HOME

Letzter Tag im Breivik-Prozess: Schlussworte voller Wahnsinn

Die Prozessordnung schreibt es so vor: Der Angeklagte erhält das letzte Wort. Es ist ein wirrer Monolog, den Anders Behring Breivik vorträgt. Welchen Schluss die Richter ziehen, wird man erst in zwei Monaten erfahren.

Von Swantje Dake

Als Anders Behring Breivik zum Mikrofon greift, wird es laut im Gerichtssaal 250 des Osloer Gerichts. Schritte, Gemurmel. Viele Prozessbeobachter stehen auf und verlassen den Raum. Sie waren am 43. und damit letzten Tag gekommen, um das Plädoyer von Verteidiger Geir Lippestad zu hören. Doch dem Angeklagten wollen sie keine Aufmerksamkeit schenken.

Breivik erhält das Recht, dass jeder Angeklagte hat: Die letzten Worte gehören ihm. Der Attentäter von Oslo und Utøya wollte eine Stunde reden, 45 Minuten werden es. Er wünschte sich, dass seine Worte im Fernsehen und Radio übertragen werden. Diesen Gefallen tut Richterin Wenche Elizabeth Arntzen ihm nicht.

Breivik und seine krude Weltanschauung

Durch die Wort-für-Wort-Protokolle der Nachrichtenagenturen gelangen Breiviks Worte auch so an die Öffentlichkeit. Sie sind wirr und schwer nachzuvollziehen. Breivik wirkt erschöpft. Der Anzug, die Krawatte, das gescheitelte Haar sind zwar so adrett wie am ersten Tag. Aber im teigigen Gesicht haben die Wochen Spuren hinterlassen. Ein Umdenken haben die Aussagen der Überlebenden und der Hinterbliebenen nicht bewirkt.

Im Schlusswort präsentierte sich Breivik als hasserfüllter Zyniker mit der Hoffnung auf weitere Massenmorde. Das Durchschnittsalter der erschossenen Sozialdemokraten auf Utøya habe bei über 18 Jahren gelegen. "Die Angriffe am 22. Juli waren präventiv, und deshalb kann ich keine strafbare Schuld anerkennen", begründete er seine groteske Forderung nach Freispruch.

Opfer gezielt ausgesucht

Diese Forderung hatte auch sein Anwalt gestellt. Geir Lippestad präsentierte seinen Mandanten - ganz in dessen Sinn - als überlegt handelnden Massenmörder, der mit seiner Autobombe in Oslo und beim Massaker auf Utøya genau wusste, was er tat: "Grundlage dieser Taten sind keine krankhaften Gewaltfantasien, sondern eine extremistische Grundhaltung", sagte Lippestad. Breivik habe vor elf Monaten nicht einfach so viele Menschen wie möglich töten wollen, sondern seine Opfer im Osloer Regierungsviertel und bei einem sozialdemokratischen Jugendlager auf der Insel Utøya gezielt politisch ausgesucht. Man dürfe Breivik nicht die Verantwortung für seine Handlungen nehmen, indem man ihn für krank erkläre. Breivik betonte: "35 von 37 hoch qualifizierten Leuten, die sich mit mir befasst haben, haben keine mentalen Störungen festgestellt."

Nach Breiviks Erklärung murmelte ein Prozessbeobachter im Rausgehen, Breivik habe durch seinen Vortrag jedoch unterstrichen, dass er krank sei. Es fielen Sätze wie: "Es gibt einen fundamentalen Bedarf an neuer Führung in Norwegen und Europa." In seinem Land hätten die regierenden Sozialdemokraten ein "multikulturalistisches Experiment" gestartet und nach britischem Vorbild asiatische sowie afrikanische Massenzuwanderung in Gang gesetzt. Breivik nannte auch die "Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten und die sexuelle Revolution". Als Ideal würden heute TV-Serien wie "Sex and the City" herausgehoben, in denen weibliche Hauptfiguren Sex mit "Hunderten Männern" hätten.

Breivik nannte als Beispiel für eine "kollektive kulturelle Psychose" in seinem Land, dass Norwegen sich beim Eurovision Song Contest von "einem Asylbewerber als Botschafter" vertreten lasse.

Urteil in zwei Monaten

Über mögliche weitere Anschläge in seinem Sinne sagte er: "Meine Brüder in den norwegischen und europäischen Widerstandsbewegungen verfolgen diese Sache hier sehr genau, während sie neue Angriffe vorbereiten. Sie können bewerkstelligen, dass dabei bis zu 40.000 Menschen sterben." Eine Drohung, die niemand ernst nimmt.

Ernst nimmt das Gericht jedoch die Frage der Zurechnungsfähgikeit. Wird Breivik zu einer Gefängnisstrafe verurteilt oder in die Psychiatrie eingewiesen? Die Richter haben zwei unterschiedliche Gutachten. Im Prozess gelang es nicht, ein Gutachten zu favorisieren. Daher gab Richterin Arntzen zum Ende des 43. Prozesstages bekannt, dass das Urteil nicht wie geplant zwei Tage vor dem Jahrestag der Anschläge verkündet wird, sondern erst am 24. August.

mit Agenturen