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London nach den Krawallen: Vom Plündern und Geplündertwerden

Nach der Randale sucht Großbritannien nach einer neuen Normalität. Doch noch stehen sich die Parteien nicht nur im verwüsteten Hackney unversöhnlich gegenüber.

Von Cornelia Fuchs und Markus Götting, London

Der Rastaman hat Angst. In der Nacht, als in der Clarence Road im Londoner Stadtteil Hackney die Autos brannten, hat er sich oben in seiner Wohnung verschanzt und kein Auge zugemacht. Und man kann nicht sagen, dass er seitdem besser schläft. "Die kommen wieder, Alter", sagt er. "Und dann brennen auch unsere Häuser."

Kein Name, kein Foto. Rastaman steht vor seinem kleinen Jamaika-Imbiss. Er erzählt, wie er in der Nacht Bratfett heiß gemacht habe, um sich, seinen Laden und seine alte Mama, die nebenan wohnt, zu verteidigen. Fast 1,90 Meter groß sieht er nicht aus wie jemand, mit dem man sich anlegen möchte. Aber die Randale-Kids sind unberechenbar. Und sie sind viele. Rastaman sagt: Gegen die haben wir keine Chance.

Er steht mit seinem Nachbarn auf der Straße. Die Clarence Road war in der vergangenen Woche stundenlang hell erleuchtet - von den Flammen. Sie schimpfen auf die "kleinen Bastarde", und dass man denen eigentlich mal auf die Schnauze hauen müsste. Aber dann kommt einer dieser kleinen Bastarde die Straße herunter geschlurft - und das Gespräch erstirbt. Rastaman schaut zur anderen Straßenseite rüber. Bloß keinen Augenkontakt.

Der junge Kerl trägt eine Lederjacke, nagelneue Timberland-Schuhe und um den Hals einen riesigen Kopfhörer, aus dem Rap-Beats krächzen. "Das ist einer von denen", flüstert Rastamans Nachbar, dessen Gemüseladen unbeschädigt blieb. "Der war der Anführer." Warum zeigt ihr ihn dann nicht an? "Die bringen uns um." Rastaman nickt. "Die haben Waffen, aber kein Gewissen."

15.000 Gang-Mitglieder

Bisher haben sich die Kids vor allem gegenseitig fertig gemacht. Aber kurz bevor London zu brennen begann, schlossen sie Frieden: "Schluss mit den Kiez-Kriegen - wenn ihr einen Bruder seht - grüßt! Wenn ihr einen Bullen seht - schießt!" Diese Botschaft schickte ein Ganganführer mit seinem Blackberry-Smartphone an seine Rivalen. Wenig später sah es in Teilen Londons aus, als herrsche Krieg.

Dieser Schulterschluss war die Kampfansage an die Zivilgesellschaft, ausgerufen von etwa 15.000 Gang-Mitgliedern aus den Sozialwohnungs-Ghettos der Großstadt. Die Gewalt begann dort, wo es die meisten Gangs gibt: Tottenham, Brixton, Hackney, später auch Liverpool, Birmingham und Manchester. Kleine Gruppen Jugendlicher, polizeibekannt, zogen brandstiftend durch die Stadtteile. Ihnen schloss sich eine sehr viel größere Zahl von Opportunisten an. Lehrer waren darunter, eine Ballett-Schülerin, der Koch eines biodynamischen Restaurants und Soldaten-Anwärter. Sie rafften zusammen, was sie aus den aufgebrochenen Geschäften greifen konnten.

Doch es sind nicht diese Gelegenheits-Diebe, die den Londonern Angst machen, auch heute noch, Tage nach den schlimmsten Unruhen. Es sind die Jugendlichen, die hasserfüllt über London herfielen.

Der Krieg nach dem Krieg

Siva Kandhia, 39, räumt seit Tagen seinen Laden auf, stundenlang. Trotzdem stinkt es immer noch faulig. Der Boden ist bedeckt mit einem klebrigen Brei aus Speiseresten und ausgelaufenen Getränken. Sein Cousin schleift Müllsäcke voller Dreck auf die Clarence Road hinaus. Kandiah schließt hinter ihm eilig die Tür von innen ab, als müsse er sich schützen vor den Leuten, die ihm das hier angetan haben. Dabei weiß er, dass sie zurückkommen werden. Ein Großteil derer, die seinen kleinen Tante-Emma-Laden ausgeplündert haben, sind Stammkunden.

