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Lebenslange Haft für den "Maskenmann": Das Ende eines bösen Traums

Immer wieder drang er in die Schlafzimmer von kleinen Jungen ein, missbrauchte sie, drei tötete er. Der Schrecken hat nun ein Ende: "Maskenmann" Martin N. wird nie wieder freikommen.

Es sind Szenen wie aus einem bösen Traum. Ein maskierter Mann schleicht nachts an die Betten von kleinen Jungen und missbraucht sie. Drei von ihnen entführt und erwürgt der 41-Jährige. Aber es ist kein Alptraum, sondern schreckliche Wirklichkeit. Jahrelang versetzt der "Maskenmann" Kinder und Eltern in Norddeutschland in Angst. Kinderzimmer, Schullandheime, Zeltlager - nirgendwo sind seine Opfer vor ihm sicher. Jetzt hat der Schrecken endlich ein Ende: Der Serientäter Martin N. muss lebenslang ins Gefängnis und danach in die Sicherungsverwahrung.

Missbrauchsopfer und die Eltern der getöteten Jungen sind am Montag erleichtert, als die Richter in Stade das Urteil verkünden. Im Gerichtssaal hatte der dunkle Schatten nach Jahren der Ungewissheit für sie erstmals ein Gesicht bekommen. Viele von ihnen leiden noch heute unter den Verbrechen. Ein 26-Jähriger aus Bremen berichtet, dass er jahrelang Angst hatte, im Dunklen zu schlafen. "Danach ist alles ein bisschen anders gewesen", sagte er. Erst mit Therapien und Tabletten bekommt er seine Depressionen in den Griff.

Nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden

Während des Prozesses ist er als Nebenkläger ständig anwesend, sitzt seinem Peiniger direkt gegenüber. Immer wieder blickt der junge Mann zu dem Angeklagten hinüber, die Kiefer fest aufeinandergepresst. Doch nach Zeichen von Reue oder anderen Gefühlsregungen sucht er in Martin N.s Gesicht vergeblich. Die meiste Zeit verharrt dieser regungslos auf seinem Stuhl, starrt ausdruckslos auf die Tischplatte - so als hätte er seine Maske gar nicht abgenommen. Ein dichter Bart und langes zotteliges Haar, das ihm in die Stirn fällt, verbergen seine Züge.

Egozentrisch, wenig emotional und nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden - so beschreibt ein Psychiater den 41-Jährigen. Schon in der Schule ist er ein Einzelgänger, hat keine Freunde und Beziehungen, zu Mädchen schon gar nicht. Bereits als Jugendlicher entwickelt er eine sexuelle Vorliebe für kleine Jungen. "Er empfindet diese als niedlich, als hübsch", erläutert der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp. Doch diese dunkle Seite kann er jahrelang erfolgreich verbergen. Er führt ein Doppelleben: Tagsüber ist er der liebevolle Betreuer auf Ferienfreizeiten und in Heimen, nachts verwandelt er sich in den "Maskenmann".

Nur einmal ergreift Martin n. das Wort

Nur einmal ergreift Martin N. im Gerichtssaal selbst das Wort. Am letzten Verhandlungstag spricht er von unfassbarem Leid, dass er den Eltern der getöteten Jungen und seinen Missbrauchsopfern zugefügt habe. Mit tiefer, weicher Stimme liest er seinen Text von einem Blatt ab - mit einer Stimme, die im Vorlesen erprobt ist, die angenehm und beruhigend klingt. Vielleicht ein Grund dafür, dass viele der Jungen still hielten und nicht nach Hilfe riefen, als er sie berührte. Oder dass Dennis R. 1995 freiwillig mitging, als sein späterer Mörder ihn nachts aus einem Zeltlager holte. Auch der 26-jährige Bremer beschreibt den früheren Betreuer als tollen Kumpel, mit dem man viel Spaß haben konnte.

Doch das war nur die Fassade. Einmal bricht Martin N. im Prozess in Tränen aus - als es um ihn und seine eigene Zukunft geht, nicht um die Opfer. Auch die Polizisten, vor denen er die Morde und sexuellen Übergriffe gestanden hat, schildern einen tränenreichen Zusammenbruch. Doch der habe sich mehr auf die eigene Situation bezogen, sagt Ermittler Alexander Horn. "Er hat gesagt, dass er Angst hat vor dem, was kommt und was auf seine Familie zukommen wird."

Bergen N.s Festplatten noch dunkle Geheimnisse?

Der 26-Jährige aus Bremen will nach dem Urteil einen Schlussstrich ziehen. "Ich kann anfangen, alles zu verarbeiten - ein normales Leben zu führen." Mit dem Strafmaß sind zwar alle Nebenkläger zufrieden. Doch Genugtuung empfindet der Vater von Dennis R. nicht. Es seien zu viele Fragen zum Tod seines Sohnes ungeklärt geblieben, erläutert sein Anwalt Johannes Giebeler.

Martin N. weigert sich nach wie vor, die Passwörter für seinen Computer und mehrere Festplatten herauszugeben - angeblich um Freunde und Bekannte zu schützen. Doch vielleicht verbirgt er dort noch mehr dunkle Geheimnisse. So sind die Morde an dem elfjährigen Nicky in den Niederlanden und den zehnjährigen Jonathan in Frankreich noch ungeklärt. Sie könnten auf das Konto von Martin N. gehen, meinen die Ermittler. Doch beweisen können sie es nicht.

dho/DPA / DPA