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Nachsitzen: Lehrer versperrte Schülern den Weg aus der Klasse - und wird verurteilt

Die letzte Schulstunde des Tages war laut und die Schüler unruhig. Da setzte sich der Lehrer zum Ende quer vor die Klassentür. Das hätte er besser nicht getan. Nun muss er bei einer Fortbildung selbst nachsitzen.

Musiklehrer Phillip Parusel steht in einem Saal des Amtsgerichts in Neuss

Musiklehrer Phillip Parusel hat Schülern eine Strafarbeit gegeben und sie laut Anklage so lang am Verlassen der Klasse gehindert haben, bis sie alle Aufgaben gelöst hätten

Es war laut, es war unruhig und seinen geplanten Unterricht zum "Teufelsgeiger" Paganini konnte Musiklehrer Phillip Parusel abhaken. Deswegen befahl der 50-Jährige seiner sechsten Klasse einer Realschule in Kaarst, den Wikipedia-Eintrag über den Musiker abzuschreiben. Was sich dann abspielte, trug dem Lehrer am Mittwoch - pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahres in Nordrhein-Westfalen - eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung ein.

Zum Ende der Stunde hatte der Pädagoge sich mit seinem Stuhl quer vor die Klassentür gesetzt, eine Gitarre auf dem Schoß. Wer raus wollte, musste den abgeschriebenen Text vorzeigen. "Alle wollten schnellstmöglich abgeben, damit sie nach Hause gehen konnten", berichtet Schüler J. im Zeugenstand. Doch mehrere Schüler durften zunächst nicht gehen - und Schüler J. wurde recht unsanft zurück geschoben. Da rief ein anderer per Handy die Polizei. In der Klasse würden Schüler festgehalten und geschlagen.

"Das passiert vermutlich jeden Tag"

Amtsrichter Heiner Cöllen attestierte dem Lehrer in Neuss, einen Schritt zu weit gegangen zu sein - "bei allem Verständnis für den schweren Job". Den Stoß in den Bauch des heute 13 Jahre alten Schülers wollte der Richter aber nicht wie die Anklage als Körperverletzung werten - und sprach den Lehrer von diesem Vorwurf frei.

Von einer Geldstrafe sah Cöllen ebenfalls ab und beließ es bei einer seltenen "Verwarnung mit Strafvorbehalt": Wenn der Lehrer sich zum Umgang mit schwierigen Schülern fortbilde, also quasi selbst nachsitze, könne er sich 1000 Euro Geldstrafe ersparen. "Bedenklich" nennt die NRW-Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Dorothea Schäfer, die Entscheidung: "Das passiert vermutlich jeden Tag in irgendeiner Schule in NRW. Es sollte möglich sein, dass Schüler auch mal fünf Minuten länger in einer Klasse bleiben."

"Das Ende des Unterrichts bestimmt der Lehrer - sonst niemand", sagt auch Udo Beckmann vom Lehrerverband VBE, zeigt aber Verständnis für das Urteil: "In der Regel hat der Lehrer den Schüler nicht anzufassen. Damit geht er einen Schritt zu weit." Schüler dürften nicht körperlich am Verlassen des Klassenraums gehindert werden.

Kein pädagogischer Wert für die Schüler

"Es hat ein bisschen wehgetan" - Schüler J. blieb am Mittwoch bei seiner Aussage: Der Lehrer habe ihn bei der Rückgabe des Textes mit der Faust in den Magen getroffen. Absicht wolle er ihm aber nicht unterstellen - es könne auch ein Versehen gewesen sein. Er habe lediglich einen Vordrängler zurück geschoben, sagte Lehrer Parusel. Sich in einer Reihe anzustellen müsse schließlich möglich sein und notfalls auch beigebracht werden.

Eine reine Strafarbeit ohne pädagogischen Wert sei die Abschreiberei gewesen, kritisierte der Vertreter der Staatsanwaltschaft und beantragte 1500 Euro Geldstrafe. Zuvor war die Behörde noch bereit gewesen, das Verfahren gegen 300 Euro Geldauflage einzustellen.

Doch der Musikpädagoge hatte abgelehnt, weil er sich für unschuldig hielt: "Es ging mir nicht ums Geld", betonte er. Sein Unterricht sei keine Strafarbeit gewesen und er müsse nicht alle Schüler gleichzeitig aus dem Klassenraum stürmen lassen. Ob er sich mit dem Urteil abfinden werde, wisse er noch nicht. Dabei habe er nichts gegen die Fortbildung: "Ich bin offen für Tipps." 

jen / DPA