Seit elf Jahren steht Kandiah jeden Tag hinter der Theke. Von sechs Uhr morgens bis abends um zehn. Er floh vor 15 Jahren aus Sri Lanka nach London, weg vom Bürgerkrieg, und hat sich hier ein Häuschen mit Garten gekauft. Für sich, seine Frau und die beiden kleinen Töchter. London bedeutete für ihn Frieden und Freiheit. Jetzt fühlt er sich wieder wie im Bürgerkrieg. In einer einzigen Nacht wurde zerstört, was er sich über Jahre aufgebaut hat. Gegen Plünderung ist er nicht versichert.

Kandiah sah live im Fernsehen wie Jugendliche auf seiner Straße Müllcontainer umschmissen und als Barrikaden benutzten. Gegen die Polizei, die mit ein paar Dutzend Einsatzkräften in voller Montur die Straße herunter regungslos an der Kreuzung stand. Die Kids zündeten erst die Container an, dann die Autos am Straßenrand. Kandiah fuhr sofort zu seinem Laden. Als er ankam, hielten ihn erst Polizisten auf, später die Nachbarn: "Wenn du da jetzt rein gehst", sagten sie, "bringen sie dich um". Da stand er, und musste mitansehen, wie sie seine Existenz leer räumten. Jugendliche genauso wie zahnlose Rentner. Leute, denen er regelmäßig Kredit gab, wenn sie gerade ihre Zigaretten oder das Bier nicht zahlen konnten. Siva Kandiah hat geweint wie ein Kind.

Der wahre Geist von Hackney

Gleich am nächsten Tag haben 500 Freiwillige aus der Nachbarschaft die Straße gesäubert. In ganz London sind die Menschen in den geplünderten Stadtteilen enger zusammengerückt. "Vielleicht ist das ja die Katharsis, die wir brauchten", sagt Jane Egginton, 45. Sie ist Reisejournalistin und wohnt fünf Minuten von der Clarence Road im edel renovierten Teil Hackneys. Als sie von Kandiahs Schicksal hörte, organisierte sie eine Spendensammlung. Über die Webseite "helpsiva.com" kamen innerhalb einer Woche umgerechnet 20.000 Euro zusammen. "Das ist der wahre Geist von Hackney", sagt Egginton.

Der Geist von Hackney? Da kann Paolo (Name geändert) nur lachen. Paolo ist der Lederjackenjunge, der kleine Bastard, vor dem sie hier in der Clarence Road alle Angst haben. Paolo interessiert sich einen Scheiß für irgendeinen Geist, weil er niemals Teil dieser inspirierten Gesellschaft sein wird. Paolo ist 21, hat zwei Kinder und eine Stimme, die nicht gerade nach Kirchenchor klingt. Er geht nicht einfach, er schwingt. Gangsta-Style. Und jetzt klopft er mal an Kandiahs Tür. Wenn es stimmt, was die Nachbarn sagen, hat er vor ein paar Tagen noch ein Stemmeisen benutzt. "Ey Siva", schreit er. Siva macht nicht auf.

Bis nachts um vier haben sie es krachen lassen, erzählt Paolo. Es muss die geilste Nacht seines Lebens gewesen sein. Paolo zeigt die Straße runter. "Ein Auto nach dem anderen!" Fensterscheibe eingeschlagen, Molotowcocktail rein. Und bumm! "Die Scheißbullen haben sich nicht her getraut", sagt Paolo. "Die haben sich doch in die Hosen gemacht. Selbst deren Hunde haben gezittert."

"Was geht mich der Irak an?"

Es ist elf Uhr morgens, und irgendwas hat Paolo eingeworfen. Speed vielleicht, oder Crack. Er ist zappelig, guckt nervös umher, während er redet. Seine Augen sind knallrot. "Jetzt merken diese Regierungsarschlöcher doch erst, dass es uns gibt", sagt er. "Die geben die Kohle lieber für ihre Scheißkriege aus als für uns. Aber was geht mich der Irak an?"

Paolo lebt in der nahegelegenen Sozialsiedlung Pembury Estate, genannt P-Box. Ein Paralleluniversum mit 34 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, katastrophal schlechten Schulen und steigenden Krankheitsfällen von Tuberkulose und Skorbut. Wer hier lebt, stirbt im Durchschnitt zehn Jahre früher als im reichen Westen Londons, nur wenige Kilometer entfernt. In Pembury schießen Teenager mit Maschinengewehren um sich, Messerstechereien sind Alltag.

