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Urteil gegen Silvio S.: Mohameds Mutter schreit: "Was hast Du meinem Sohn getan?"

Lebenslänglich hat Silvio S. bekommen, die Höchststrafe. Mohameds Mutter brüllt ihm ihren Schmerz ins Gesicht. Richter Horstkötter bleibt bei der Urteilsbegründung besonnen - auch wenn er dem Täter nichts erspart.

Landgericht Potsdam: Die Mutter von Elias (links) sowie ihr Lebensgefährte und die Mutter des kleinen Mohamed

Unbezwingbarer Schmerz: die Angehörigen der Opfer bei der Urteilsverkündung im Fall Silvio S. im Landgericht Potsdam. Links vorne die Mutter von Elias, daneben ihr Lebensgefährte. Hinten Mohameds Mutter.

Es ist 11.52 Uhr, als Aldiana Januzi ausrastet. "Du bist ein Arschloch", schreit sie durch Saal 8 des Landgerichts Potsdam. Sie will sich auf den Angeklagten stürzen, sofort umringen sie Justizmitarbeiter und halten sie zurück. "Was hast Du mit meinem Sohn gemacht?" Ihre Stimme wird immer höher und schriller, sie versucht sich aus den Armen zu winden, die sie zum Hinterausgang schieben. "Du bist ein Aaaaaaaarschloch". Sekunden später ist Aldiana Januzi verschwunden.

Silvio S. verbirgt sein Gesicht zwischen den Händen.

Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter pausiert kurz, dann setzt er seine Urteilsbegründung fort.

Quälende drei Stunden wird sie dauern.

Lebenslänglich bekommt Silvio S., die höchste Strafe, die ein Strafgericht verhängen kann. Außerdem stellt der Richter die besondere Schwere der Schuld fest. Silvio S. kann nicht damit rechnen, nach 15 Jahren entlassen zu werden, er wird länger einsitzen. Der Knast ist für Täter wie ihn die Hölle, weil sie auf der untersten Hierarchiestufe stehen. Der 33-jährige hat zwei Kinder entführt, missbraucht und erdrosselt. Eines davon war Mohamed, Aldiana Januzis Sohn. Er war gerade einmal vier Jahre alt.

40.000 Euro Schmerzensgeld wird Silvio S. Mohameds Eltern zahlen müssen, auch das gehört zum Urteil.

Es ist drückend heiß in Potsdam und die Luft im Saal zum Schneiden. Dass Silvio S. lebenslänglich bekommen würde, hatte sich bereits beim letzten Verhandlungstag des Prozesses am Dienstag vergangener Woche abgezeichnet. Nicht einmal seine Verteidiger hatten versucht, dieses Strafmaß abzuwehren. Sie wollten nur die besondere Schwere der Schuld abwenden. Vergeblich.

Keine Sicherungsverwahrung

Andererseits entscheidet sich Horstkötter gegen die Anordnung einer Sicherungsverwahrung nach der Haftstrafe. Er folgt damit dem psychiatrischen Gutachten, wonach Silvio S. kein "Hang" nachzuweisen sei, solche Taten zu wiederholen. Der Brandenburger sei weder psychisch krank noch pädophil oder sadomasochistisch. "Was hier stattgefunden hat, ist sexuelle Bedürfnisbefriedigung. Sie haben Kinder ausgesucht, weil sie wehrlose Opfer sind", sagt Horstkötter zum Angeklagten.

Der Gutachter hatte Silvio S. eine "selbstunsichere Persönlichkeit" attestiert. An Gleichaltrige hatte sich der gelernte Fliesenleger nie herangetraut. Als er versuchte, über ein Dating-Portal Frauen kennenzulernen, wusste er nicht, was er schreiben sollte. Mehr als "Hallo" brachte er nicht heraus.

In seiner Urteilsbegründung schildert Horstkötter nochmals in aller Ausführlichkeit Silvio S.' Lebenslauf, er will erklären "warum ein Mensch ein solches Verbrechen begeht, warum Sie ein solches Verbrechen begangen haben".  Silvio S., der dürre, inzwischen grau-melierte Mann, der auf der Anklagebank sitzt, scheint aufmerksam zuzuhören - vielleicht ist das Gericht, so perfide es klingt, der einzige Ort, an dem sich jemals Menschen ernsthaft mit seiner Existenz auseinandergesetzt haben.

