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Italienisches Hotel "Rigopiano": Ein Jahr nach der verheerenden Lawine in Italien: Sie leben, sie kämpfen, sie sterben

Vor einem Jahr riss eine gewaltige Lawine das Hotel "Rigopiano" in den Abruzzen mit. 29 Menschen starben. Überlebende und Betroffene sind noch immer weit davon entfernt, den Horror zu überwinden.

Was bleibt: Rettungskräfte stehen Ende Januar 2017 zwischen den Trümmern des Hotels "Rigopiano" in den Abruzzen

Was bleibt: Rettungskräfte stehen Ende Januar 2017 zwischen den Trümmern des Hotels "Rigopiano" in den Abruzzen

Giampaolo M. dürfte nicht leben, nicht nach dem vergangenen Jahr. Nicht, nachdem er metertief unter Schnee und Schutt eingequetscht wurde, das eine Bein nach vorne gerichtet, das zweite nach hinten, den rechten Arm unter einem Balken eingepfercht, das Kinn auf einem Menschenkörper gebettet. Er sagt, er wisse bis heute nicht, worauf er da gelegen sei. Vielleicht war es ein Oberschenkel, vielleicht ein Unterschenkel oder eine Taille, irgendetwas Weiches, da ist er sich sicher. Mit dem linken Arm habe er kleine, kreisförmige Bewegungen machen können, und den Kopf konnte er heben und senken. Das war alles. Er habe nicht gegessen und nichts getrunken. Musste er auf Toilette, dann ließ er es einfach geschehen. So lag er da, 62 Stunden lang. Dann holten ihn Retter aus den Trümmern dessen, was von dem Vier-Sterne-Hotel "Rigopiano" übrig geblieben war. Tage zuvor, am 18. Januar 2017, hatte eine gewaltige Lawine das Hotel in den Abruzzen nach einer Erdbebenserie mitgerissen. Fast 40 Menschen wurden verschüttet. 29 Menschen starben. Giampaolo M. hätte eines dieser Todesopfer sein können. Er war der Letzte, den die Retter lebend bargen.

Guido C. überlebte "Rigopiano" nicht, dabei war er gar nicht vor Ort. Der 58-Jährige fand sich auf keiner Gästeliste, noch zählte er zum Personal des Hotels oder zu den Einsatzkräften, die sich nach der Lawine mit Skiern zum eingeschneiten Unglücksort aufgemacht hatten. Wo Guido C. war, als sich am späten Nachmittag des 18. Januar die Schneemassen lösten oder was er tat, als die ersten toten Körper geborgen wurden, ist bis heute nicht bekannt. Die Öffentlichkeit erfuhr von Guido C. erst Monate später - als sich der frühere General der Forstwache Mitte November das Leben nahm. 

Blick auf die Trümmer des Rigopiano Hotels

Blick auf die Trümmer des Hotels "Rigopiano"

Rigopiano: Ein Hinterbliebener verlangt Gerechtigkeit

Ein Jahr nach der Tragödie sitzt Giampaolo M. in einem italienischen TV-Studio, in einem roten Sessel und spricht über die Katastrophe, der er entkommen ist. M. ist circa 30 Jahre alt. Wenn alles gut läuft, habe er noch rund 40 Lebensjahre vor sich, oder 50, 60, erinnert ihn der Moderator, der ihm gegenüber sitzt, im Laufe des Gesprächs, doch Giampaolo M. sagt, er habe sich einem "Krieg" verschrieben. Keinem Kampf, nein, das sei zu wenig, einem echten Krieg: Er wolle, dass die Verantwortlichen für das Unglück von "Rigopiano" zur Rechenschaft gezogen werden. Und zwar alle. Denn Giampaolo M. lebt. Seine Valentina aber ist tot.

Guido C. schrieb drei Abschiedsbriefe, bevor er entschied, dass es nun an der Zeit sei zu gehen. "Seitdem die Tragödie mit 'Rigopiano' passiert ist, ist mein Leben ein anderes", heißt es darin. "Die Opfer lasten auf mir wie ein Felsblock." Unter all den Dokumenten, die mit der umstrittenen Errichtung des Hotels auf 1200 Metern Meereshöhe zu tun hätten, gäbe es auch welche, die seine Unterschrift tragen würden. Von dem Hotel selbst wisse er zwar nichts, zitierte "Il Corriere" aus den Briefen, aber bei der Errichtung eines Nebengebäudes habe er Unterschriften geleistet. Dort seien zwar keine Todesopfer zu beklagen gewesen. "Doch das linderte nicht meinen Schmerz."

Das Hotel hätte nicht da stehen dürfen, sagt Giampaolo M. im roten Talk-Show-Sessel. Und: An diesem Tag hätte es nicht offen sein dürfen. Und: Die Straße, die zu dem Hotel führte, hätte befahrbar sein müssen. Während er spricht, hängt sein rechter Arm schlaff am Körper herab. "Ich habe acht Operationen hinter mir", sagt er, er erzählt von acht Bluttransfusionen, einem dreimonatigen Krankenhausaufenthalt. Seine Arbeit habe er verloren. "Noch schlimmer aber wiegt, dass ich die Hoffnung verloren habe, mein Leben mit Valentina und Gaia zu verbringen." Gaia, die gemeinsame Tochter, ist sechs Jahre alt. Aus der alten Wohnung sei er ausgezogen, sagt er, er lebe nun wieder bei seinen Eltern. "Sobald ich die Tür zur alten Wohnung aufschließe, kann ich Valentina riechen, bis heute." An seiner rechten Hand trägt er einen schwarzen Handschuh. Er habe mal ihr gehört. "Sie wärmt mich. Es ist, als würde sie mich jeden Tag ganz fest meine Hand drücken."

"Hätte ich mehr tun können?"

"Hätte ich mehr tun können?", fragte sich Guido C. in den Monaten nach der Katastrophe offenbar immer wieder, so schrieb er es in seinen Briefen, aus denen italienische Medien an den Tagen nach dem 17. November immer wieder zitieren. "Rigopiano war einer der Gründe, warum ich meinen Job gekündigt habe, warum ich versucht habe, etwas anderes zu machen. Ich habe versucht, nicht daran zu denken, andere Dinge zu finden, Abenteuer, unnütze Projekte. Aber ich lebe nicht, ich vegetiere nur und tue so, als würde ich leben." Den Berichten zufolge fanden zwei ehemalige Arbeitskollegen Guido C. am späten Abend, es sei gegen 21 Uhr gewesen. Guido C. hinterließ Frau und Töchter. 

Ein Jahr nach der Tragödie von "Rigopiano" ermittelt die Justiz noch immer, warum die Gefahr durch das Schneechaos und die Erdbeben unterschätzt worden war und der Rettungseinsatz erst so spät anlief. Die Staatsanwaltschaft Pescara hat mehr als 20 Personen ins Visier genommen, unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung. Sie geht unter anderem Anschuldigungen nach, wonach Notrufe ignoriert worden sein sollen und die Lawinengefahr unterschätzt worden sei. Eine Anklage gibt es noch in keinem der Fälle. 

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