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Prozessauftakt: Opfer zu hundertfachem Kindesmissbrauch in Lügde: "Ich glaube nicht, dass er es bereut"

Die Missbrauchsfälle in Lügde haben Deutschland schockiert. Den Angeklagten Andreas V. und Mario S. wird hundertfacher Missbrauch vorgeworfen, ein weiterer Angeklagter soll über eine Webcam zugesehen haben. Heute begann der Prozess gegen die drei Männer.

Von Kerstin Herrnkind

Fall Lügde: Prozess um die Missbrauchsfälle auf Campingplatz: Verteidiger rät zu Geständnis

Andreas V. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Umklammert die Pappe mit beiden Händen, so sehr fürchtet er offenbar, gefilmt und fotografiert zu werden. Es ist voll im Saal 165 des Landgerichts Detmold. Die Anwälte der Opfer - es sind laut Anklageschrift 34 - sitzen in zwei Reihen. Im Zuschauerraum ist kein Stuhl mehr frei. Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich für den Prozess akkreditiert. 

Andreas V. hat sich die Kapuze seiner grauen Jacke zusätzlich über den Kopf gezogen.  Auch sein mutmaßlicher Komplize Heiko V. hält sich einen Schnellhefter vors Gericht. Nur Mario S. stellt sich den Blicken und Kameras.

Die drei Männer müssen sich von diesem Donnerstag an vor dem Landgericht Detmold verantworten. Sie sollen über Jahre Kinder sexuell missbraucht haben. Alleine dem mutmaßlichem Haupttäter Andreas V. wird Missbrauch in 298 Fällen vorgeworfen. Der 56-Jährige lebte als Dauercamper in einer barackenartigen Behausung auf einem Campingplatz in Lügde. Er bezog Hartz IV. Trotzdem vertraute ihm das Jugendamt eine Pflegetochter an, die Andreas V. laut Anklage wie eine Sexsklavin gehalten haben soll. 

Drei Männer im Fall Lügde angeklagt

Sein Komplize Mario S. trägt eine schwarze Hose, schwarzes T-Shirt. Das Gesicht des 34-jährigen wirkt fast kindlich, daran ändert auch sein langer Bart nichts. Mario S. soll mit Andreas V. befreundet gewesen sein, hatte ebenfalls einen Wohnwagen auf dem Campingplatz. Er lebte noch bei seinen Eltern in Steinheim. Auch ihm wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. 162 Mal soll er acht Mädchen und neun Jungen missbraucht haben. Den Missbrauch soll er gefilmt haben.

Der dritte Täter ist Heiko V. aus Stade. Er ist 49 Jahre alt. Er soll den Missbrauch über eine Webcam aus der Ferne mit angesehen und kommentiert haben. Laut Anklage besaß er über 40 kinderpornografische Bilder und Videos. Er trägt ein kariertes Hemd und eine schwarze Hose, sein Schädel ist kahl rasiert, scheu blickt er sich im Gerichtssaal um.

Schon früh gab es Hinweise auf Missbrauch

Als die Kameraleute und Fotografen den Saal verlassen, lässt Andreas V. den Ordner sinken. Er ist bleich, schlecht rasiert, seine Wangen sind eingefallen. Unter der grauen Kapuzenjacke lugt ein T-Shirt mit Palmen im Sonnenuntergang hervor. Dazu trägt Andreas V. eine ausgeblichene Jeans. Als die Richterin ihn nach seinen Personalien fragt, spricht Andreas V. leise, aber seine Stimme klingt fest. Die Richterin spricht ein paar einleitende Worte.  Zweifellos sei das, was in Lügde passiert sein soll, "abscheulich". Dennoch gelte für die Angeklagten die "Unschuldsvermutung". Die Kammer würde das Strafverfahren "unparteiisch und sachlich" führen. Das Behördenversagen sei "nicht Gegenstand des Verfahrens."

Tatsächlich gab es früh Hinweise darauf, dass Andreas V. auf dem Campingplatz Kinder missbrauchte. Doch Jugendämter und auch die Polizei schlugen Warnungen in den Wind. Anzeigen verliefen im Sande. Trotz der Hinweise vertraute das Jugendamt Andreas V. sogar noch ein Pflegekind an. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages in Nordrhein-Westfalen soll nun klären, wie es dazu kommen konnte. Gegen mehrere Beamte und Mitarbeiter von Jugendämtern wird nun wegen Strafvereitlung im Amt sowie Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt.

Anwalt: Andreas V. räumt Taten ein

Die Anklage wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlesen, die Kinder sollen geschützt werden. Danach gibt Anwalt Johannes Salmen, der Andreas V. vertritt, eine Erklärung ab. Bis auf ein paar Taten räumt der Dauercamper den Missbrauch ein. Andreas V. verfolgt die Worte seines Verteidigers leicht nach vorne gebeugt, mit versteinerter Miene, keine Regung ist ihm anzusehen. Einige Kinder hätten ihn und Mario S. wohl verwechselt, sagt Salmen. Auf eine Entschuldigung warten die Opfer, von denen einige im Gerichtssaal sitzen, vergeblich. Fragen des Gerichts will Andreas V. auch nicht beantworten. Er wird sich auch nicht von einem Gerichtspsychiater begutachten lassen. Andreas V. hat Kinder über Jahre schwer missbraucht. So viel steht nun fest. Aber die Frage, warum er es getan hat, bleibt offen.