Parallelwelt mit Pornos

Der Vater ein cholerischer Rentner, der den Sohn ständig anschreit, er solle sich etwas Anständiges anziehen. Die Mutter, zu der er Vertrauen hat, führt einen Getränkehandel. Aus der Schule bringt Silvio S. durchschnittliche Noten nach Hause, ist aber Außenseiter. "Sie waren äußerst schüchtern, zurückhaltend", sagt Horstkötter. "Die Mitschüler hänselten Sie, beleidigten Sie sogar. Sie seien hässlich, würden stinken." Abgang nach der 10. Klasse, zwei gescheiterte Koch-Lehren, seine Lehrmeister sagen ihm, er sei zu schwerfällig und dumm. Erntehelfer, Lagerhelfer, schließlich Wachdienst. 1000 Euro netto. Silvio S. bleibt bei den Eltern wohnen, seine Freizeit verbringt er mit Fernsehen, Computerspielen und Hardcore-SM-Filmen, in denen Frauen erniedrigt und benutzt werden. Die Pornos, das ist seine Parallelwelt.

"Sie dienten als Masturbationsvorlage für die von Ihnen regelmäßig vorgenommene Selbstbefriedigung", formuliert Horstkötter. Es ist ein nicht untypischer Satz für diesen Richter. Er versachlicht Intimität und Grauen, macht es mit technischen sowie juristischen Begriffen bearbeitbar. Eine fast provozierende Professionalität. Nur die Schreie von Mohameds Mutter erinnern daran, dass da noch mehr ist, viel mehr. Großer, unbezwingbarer, realer Schmerz.

Silvio S. schweigt

Es ist ein "zurückgezogenes, einsames, freudloses Leben", das Silvio S. führt, sagt Horstkötter. Beim Wachdienst geben sie ihm nur die Nachtschichten, weil die keiner machen will. Alle seine Wünsche nach Nähe, Zuwendung, Sexualität bleiben unbeantwortet. Umso mehr steigert er sich in seine Fantasien herein. Kauft Mädchen-Puppen, mit denen er kuschelt und an denen er sich befriedigt. Irgendwann reicht das nicht mehr. Und Silvio S. beginnt mit den "konkreten Vorbereitungshandlungen", wie Horstkötter sagt.

Er legt sich Fesseln zu, ein stiff-neck, Masken, Chloroform und "Lockmittel" - Spielzeug, Gummibärchen, Stofftiere.

Als Horstkötter die Entführung und den Missbrauch von Elias, 7, aus Potsdam schildert, sind dessen Eltern schon nicht mehr im Saal. Silvio S., der die Ausführungen zu seiner Biografie noch mit erhobenem Kopf verfolgt hatte, vergräbt ihn nun wieder in seinen Händen. Und je grausiger die Details werden, je genauer Horstkötter schildert, wie er das Kind oral und anal missbraucht hat, um so mehr sackt Silvio S. in sich zusammen. Immerzu schüttelt er den Kopf, als sei etwas falsch dargestellt. Aber er sagt nichts, er schweigt, wie schon den ganzen Prozess über. Er liefert das Bild einer vollständig entblößten Armseligkeit.

Nach Elias kommt Horstkötter auf Mohamed zu sprechen, den Silvio S. im Chaos des Lageso entführte. Aldiana Januzi erträgt die Darstellung des Missbrauchs und der Ermordung ihres Sohnes kaum, der Dolmetscher übersetzt ihr Wort für Wort. Sie bricht in Tränen aus, ihre Anwälte versuchen sie zu stützen. Als Horstkötter berichtet, wie Silvio S. Mehl und Katzenstreu kauft, um damit den Leichnam des kleinen Mohamed zu bedecken, damit der Verwesungsgeruch nicht aus dem Auto dringt, wo der tote Junge in einer gelben Plastikwanne im Kofferraum liegt - da wird es zu viel für sie. Es ist 11.52 Uhr in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts.

Das Bild der Bestie

Horstkötter wird noch rund eine Stunde weiter reden, er erspart Silvio S. nichts, die Konfrontation ist umfassend. Erst am Ende seiner Urteilsbegründung schlägt Horstkötter nochmal einen neuen Weg ein. Er rät Silvio S., die Therapieangebote anzunehmen, die ihm jetzt gemacht würden. Und er sagt, dass dem Gericht nicht entgangen sei, dass hier ein Mensch nicht nur schwere Schuld auf sich geladen habe, sondern dass es auch um einen Mensch gehe, der nach Anerkennung, Liebe und Zuneigung gesucht habe.

Der Richter hätte Silvio S. anders verabschieden können. Er hätte das Bild der "Bestie", das Staatsanwalt und Nebenkläger im Prozess entwickelt hatten, im Raum stehen lassen können. Er hätte diesen Menschen vollständig zerstören können. Er hat es nicht getan.

Innerhalb einer Woche müssen Staatsanwalt und Verteidiger von Silvio S. nun jeweils beraten, ob sie in Revision gehen wollen. Es deutet wenig darauf hin, dass sie es tun werden.