HOME

Leichenfunde in Gießen: Mutter bestreitet Babytötungen

Noch wissen die Ermittler wenig über das Familiendrama in Langgöns bei Gießen. Warum mussten drei Babys sterben? Ihre Mutter bestreitet, sie getötet zu haben.

Von Manuela Pfohl

Eigentlich war es nur ein Routineauftrag für das Giessener Unternehmen. Eine Wohnung im hessischen Langgöns, in der eine 40-Jährige gelebt hatte, sollte am Dienstag aufgelöst werden. Das Übliche. Die Zimmer besichtigen, schauen, was in den Müll kann und was gesichert werden muss. Zwei Campingkühlboxen stehen da. Reflex: reinschauen! Was ist das? Dann das Entsetzen, das Staatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg einen Tag später so umschreibt: "Es handelt sich um zwei Babyleichen, die nicht nur mehrere Monate, sondern schon länger dort gelegen haben." Aufgrund des Zustandes der Leichen "haben wir größte Schwierigkeiten, etwas herauszufinden". Es sind zwei Jungen, soviel wissen die Ermittler inzwischen.

Die Beamten, die am Dienstag von den geschockten Arbeitern informiert werden, tun, was in so einem Fall üblich ist. Sie sperren die Wohnung, die in einem zweigeschossigen Mehrfamilienhaus liegt, ab, sichern Spuren, suchen nach Hinweisen. Am Mittwochvormittag durchstöbern sie den dazugehörigen Keller und die von der Ex-Mieterin genutzte Garage. Und trauen ihren Augen kaum. In einer dritten Kühlbox, die sie in der Garage finden, liegt ein weiterer Säugling, dessen Geschlecht bislang noch nicht geklärt werden konnte.

Spätestens jetzt werden bei den Polizisten Erinnerungen wach geworden sein, an den Fall im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd. Im Sommer 2005 waren dort neun skelettierte Babyleichen gefunden worden. Das Landgericht Frankfurt an der Oder hatte die Mutter ein Jahr später wegen Totschlags der sieben Mädchen und zwei Jungen zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.

Noch wissen die Ermittler zu wenig

Gibt es Parallelen? Was sagt die 40-Jährige zu den Funden – und: Ist sie überhaupt die Mutter? Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei nehmen weitere Ermittlungen auf. Die Frau wird befragt und gibt schließlich zu, dass es sich um ihre Kinder handelt. Allerdings, so sagt sie, habe sie die Babys nicht umgebracht. Es habe sich in allen drei Fällen um Totgeburten gehandelt. Ob diese Aussage der Wahrheit entspreche, werde noch geprüft. Bis dahin bleibe es dabei, dass gegen die Frau wegen des Anfangsverdachts eines dreifachen, vorsätzlichen Tötungsdeliktes ermittelt werde, erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Gießen. Allerdings könne es sich unter Umständen auch um einen Fall handeln, bei dem keine strafbare Handlung nachgewiesen werden könne.

Von einer Obduktion erhoffen sich die Behörden Aufschluss über die genauen Ursachen. „Erst danach sind gegebenenfalls Angaben zum Alter, zum Todeszeitpunkt und eventuell zur Todesursache möglich“, heißt es in einer dürren Pressemitteilung der Kriminalisten. Die Ermittler sind bemüht Sachlichkeit zu wahren, statt Emotionen zu schüren. Noch wissen sie einfach viel zu wenig zum Fall. Fakt ist nur: Die Mutter hat der Staatsanwaltschaft zufolge noch weitere lebende Kinder. Wie viele und wie alt sie sind, wollte die Behörde allerdings nicht sagen. Sie machte auch keine Angaben zum Aufenthaltsort der Frau. Sie verwies dazu darauf, dass derzeit kein dringender Tatverdacht bestehe und deshalb auch kein Haftbefehl erlassen worden sei.

Hätte das Drama verhindert werden können?

Langgöns' Bürgermeister Horst Röhrig (SPD) zeigt sich bestürzt. Die Menschen im Ort seien ziemlich schockiert. "Sonst hört man davon nur in den Nachrichten, plötzlich ist es vor der Haustür." Was war der Auslöser für das Drama in dem biederen, weißgetünchten Mietshaus? Hätte es verhindert werden können? Hat niemand bemerkt, dass da eine Nachbarin schwanger war, und hat sich keiner gefragt, wo nach einer Entbindung die Babys sind?

Immer wieder sorgen Berichte über tote Babys in der Öffentlichkeit für Entsetzen: Der letzte bekanntgewordene Fund einer Babyleiche stammt aus Berlin, wo 2011 in einer Mülltonne ein Säugling gefunden lag. 2009 wurden bundesweit drei tote Babys gefunden, darunter eines, das in einem Schrank in einer Münchner Wohnung versteckt war. 2006 sorgte ein Fall im thüringischen Stendal für Entsetzen, wo die Polizei die Leichen von drei Neugeborenen auf einem Dachboden und in einer Mülltonne fand.

Der Kriminologe Rudolf Egg verweist trotzdem darauf, dass in Deutschland nur noch sehr selten Mütter gleich mehrere ihrer Babys töten. Die Zahlen seien in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen, sagt der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Für Frauen, die ungewollt schwanger werden und ein Kind nicht behalten wollen, gebe es genug andere Möglichkeiten: Abtreibungen, Babyklappen oder die Freigabe zur Adoption.

Mit DPA
Themen in diesem Artikel