London Vergifteter Ex-Spion ringt um sein Leben


Der ehemalige KGB-Agent Litwinenko kämpft mit dem Tod: In einer Sushi-Bar in London war der Putin-Gegner Litwinenko mit Rattengift vergiftet worden. Seine Überlebenschancen liegen nun bei 50 Prozent.

Es war der Mittwoch vor drei Wochen, nachmittags um 15.00 Uhr, in einer kleinen Sushi-Bar namens "Itsu", mitten im Londoner Vergnügungsviertel Soho. Dort saßen zwei Männer unauffällig in der Ecke. Der eine aß etwas, der andere nicht. Möglicherweise war genau dies der Moment, in dem der ehemalige russische Geheimdienstler Alexander Litwinenko vergiftet wurde. Heute jedenfalls liegt der 43-jährige in einer Universitätsklinik und ringt um sein Leben. Das University College Hospital, wo Litwinenko unter strenger Bewachung behandelt wird, bezeichnete seinen Zustand als "ernst". Wegen einer "geringfügigen Verschlechterung" sei der Ex-Agent in der Nacht vorsichtshalber auf die Intensivstation gebracht worden, teilte der Arzt Stephen Rowley mit. Vermutet wird, dass Litwinenko mit dem Schwermetall Thallium vergiftet wurde, das bereits in geringer Dosis tödlich wirkt. Seine Überlebenschancen wurden mit 50 Prozent angegeben.

Am Abend veröffentlichte die Klinik erste Fotos von Litwinenko auf dem Krankenbett. Darauf ist zu erkennen, dass er seine Haare verloren hat. Der Ex-Agent muss zudem künstlich ernährt werden. Nach Angaben aus seiner Familie braucht er vermutlich eine Knochenmark- Transplantation.

Die Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard die Ermittlungen übernommen. Das teilte die Polizeibehörde am Montagabend in London mit. Litwinenko wurde im Krankenhaus unter Polizeischutz gestellt. Der ehemalige Offizier des russischen Geheimdienstes FSB wurde vermutlich Anfang November bei Recherchen über die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja vergiftet.

Der mutmaßliche Giftanschlag in der Sushi-Bar hat in Großbritannien die Erinnerungen an die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges geweckt - beispielsweise an die Ermordung des bulgarischen Dissidenten Georgi Markov, der 1978 in London mit der vergifteten Spitze eines Regenschirms getötet wurde. Die "Times" wertete den Fall Litwinenko als Beweis dafür, dass die "Unannehmlichkeiten" des Kalten Krieges noch immer nicht vorbei seien.

Litwinenko war erklärter Putin-Gegner

Der Verdacht richtet sich vor allem gegen den russischen Geheimdienst FSB, die Nachfolgeorganisation des legendären KGB, die einst vom heutigen Präsidenten Wladimir Putin geführt wurde. In der großen Londoner Gemeinde der Exil-Russen vermuten nicht wenige, dass Putins Ex-Kollegen hinter dem mutmaßlichen Anschlag stecken. Litwinenko, selbst ehemaliger FSB-Offizier, hatte sich seit Jahren als erklärter Putin-Gegner einen Namen gemacht.

Das erste Mal machte er 1998 Schlagzeilen, als er behauptete, vom FSB (damaliger Chef: Putin) einen Auftrag zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowki bekommen zu haben. Dann erklärte er, dass die Wohnhaus-Explosionen 1999 in Moskau, die einer der Vorwände zum zweiten russischen Einmarsch in Tschetschenien waren, vom Geheimdienst verübt worden seien. Später behauptete er in einem Buch, dass der FSB eine Geheimzelle für Auftragsmorde aufgebaut habe. Aus Moskau wurden die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Ein mysteriöser italienischer Kontaktmann

Zuletzt will Litwinenko mit Recherchen zum gewaltsamen Tod der russischen Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober beschäftigt gewesen sein. Angeblich wurde er von einem mysteriösen italienischen Kontaktmann mit dem Versprechen ins "Itsu" gelockt, neue Dokumente über die Verstrickung des FSB in den Mord zu bekommen. Die Papiere sollen dann aber wenig brisant gewesen sein.

Wenige Stunden nach dem Treffen bekam Litwinenko jedoch große Schmerzen und musste in eine Klinik gebracht werden. Zunächst gingen die Ärzte von einer Lebensmittelvergiftung aus. Inzwischen sind sie sicher, dass der Ex-Agent mit dem Schwermetall Thallium vergiftet wurde, das unauffällig ins Essen gemischt werden kann. In die Ermittlungen hat sich nun auch Scotland Yard eingeschaltet.

Vorwürfe der Ehefrau gegen Ärzte und Polizei

"Sascha war ein gesunder Mann. Jetzt sieht er aus wie ein Krebspatient nach schwerer Chemotherapie", berichtete ein Freund, der ihn am Krankenbett besuchte. Der Ex-Agent hat keine Haare mehr und muss künstlich ernährt werden. Die Überlebenschancen werden auf 50:50 geschätzt. Litwinenkos Frau Marina sagte: "Sein Knochenmark ist zerstört. Ich brauche wohl einen Spender, um sein Leben zu retten."

Marina Litwinenko erhebt Vorwürfe gegen Krankenhaus und Polizei. Die Ärzte hätte ihre Hinweise, dass ihr Mann vergiftet worden sein könnte, ignoriert und ihren Mann in diese Richtung erst viel zu spät untersucht. Gleichzeitig würde sich die Polizei nicht um den Schutz der Familie zu bemühen.

"Methoden von Terroristen"

Falls sich die Vorwürfe von Litwinenko gegen den russischen Geheimdienst FSB bewahrheiten, könnte die Affäre zu einer schweren Belastung für die Beziehungen zwischen London und Moskau werden. Litwinenko hat seit kurzem auch die britische Staatsbürgerschaft. Das Londoner Außenministerium erklärte, die Ermittlungen von Scotland Yard abwarten zu wollen. Die "Times" zitierte einen Diplomaten aber auch schon mit den Worten: "Wenn sich eine Verbindung nach Moskau erhärtet, nehmen wir das sehr ernst. Das sind normalerweise die Methoden von Terroristen."

DPA/fri DPA

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