an Bord fanden. "Sie sagten: ‚Damit ihr besser brennt'", erinnert sich Gabriele von Lutzau. Über Funk richtete sie einen dramatischen Appell an die Politiker: "Ich möchte der deutschen Regierung sagen, dass es ihr Fehler ist, dass wir sterben werden – und wir werden sterben. Ich hoffe, Sie können mit dieser Schuld auf Ihrem Gewissen leben." Dann bat sie: "Sagen Sie meinem Freund, dass ich ihn liebe."

Die "Landshut" steht am 14. Oktober 1977 für zwei Tage auf dem Rollfeld des Flugplatzes von Dubai

Die "Landshut" steht am 14. Oktober 1977 für zwei Tage auf dem Rollfeld des Flugplatzes von Dubai

Sie ahnte nicht, dass ein junger Pilot im Tower des Flughafens Mogadischu ihre aufrüttelnde Botschaft hörte: Rüdeger von Lutzau, ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann. Er hatte sich sofort zum Einsatz in der zweiten Lufthansa-Maschine gemeldet, als er von der "Landshut"-Entführung erfuhr.

Dann kam die erlösende Nachricht: Die Bundesregierung wolle nun doch die RAF-Terroristen nach Somalia ausfliegen. Erleichterung an Bord, die Fesseln wurden gelöst. Aber es kam anders. Und es kam schnell. "Ich hörte nur ein Klicken, dann schrie jemand etwas auf Deutsch", berichtet Gabriele von Lutzau, "ich dachte, das ist es. Sie holen uns raus."

Die Einheiten der GSG 9 hatten sich unbemerkt angeschlichen und auf das Codewort ihres Kommandeurs Ulrich Wegener gewartet. "Magic Fire" – Feuerzauber. Vier Trupps drangen gleichzeitig über die Kabinentüren ein.

Sturm auf die "Landshut"

Der "Held von Mogadischu" sitzt heute im Rollstuhl. Nach einem Sturz wurde Wegener, 88, lange im Krankenhaus behandelt und erhielt ein künstliches Gelenk. Seither kann er nicht mehr richtig gehen, aber er arbeitet daran. Er ist diszipliniert. Wie schon sein Leben lang.

Gegründet wurde die GSG 9 nach dem Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Mogadischu wurde ihr größter und erfolgreichster Einsatz. Ein Mythos, obwohl Wegener nichts von solchen Begriffen hält: "Anderes war wichtiger. Zum Beispiel Leben zu retten." So hat das auch der ehemalige GSG9-Mann Dieter Fox gesehen. Heute ist er 70 Jahre alt und lebt bei Düsseldorf. Aber auch ihm sind 40 Jahre danach die Bilder der Flugzeugerstürmung präsent. "Die junge Terroristin erwiderte das Feuer durch die Toilettentür", sagt er. "Anführer 'Mahmud' schoss aus dem Cockpit. Die beiden anderen leisteten richtig Widerstand."

Zwei der Terroristen waren sofort tot: Zohair Akache und Hind Alameh. Nabil Harb lag im Sterben, Souhaila Andrawes war schwer verletzt. Die Geiseln blieben nahezu unversehrt, zwei GSG-9-Beamte wurden leicht verletzt. "Bevor wir stürmten", berichtet Fox, "war mein letzter Gedanke: 'Das wird gelingen.' Und so war es ja auch."

Dieter Fox, 70, Ex-Truppführer der GSG 9     "Ich habe nicht daran gedacht, dort zu sterben oder getroffen zu werden, meine Kameraden sicher auch nicht. Ich sage das ohne Arroganz: In diesen Jahren gab es keine Einheit in Europa, vielleicht sogar weltweit, die so gut im Flugzeugsturm war wie wir. Nachdem die Vorbereitungen zur Türöffnung getroffen waren, ging alles sehr schnell. Ich drang mit meinem Trupp hinten rechts ein und rief: 'Köpfe runter! Wo sind die Schweine?' Sofort senkten sich alle Köpfe. Das war exzellent, wir hatten freies Schuss- und Sichtfeld. Wir haben alle geschossen, ich auch. Das ist das Prinzip des schnellen Handelns. Nur wer schneller mit der Waffe ist, überlebt. Der Langsamere ist tot."