Zwei völlig isolierte Welten

"Die Krawalle waren vorhersehbar. Vieler dieser Kids sind schon in zweiter Generation vom Bildungssystem ausgeschlossen", sagt Iain Sinclair. Der Bestseller-Autor wohnt seit Ende der Sechziger Jahre in einem hübschen Backsteinhäuschen mit Gartentor, einen kurzen Spaziergang von der Clarence Road entfernt. Aber schon am Ende seiner Straße sind Sozialbauten, an denen er abends lieber nicht vorbei läuft. Seit Jahren beobachtet er, wie es mit seinem geliebten Stadtteil, über den er ganz wunderbare Kurzgeschichten verfasst, immer weiter bergab geht. Kinder, die ohne Essen zur Schule kommen, ohne Unterwäsche zum Sportunterricht. Und dann gibt es einzelne Latte-Macchiato-Straßen, in denen Mütter den Bürgersteig mit ihren 1000-Euro-Kinderwägen blockieren.

"Hackney ist einer der ärmsten Stadtteile Englands, und gleichzeitig ist hier soviel Geld. Das sind zwei völlig isolierte Welten innerhalb weniger hundert Meter", sagt Sinclair. Und das Schlimme sei, dass es keinerlei kulturellen oder sozialen Austausch mehr gebe. Was Sinclair über sein Viertel erzählt, gilt für weite Teile Londons: Notting Hill, Camden, Clapham. Und überall brannten in den vergangenen Tagen die Straßen.

Früher, sagt Sinclair, traf man sich wenigstens noch zum Kicken in den Hackney Marshes, einer gigantischen Sportanlange mit 200 Fussballplätzen. "Aber viele davon haben sie ja jetzt in einen VIP-Parkplatz für Olympia umfunktioniert." Das Herz von London 2012 liegt nur drei S-Bahnhaltestellen von der Clarence Road entfernt. "Die Stadt tut einfach nichts, um diese zwei Welten wieder zusammen zu fügen", sagt Sinclair. "Man will sich gar nicht vorstellen, was hier nächstes Jahr passiert."

116 tote Teenager seit 2005

Vor zwei Wochen stürmten 300 Polizisten Dutzende Wohnungen und nahmen die Anführer der Gang fest, die in Hackney operiert. Es kann sein, dass dies die Wut von Kids wie Paolo befeuert hat, die sich erst an Polizeiautos austobte und dann an Sivas Laden. Denn die "elders", die Älteren in der Ganghierarchie, sind Ersatzeltern. Die eigene Familie ist nicht in der Lage, den Kindern so etwas Abstraktes wie Moral beizubringen. So wachsen sie in einer Welt auf, die an den Roman "Clockwork Orange" erinnert: Wer kein Opfer sein will, wird zum Täter.

Die Existenz dieses Paralleluniversums ist lange bekannt. Seit 2005 starben 116 Teenager durch die Hand eines anderen Jugendlichen. Sie sterben wegen Belanglosigkeiten: das Übertreten von Revier-Grenzen, ein falscher Blick. Das jüngste Mordopfer in der Nähe des Pembury Estate war 14 Jahre alt.

Erst schlugen Gang-Kids Straßen wie die Clarence Road zu Klump, Grenzstreifen zwischen ihrer Welt und dem Utopia der Müsli-Bourgeoisie direkt nebenan. Dann holten sie sich ihre Beute aus Elektroläden und Boutiquen der reicheren Stadtteile. Gang-Mitglieder aus Süd-London fuhren in den Norden, aus dem Westen zogen sie in die Innenstadt. Es muss so etwas wie Freiheit gewesen sein für die Jungen, die sich sonst nicht in den nächsten Postleitzahlen-Bezirk trauen, weil sie Angst haben, von Rivalen überfallen zu werden.

"Die Scheiße wird weitergehen, Mann!"

Mehr als 1400 Verdächtige sind bisher allein in London festgenommen worden. Jeden Tag werden neue Bilder von Plünderern veröffentlicht. Polizisten stürmen Wohnungen von Verdächtigen. Amtsgerichte tagen die Nächte hindurch, um die Fälle abzuarbeiten. Ein junger Vater, der in der Chaosnacht bei Lidl liegengebliebene Wasserflaschen einsammelte, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Staatsgewalt schlägt zurück. Premierminister Cameron hat geschworen, dass er britischen Gang-Mitgliedern das Leben zur Hölle machen wird.

Im Norden Londons haben in diesem Jahr nach Sozialkürzungen acht von 13 Jugendzentren zugemacht. Hier begannen die Unruhen, nachdem Mark Duggan von Scharfschützen erschossen wurde. Er hatte eine geladene Waffe dabei. Die Kids, die zwischen den Betonschluchten der Hochhäuser herumhängen und für die Duggan ein Vorbild war, haben keine politischen Forderungen. Alles, was sie haben, ist ein unbändiger Hass auf die Polizei: "Wir bringen alle um, die verdienen es nicht anders. Die Scheiße wird weitergehen, Mann!"

Von:

Markus Götting und