HOME

London: Vierter Mord an jungen Farbigen

Im Süden Londons nimmt die Gewalt zu: Anwohner erzählen von Gangs die sich bekriegen, jeder scheint Waffen zu haben. Nun wurde der vierte schwarze Teenager innerhalb von zwei Wochen ermordet. Der Beginn eines Bandenkriegs?

Von Cornelia Fuchs, London

Als seine Schwester blutüberströmt und schreiend auf die Straße lief, war Billy Cox, 15, tot. Erschossen in seinem Bett in einer Wohnung im Süden Londons. "Wir werden dich nicht vergessen, gefallener Soldat", stand auf den Beileidsbekundungen, die danach an der Wohnungstür der Familie Cox hinterlassen wurden. Billy musste wahrscheinlich wegen einer SMS sterben, die er an einen anderen Teenager geschrieben hat. Er soll sich mit diesem gestritten haben, Beleidigungen sind hin und her geschickt worden. Dann kam jemand mit einer Pistole, und Billy hat ihn sogar erst in die Wohnung gelassen.

Ein Ermordeter wurde wohl verwechselt

Der Mord an Billy, dem Sprayer, ist der vierte Mord innerhalb von zwei Wochen im Süden Londons. Am dritten Februar wurde Javorie Crighton, 21, auf einer geschäftigen Einkaufsstraße erstochen - sein Mörder wurde festgenommen. Am selben Tag wurde James Smartt-Ford, 16, mit zwei Schüssen auf einer Eisbahn niedergestreckt, einige Verdächtige wurden inzwischen festgenommen. Drei Tage später starb der 15-jährige Michael Dosunmu mitten in der Nacht in seinem Schlafzimmer, die Killer waren durch die Wohnungstür gebrochen und hatten den Jungen erschossen. Die Polizei geht davon aus, dass sie ihn mit jemand anderem verwechselt haben. Michael war ein guter Schüler, ein regelmäßiger Kirchgänger und wollte Architekt werden.

Noch gibt es keine offizielle Erklärung für die Häufung der Morde. Und es scheint, zumindest im Moment, auch keinen Zusammenhang zwischen den Toten zu geben. Außer dem, dass im Süden Londons die Gewalt überhand nimmt. Anwohner erzählen von Gangs, die in den Straßen abhängen und sich eine Art Kleinkrieg liefern. Jeder scheint Waffen zu haben: "Wir haben eine ganze Anzahl stark gestörter junger Männer, die ihre Probleme dadurch lösen, dass sie Leute töten. Sie kennen keine Liebe. Ihr Leben ist Brutalität", sagt Sozialarbeiter Uanu Shesmi. Das Problem ist bekannt, die Polizei hat schon seit Jahren eine Spezialeinheit die sich mit der Gewalt zwischen schwarzen Bevölkerungsgruppen beschäftigt.

Gerüchte statt Tatsachen

Lee Jasper, Direktor für Polizeiangelegenheiten im Büro des Bürgermeisters und Aktivist im Süden Londons, erzählt von Gerüchten, die angesichts fehlender Erklärungen grassieren: "Ich habe von einer Geschichte gehört, nach der eine Gruppe Weißer dort 600 Waffen verkauft haben und dass deshalb so viele Pistolen im Umlauf sind. Ich weiß nicht, ob das stimmt - aber es scheint, als ob viele junge Leute plötzlich Zugang zu Waffen haben. Die Angst dort ist auf den Straßen spürbar."

Die Gang-Kultur ist schon seit Jahren bekannt. Mitglieder der berüchtigten Peckham Boys ermordeten im November 2000 den Jungen Damilola Taylor mit einer abgebrochenen Flasche und waren im ganzen Stadtteil für ihre Gewaltausbrüche bekannt. Andere Gangs heißen Ruff Riders, Ghetto Boys und Firehouse Crew. Sie haben große Anziehungskraft für Jungen aus zerbrochenen Familien und benutzen diese als Drogenkuriere. Doch gibt es bisher keine Hinweise, dass die Morde diesen Gangs zuzuordnen sind.

Täter werden immer jünger

Die Polizei hat eine Sonderkommission eingerichtet und der Chef von Scotland Yard, Sir Ian Blair, überwacht die Ermittlungen persönlich. Auf Pressekonferenzen erinnert er daran, dass in realen Zahlen die Waffenkriminalität um 14 Prozent zurückgegangen sei. Gleichzeitig werden die Täter immer jünger: 2006 wurden 76 Teenager wegen Mordes mit Feuerwaffen angeklagt, 2003 waren es noch 31.

Die Polizei hat bewaffnete Patrouillen in die Stadtteile Peckham und Lambeth entsandt. "Aber dies ist ein Problem, dass wir nur mit Hilfe der Einwohner dieser Stadtteile lösen können", sagt der Polizeichef Blair. "Es liegt an der Gemeinde, die zu identifizieren, die ein Risiko tragen."

Themen in diesem Artikel