Dieter Fox, 70, Ex-Truppführer der GSG 9

"Ich habe nicht daran gedacht, dort zu sterben oder getroffen zu werden, meine Kameraden sicher auch nicht. Ich sage das ohne Arroganz: In diesen Jahren gab es keine Einheit in Europa, vielleicht sogar weltweit, die so gut im Flugzeugsturm war wie wir. Nachdem die Vorbereitungen zur Türöffnung getroffen waren, ging alles sehr schnell. Ich drang mit meinem Trupp hinten rechts ein und rief: 'Köpfe runter! Wo sind die Schweine?' Sofort senkten sich alle Köpfe. Das war exzellent, wir hatten freies Schuss- und Sichtfeld. Wir haben alle geschossen, ich auch. Das ist das Prinzip des schnellen Handelns. Nur wer schneller mit der Waffe ist, überlebt. Der Langsamere ist tot."

Fox ist ein kräftiger Mann mit bedächtiger Stimme, der Selbstbewusstsein ausstrahlt und an John Wayne erinnert. Flugzeugsturm, das sagt er tatsächlich, war mit Abstand der gefährlichste, der "Königseinsatz im Terrorismus, so makaber das klingt". Um "das Ding sauber zu Ende zu bringen, ohne Tote", seien "50 Prozent Können und 50 Prozent Glück" nötig. Seine stärkste Erinnerung ist das Bild der schwer getroffenen Terroristin Souhaila Andrawes in einer der Stuhlreihen. Nach der Schießerei stand Fox mit Wegener und somalischen Offizieren über ihr. Er dachte, sie sei tot. "Plötzlich kommt ein leises Stöhnen." Kein Reflex, noch einmal auf sie zu schießen? "Nein, keine Sekunde. Ich bin rechtsstaatlich und polizeilich erzogen worden." Was heißt das? "Wegener hatte schon den Befehl zum Einstellen des Feuerkampfs gegeben, die Maschine war sauber."

Als die halb verblutete Andrawes auf einer Trage durch die Abflughalle geschleppt wurde, entstanden Bilder, die unvergessen bleiben sollten. "Wir werden siegen", rief sie, "auch wenn ihr mich tötet. Kill me! Kill me!" Dann spreizte sie die Finger der rechten Hand zum Victory-Zeichen.

"Es bleiben Narben auf der Seele"

In der Abflughalle von Mogadischu blieb für die Geiseln unterdessen nicht viel Zeit. Gabriele Dillmann war "wie vom Donner gerührt", als sie plötzlich ihren Freund entdeckte. Sie fielen sich in die Arme. Auch die Bilder des Liebespaars von Mogadischu gingen um die Welt.

Sohn Jörn wurde 1978 geboren, Tochter Felicitas 1988, Ehemann Rüdeger machte als Langstreckenpilot bei der Lufthansa Karriere. Aber es kamen auch schwere Zeiten. Bei der Geburt des Sohns wäre Dillmann fast gestorben, in Neuseeland überlebte sie einen schweren Autounfall, und seit einigen Jahren kämpft sie gegen Brustkrebs. "Wir bekommen auf unseren Lebensweg viele Steine gelegt", sagt sie trocken. Durch die "Landshut"-Erfahrung sei sie "grundsätzlich dünnhäutiger" geworden. "Es bleiben Narben auf der Seele." Mit ihrer Familie hat sie nie über diese Narben gesprochen. Nicht mit dem Mann, nicht mit den Kindern. "Es war ein Tabuthema." Das wurde erst aufgebrochen mit der Reise nach Fortaleza, auf der Tochter Felicitas sie begleitete.

Als Gabriele von Lutzau nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder in die "Landshut" kletterte und ihr die Hitze aus dem alten Metallrumpf entgegenschlug, war auf einen Schlag alles wieder da. Aden. Mogadischu. Der ganze Horror. Aber dann kam ein Arbeiter und öffnete die Türen. "Da bin ich auf den Flügel gelaufen", erzählt von Lutzau, "und habe im Schnelldurchgang noch einmal meine Befreiung erlebt."

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