Auch der Anwalt von Mario S. liest eine Erklärung für seinen Mandanten vom Blatt ab. Bis auf zwei Taten gesteht auch er den mannigfachen Missbrauch von Kindern. Erst in der U-Haft sei ihm bewusst geworden, was er den Opfern angetan habe. Mario S. hält den Blick gesenkt. Seine Taten seien ihm "nicht erklärlich". Er wolle den Kindern nun wenigstens die Aussage ersparen. Seine Erklärung sei auch "der Versuch einer Entschuldigung". Er wisse, dass er die Taten nicht ungeschehen machen könne. Aber er "bereue" den Missbrauch und "schäme" sich. Seine Entschuldigung sei "aufrecht und ehrlich" gemeint, betont der Anwalt. Er wolle keinen "Deal", sagt er. Dennoch hoffe er, dass sich das Geständnis strafmildernd auswirken würde. Das Gesetz sieht das auch vor.

"Ich kann die Ernsthaftigkeit dieser Entschuldigung nicht erkennen"

Die Vorsitzende Richterin fragt Mario S., ob die Erklärung seines Anwalts richtig sei. "Die ist korrekt", sagt er mit leiser Stimme. Ob er noch etwas zu seinem Werdegang sagen wolle, um "uns die Chance zu geben, Sie ein bisschen kennenzulernen", fragt die Richterin Mario S. freundlich. Der 34-Jährige fängt an zu erzählen. Er kann nicht besonders gut reden, ist schlecht zu verstehen. Er ist bei den Eltern aufgewachsen, hat eine ältere Schwester. Nach der Sonderschule fing er eine Art Ausbildung zum Baumaler an, machte so den Hauptschulabschluss nach. Dann schlug er sich offenbar mit Gelegenheitsjob durch, putzte Toiletten, nahm Leergut im Supermarkt an. Auf die Frage nach seinen finanziellen Verhältnissen sagt er: "Ich habe kein Geld." "Ich schäme mich, wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das gerne machen", sagt er holprig, seine Worte klingen schlecht einstudiert.

"Wenn jemand solche Taten über so eine lange Zeit begeht, reicht eine Entschuldigung nicht", sagt Anwalt Roman von Alvensleben aus Hameln draußen auf dem Flur. Er vertritt ein Mädchen, das im Alter von neun Jahren von Andreas V. vergewaltigt worden sein soll. Mit ihrer Aussage hat sie den Fall ins Rollen gebracht. "Ich kann die Ernsthaftigkeit dieser Entschuldigung nicht erkennen."

Opfer wünscht sich die Todesstrafe für Andreas V.

Auch Michaela V. ist enttäuscht: "Ich glaube nicht, dass er es bereut", sagt die rothaarige Frau auf dem Gerichtsflur mit brüchiger Stimme. Sie ist nun 39 Jahre alt. Als sie elf Jahre alt war, habe Andreas V. sie missbraucht, erzählt sie. "Ich leide noch heute unter den Taten. Meine Ehe ist zerbrochen." Immerzu müsse sie an die Taten denken. Ihre Eltern hätten ihr damals nicht geglaubt. Deshalb habe sie den Kontakt abgebrochen. "Wer solche Eltern hat, braucht keine Feinde." Dass Andreas V. nun eine lange Haftstrafe erwartet, tröstet sie nicht. "Im Gefängnis haben die doch Internet und Fernsehen." Auf die Frage, welche Strafe sie sich für Andreas V. wünsche, sagt sie, ohne auch nur einen Moment zu überlegen: "Die Todesstrafe".

Auch Heiko V. kündigt seine Aussage an. Wieder wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Journalisten und Zuhörer müssen den Saal verlassen. Die Opfer sollen geschützt werden. Und auch das Sexualleben des Angeklagten. Hinter verschlossenen Türen gesteht auch Heiko V. Dabei habe er geweint, verrät ein Prozessbeteiligter. "Doch wer denkt an die Tränen der Kinder?" Nach dem Geständnis werden die Angeklagten nun voraussichtlich zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Andreas V. droht unter Umständen Sicherheitsverwahrung.

Morgen sollen nun die Kinder gehört werden. Allerdings werden sie nicht mehr detailliert befragt. Das Gericht will sich nur noch einen Eindruck verschaffen. "Ich bin erleichtert, dass alle Angeklagten gestanden haben", sagt Opfer-Anwalt von Alvensleben. Er findet es wichtig, die Kinder noch einmal zu laden. "Damit zeigt das Gericht den Kindern, dass es ihnen glaubt. Und das ist wichtig."

rw