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LKA-Chefermittler im stern-Interview "Deutschland drogenfrei zu machen, wäre irrwitzig"

Oliver Erdmann jagt Drogenschmuggler. Er ist Chef einer Einsatzgruppe von LKA und Zoll in Hamburg gegen den internationalen Rauschgifthandel. Die Jagd nach Kriminellen ist für den 52-Jährige nichts Neues. Zuvor leitete er mobile Einsatzkommandos während der Reemtsma-Entführung und der Jagd auf den Erpresser Dagobert. Im stern-Interview spricht der 52-Jährige über die Strukturen des Drogenhandels.
Sie sind seit 33 Jahren beim LKA. Hat sich der internationale Drogenhandel in dieser Zeit verändert?
"Das Internet und die Globalisierung haben nicht nur die Weltwirtschaft beeinflusst, sondern auch die Organisierte Kriminalität. Der Warenhandel ist schneller und die Kommunikation leichter geworden. Dadurch sind Tätergruppen auf der ganzen Welt zusammengewachsen. Die Szene ist bunter geworden."
Haben es Drogenhändler heute leichter?
"Der Transport ist sicher einfacher geworden, also die Ware von A nach B zu bringen. Nehmen sie den Hamburger Hafen. Da kommen im Jahr über 10 Millionen Container an. Die kann der Zoll logischerweise nicht alle kontrollieren. Hinzu kommt der Wegfall von Grenzen innerhalb der EU."
Kann die Polizei noch mithalten?
"Wir bemühen uns um Augenhöhe. Mit Institutionen wie Europol haben wir uns international vernetzt. Doch das Ziel, Deutschland drogenfrei zu machen, wäre irrwitzig. Wir wollen den Ganoven einfach klar machen: Jungs, ihr könnt euch nicht sicher sein."
Was macht Ermittlungen im Drogenhandel so kompliziert?
"Es ist nicht wie bei einem Mord, wo es ein Opfer oder einen Tatort gibt. Bei uns liegt die Tat in der Zukunft. Außerdem ermitteln wir in Kreisen, in denen niemand Aufmerksamkeit will. Es gilt die Regel: Selbst Konkurrenten verpfeifen sich nicht gegenseitig."
Was macht Ihnen momentan die größten Probleme?
"Das ist vor allem internetbasierte Kommunikation, wie zum Beispiel Whatsapp. Die Dienste sind nicht überwachbar und verschlüsselt. Wenn Täter etwa eine Geldübergabe über Handys besprechen, müssen wir das mitbekommen, aber wir kommen nicht an die Daten. Solche Dienste müssen endlich wie normale Provider behandelt werden, die mit richterlichem Beschluss auch überwacht werden können. Da ist die Politik gefragt. Die Kartelle lachen uns sonst aus."
Es gibt in Deutschland so viele verschiedene Drogen wie nie zuvor. Woran liegt das?
"Einerseits an einer höheren Nachfrage anderseits an einer höheren Produktion. Es gibt Zahlen der UN wonach sich die Anbauflächen in Afghanistan, Südamerika und Albanien sehr stark vergrößert haben. Der Zufuhrdruck ist massiv."
Verändern sich die Routen der Drogenhändler laufend?
"Ja, die Täter reagieren schnell und flexibel. Wir haben das etwa bei der EU-Osterweiterung gemerkt, als mit Bulgarien und Rumänien plötzlich neue Länder relevant wurden. Oder während der Flüchtlingskrise, als sich die Schmuggelrouten an die Flüchtlingsströme ausweichen mussten, um Kontrollen zu entgehen."
Welche Player sind auf dem europäischen Drogenmarkt momentan besonders einflussreich?
"Natürlich tummeln sich viele Gruppen auf dem Markt. Sprechen wir vom Vertrieb sind beim Heroin wahrscheinlich immer noch türkische Gruppen stark im Geschäft. Bei Cannabis und Kokain spielen die Albaner eine große Rolle."

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