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Ludwigshafen: Die Stimmung ist aufgeheizt

Die Stimmung in Ludwigshafen ist seit der veheerenden Brandkatastrophe aufgeheizt. Während die Polizei Brandstiftung als Ursache nicht mehr ausschließt, setzte sich der Einsatzleiter der Feuerwehr gegen harsche Kritik zur Wehr: "Wir haben unter Einsatz unseres Lebens alles gegeben."

Von Katrin Weisenburger, Ludwigshafen

Erstmals konnten Sachverständige das Gebäude begehen, neue Erkenntnisse über die Brandursache liegen jedoch zur Zeit noch nicht vor. Die beiden Mädchen, die einen Brandstifter gesehen haben wollen, wurden heute von der Polizei verhört. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft hätten die Kinder ihre Aussage, die sie bereits gegenüber der Presse gemacht hatten, vor der Polizei wiederholt. Allerdings musste die Anhörung vorzeitig abgebrochen werden. Oberstaatsanwalt Lothar Liebig wollte sich daher noch nicht konkret zu den Aussagen äußern.

Es ist auch noch nicht klar, ob die Aussagen der Mädchen ausreichen, um ein Phantombild zu erstellen. Während die Ermittlungen begonnen haben, berichten die Verantwortlichen von Polizei und Feuerwehr von Angriffen gegen die Rettungskräfte, die am Einsatz beteiligt waren. Es scheint, als beginne sich nach der schweren Brandkatastrophe nun ein politischer Flächenbrand auszubreiten.

Retter werden als Mörder beschimpft

Obwohl noch keinerlei Erkenntnisse darüber vorliegen, was den verheerenden Brand in dem Ludwigshafener Wohnhaus ausgelöst hat, heizt sich die Stimmung gerade innerhalb der ausländischen Bevölkerung der Stadt immer weiter auf. Die Einsatzleitung der Feuerwehr berichtet, dass ihre Mitarbeiter vor Ort von Mitbürgern als "Mörder" denunziert und von Kindern bespuckt werden. Heute Nacht musste ein Mitarbeiter der Feuerwehr ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil er von einem türkischen Mitbürger in einer Kneipe tätlich angegriffen und verletzt worden war. Der Mann hat zur Stunde das Krankenhaus wieder verlassen und wurde bereits kurze Zeit später wieder von Ausländern belästigt. Die Verantwortlichen haben veranlasst, dass alle am Einsatz beteiligten Rettungkräfte unter Polizeischutz gestellt werden.

Hintergrund dieser Übergriffe ist der Vorwurf von Betroffenen in der Presse, die Feuerwehr sei zu spät am Unglücksort eingetroffen. Bürgermeister Wilhelm Zeiser, der für den Fachbereich Sicherheit und Ordnung zuständig ist, konnte heute gerichtsfähige Beweise vorlegen, die belegen, dass die ersten Einsatzkräfte und Löschfahrzeuge bereits zwei Minuten nach Eingang des Notrufs vor Ort waren. Weitere drei Minuten später trafen drei große Einheiten mit Drehleitern ein. Normalerweise vergehe zwischen einem eingehenden Notruf und dem Eintreffen der Feuerwehr sieben bis acht Minuten, so Zeiser.

Die Tatsache, dass Polizeibeamte vor der Feuerwehr vor Ort gewesen seien, habe den Eindruck erweckt, die Feuerwehr hätte für den Einsatz zu lange gebraucht. Die schnelle Anwesenheit von Polizei und Rettungkräften sei jedoch ausschließlich den besonderen Umständen zu verdanken gewesen. Auf Grund des Faschingszuges hatte die Polizei eine Einsatzzentrale in unmittelbarer Nähe des Unglücksort eingerichtet gehabt. Nach Ende des Umzugs konnten die vom Einsatz zurückkehrenden Polizeibeamten besonders schnell eingreifen. Polizeipräsident Wolfgang Fromm nannte die Kritik an der Arbeit der Feuerwehr falsch und tendenziös. "Hier werden Retter zu Tätern stilisiert. Menschen die anderen Menschen geholfen haben, werden als Mörder denunziert. Das ist nicht akzeptabel", so Fromm.

"Wir haben unter Einsatz unseres Lebens alles gegeben"

Günther B., der zur Zeit den Einsatz der Ludwigshafener Feuerwehr leitet, ist zutiefst erschüttert und verägert über die harsche Kritik, die ihm und seinen Kollegen entgegen schlägt. "Ich war wegen des Umzuges nahe der Unglücksstelle mit einer Einheit stationiert. Ich bin sofort nach dem Alarm losgefahren und hatte 80 kmh auf dem Tacho. Als wir mit dem Löschzug eintrafen war ein Rettungswagen unter den Balkonen geparkt auf dessen Dach Polizeibeamten versuchten, Menschen vom Balkon des ersten Stockwerks zu retten", erzählt er. Der Wagen wurde sofort entfernt und wir haben mit Schiebleitern cirka 12 Menschen gerettet, die sich noch auf dem Balkon im zweiten Stock befanden." Währenddessen rückten die großen Einheiten mit Drehleitern und Sprungkissen an, die so alle weiteren Personen aus dem Gebäude retteten", sagt der Feuerwehrmann. Ein Kollege habe ganz oben auf der Leiter gestanden und Menschen vom Balkon geholfen, er habe noch nicht einmal die Gelegenheit gehabt, die Leiter vorschriftsmäßig zu sichern.

"Wir haben unter Einsatz unseres Lebens getan, was wir konnten", so Günther B. Seine Mitarbeiter seien durch die Anfeindung in der Öffentlichkeit traumatisiert, sorgt er sich. Günther B. äußerte Verständnis für die Betroffenen, denen in ihrer Panik Minuten wie Stunden vorgekommen sein müssen. Dennoch trage er vorallem Verantwortung für seine Mitarbeiter.

Große öffentliche Anteilnahme

Auf Grund der Vorkommnisse in den letzten Stunden hat Oberbürgermeisterin Eva Lohse den Einsatzkräften noch einmal ihren ausdrücklichen Dank ausgesprochen. Zusammen mit Staatsministerin Maria Böhmer und dem türkischen Staatsminister Mustafa Sait Yazicioglu habe sie heute die Opfer im Krankenhaus besucht und sich mit weiteren Betroffen getroffen. Es habe ein Gespräch darüber gegeben, in welcher Form eine sofortige Hilfe geleistet werden könne. Die Anteilnahme in der Öffentlichkeit sei nach wie vor sehr groß, so Lohse. Auf dem Spendenkonto seien zwischenzeitlich über 50.000 Euro eingegangen, im Kondolenzbuch der Stadt hätten sich mittlerweile über 400 Bürgerinnen und Bürger eingetragen, berichtete sie. Morgen wird der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Ludwigshafen besuchen.