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Lebenslange Haft nach Dreifachmord Keine Gnade für den Sheriff von Groitzsch


Wenn ostdeutsche Schrottdiebe, die große Liebe eines bayerischen Buchhändlers und "bewusstseinsgetrübte Zustände" aufeinandertreffen, dann gibt es einen Dreifachmord - und lebenslange Haft.
Von Manuela Pfohl

Es könnten Bakterien im Gehirn gewesen sein, oder auch ein Eisenmangel im Blut. Guido N. ist sich da nicht ganz sicher. Nur soviel steht für ihn fest: Dass er innerhalb von 16 Monaten drei Menschen erschossen hat, liegt nicht an ihm selbst. Sondern an den "bewusstseinsgetrübten Zuständen", die irgendwann bei ihm einsetzten. Lebenslang soll der Besitzer einer christlichen Buchhandlung dafür hinter Gitter. Guido N. kann das nicht wirklich verstehen. "Ich habe in Groitzsch keinen Ausweg mehr gesehen", sagt der 41-Jährige, als am Mittwoch am Leipziger Landgericht das Urteil "Lebenslang" gegen ihn gesprochen wird. High Noon in Sachsen?

Etwas mehr als zwei Monate haben die Richter gebraucht, um im Prozess die Erinnerungen von Guido N. mit den Ermittlungsergebnissen der Soko "Schrott" abzugleichen. Am Ende standen sie vor einer irren Geschichte, die damit begann, dass es den tiefreligiösen Mann aus dem oberbayerischen Cham irgendwann in den Osten zog. Nach Groitzsch in Sachsen. Das gerade mal 8000 Einwohner zählende Örtchen südlich von Leipzig lockte mit einem idyllischen Fleckchen Erde am Rande der Gemeinde. Hier wollte Guido N. seine große Liebe pflegen: alte Autos restaurieren. Wann immer es seine Zeit, die Geschäfte und die Gattin erlaubten, zog er sich in sein ostdeutsches Refugium zurück, um dort zu werkeln. Eine Feuerwehr beispielsweise und einen alten Lkw mit Betonmischmaschine hatte er schon in einer Halle auf seinem Grundstück stehen.

Allenthalben "Diebe und Vandalen"

Als Tino L. sich im April 2009 der Halle nähert, ahnt er nicht, dass Guido N. ihn beobachtet. Der 27-Jährige aus Groitzsch hatte sich, so ergaben es die Ermittlungen, im April 2009 in der Nähe der Halle "herumgedrückt", um möglicherweise Schrott zu sammeln. Für den Bayern, der allenthalben "Diebe und Vandalen" vermutete, reichte das aus, seinen Revolver zu ziehen und den jungen Mann mit drei Schüssen in den Rücken niederzustrecken. Aus Notwehr, wie er später dem Gericht versichert. Zunächst allerdings vergaß er, den Vorfall der Polizei zu melden und kehrte in seinen Alltag als braver Familienvater nach Bayern zurück.

Monatelang wurde im Ort spekuliert, wer Tino L. getötet haben könnte, und warum. Als schließlich im September 2010 erneut zwei junge Männer erschossen werden, geht die Angst um in Groitzsch. Dem 19-jährigen Patrick B. war zusätzlich mit dem Metallteil eines Baugerüsts der Schädel zertrümmert worden. Der 23 Jahre alte Dennis H. hatte Wunden, die vom Griff eines Revolvers stammten. So etwas, da sind sich alle einig, kann nur ein Irrer getan haben. Die Polizei bildet eine 72 Mann starke Sonderkommission und stellt schnell fest, dass alle drei Opfer mit einem Revolver des Kalibers 357 Magnum getötet wurden. Guido N. gerät in Verdacht, verschwindet spurlos, wird europaweit gesucht - und stellt sich schließlich auf den Rat seiner Mutter hin in Kraiburg am Inn.

"Ich hab keinen Hang zu Gewalttaten"

Er sieht sich schuldlos und berichtet, er habe lediglich zwei Schrottdiebe in seiner Groitzscher Lagerhalle erwischt und sie erschossen, weil sie ihn bestehlen wollten. Und er gesteht auch den Mord, sechzehn Monate zuvor. Sein Verteidiger Malte Heise versucht zu erklären: "Er empfand sich den Schrottdieben hilflos ausgeliefert." Ein Freizeit-Sheriff, der in den Sommerferien für Ordnung sorgt, wo keine Ordnung ist?

Die zuständige Oberstaatsanwältin Claudia Laube sieht es anders: "Der Angeklagte hat sein Recht in die eigene Hand genommen, hat seine Werte über das Leben von drei Menschen gestellt." Weil seine Anzeigen bei der Polizei nicht fruchteten, habe er mit seinem Revolver 2009 und 2010 Jagd auf Menschen gemacht. Alle drei Opfer seien arg- und wehrlos gewesen. "Ein eklatanteres Missverhältnis zwischen dem Anlass der Tat und der Tat selber habe ich noch nie gesehen", so Laube.

Guido N. will von seiner skrupellosen Tat nichts hören. Der schmächtige Angeklagte sinkt während der Urteilsbegründung schlaff und laut schluchzend auf der Anklagebank zusammen. Er sagt: "Ich habe keinerlei Hang zu Gewalttaten, mich ekelt es davor." Sind das die Zeichen der von ihm vermuteten "bewusstseinsgetrübten Zustände"?

Mit DPA

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