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LulzSec versus Anonymous: Hacktivisten im Bruderkrieg

Sony oder die CIA sind offenbar keine ebenbürtigen Gegner mehr. Die Hackergruppe LulzSec hat nun Ihresgleichen angegriffen: das Umfeld der Hacker von Anonymous. Im Netz droht ein Schlagabtausch.

Von Florian Güßgen

Irgendwie ist alles gerade ein bisschen Cyber. Die Amerikaner rüsten für den Cyberkrieg und wollen mit Panzern und Granaten zurückschlagen, wenn der Erstschlag aus dem Netz kommt. Unser Innenminister Hans-Peter Friedrich eröffnet ein Cyberabwehrzentrum im beschaulichen Bonn, damit rund 10 Mitarbeiter verschiedener Behörden mögliche Angriffe von Superhackern aus aller Welt ordnungsgemäß abwehren können. Und ansonsten sind diverse, scheinbare Spaßguerillagruppen im Netz damit beschäftigt, die Webseiten von Unternehmen, Medien und Behörden zu knacken. Die Gruppe LulzSec ist so etwas wie der Shootingstar der Szene: Sony, Nintendo, die US-Fernsehsender Fox News und PBS, CIA und eine FBI-Partnerfirma haben die so genannten Hacktivisten in den vergangenen Tagen und Wochen attackiert. Nur zum Spaß, wie es heißt, en passant. Spaß ist das Credo der Gruppe. Nun aber hat LulzSec Seinesgleichen attackiert, nämlich das Umfeld der eher politisch motivierten Hacktivisten von Anonymous, ein Forum der Webseite 4chan.org.

Wer sind die?

Aber der Reihe nach. Anonymous ist eine Gruppe, die es im Netz seit einiger Zeit zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat. Hinter dem Namen verbirgt sich ein weit gefasster Verbund zumeist anonymer Hacker in den USA aber auch in Europa. Wieviele "Anons" es genau gibt, weiß niemand. Szenekenner vermuten, dass es in erster Linie jugendliche Hacker sind, die sich hier in diversen Chatkanälen versammeln, aber nicht nur. Gabriella Coleman, eine New Yorker Anthropologin, die sich als eine von wenigen Wissenschaftlern intensiv mit der Entstehungsgeschichte und der Kultur der Gruppe auseinandergesetzt hat, macht verschiedene Arme der Gruppe aus. Ein Teil hat es demnach in erster Linie darauf abgesehen, Spaß zu haben, künstlerisch und ästhetisch bisweilen hochklassige Collagen oder Satirezeichungen auszutauschen und ähnliches. L'art pour l'art.

Ein weiterer Arm der Gruppe jedoch verfolgt politischere Ziele, kämpft für Transparenz und gegen Zensur, zumal im Internet. Lange attackierte die Gruppe deshalb vor allem die Scientology-Sekte in den USA, nicht nur im Netz, sondern durchaus auch bei öffentlichen Veranstaltungen in den USA. Anonymous-Mitglieder versteckten sich dabei zumeist hinter stets teuflisch lächelnden Guy-Fawkes-Masken. Als Wikileaks im vergangenen Jahr zum Thema wurde, vor allem aber als Wikileaks-Boss Julian Assange verhaftet wurde, sorgte Anonymous für Aufruhr. Als der US-Online-Bezahldienst Paypal und das Kreditkartenunternehmen MasterCard die Zusammenarbeit mit Wikileaks abrupt beendeten, scheinbar, um Sanktionen der US-Regierung zu entgehen, attackierte Anonymous deren Internetseiten mit so genannten DDoS-Attacken, Distributed Denial of Service Angriffen. Dabei tummeln sich viele selbst ernannte Mitglieder der Anonymous traditionell auf dem Server des 4Chan.org Webseite, einer Art Internetforum. Vielen gilt die Seite als "Wiege" von Anonymous.

Ankündigungen über Twitter

Seit ein paar Monaten nun sind es aber nicht die vermeintlichen Robin Hoods von Anonymous, die für Wirbel sorgen, sondern genau das macht eine andere Gruppe: LulzSec eben, oder auch Lulz Security. Der Begriff "Lulz" ist dabei eine Fortentwicklung des Akronyms "lol", das in der Internetsprache "Laughing out loud" abkürzt - und Gelächter, also Spaß zum Ausdruck bringen soll. Lulz sind Grafiken, Sprüche, Bilder - alles, was nur zum Spaß gemacht wird. Und Lulzsec hat es sich offenbar zum Ziel gesetzt, Seiten nur der Gaudi wegen anzugreifen. Auf der simplen Webseite, die mit einem Piratenschiff aus Zeichen des ASCII-Codes verziert ist, lassen sich die dadaistischen Motti der Gruppe nachlesen. Gar nicht lustig finden das die Opfer. Sony Pictures gehört dazu, der Spielkonzern Nintendo, die Sicherheitsfirma Infragard, die eng mit der US-Bundespolizei FBI zusammenarbeitet. Lulzsec legte zudem die Seiten des erzkonservativen TV-Senders Fox News lahm oder platzierte eine Falschmeldung auf der Seite des Senders PBS, der eine Wikileaks-kritische Dokumentation ausgestrahlt hatte. Zudem veröffentlichte Lulzsec 29.000 Nutzerdaten einer Pornoseite. Am Mittwoch attackierte LulzSec die Seite des US-Auslandsgeheimdienstes CIA - zumindest zeitweise waren keine Zugriffe mehr möglich. Dabei geschieht das alles nicht im Geheimen, sondern über Twitter geben die anonymen Hacker durchaus Hinweise darauf, was ihr nächstes Ziel sein wird - und rühmen sich anschließend ihrer Taten.

Einigen Mitgliedern des 4chan.org-Forums "/b/" wurde das Anfang der Woche offenbar zu bunt. Es hagelte Kritik an Lulzsec, nicht zuletzt, weil LulzSec-Mitglieder auch populäre Spiele lahm gelegt hatte. Am Dienstag attackierte LulzSec Server der Spiele Eve Online, League of Legends und Minecraft. Getauft wurde die Aktion "Titanic Takeover Tuesday". Nun forderten die 4chan.org-Mitglieder Hacker auf, die Identität von LulzSec-Mitgliedern an das FBI zu verraten - und publizierten ein nicht jugendfreies Poster, das das LulzSec-Symbol - ein Mann mit Weinglas und Zylinder - mit einem Stopp-Zeichen versah. Mitte der Woche erfolgte die bittere Rache der LulzSec-Spezialisten. Sie forderten Nutzer auf, das 4chan.org mit Spams zuzumüllen - und versprachen als Belohnung geklaute Datensätze einer anderen Internetseite. Die Seite ging zeitweise in die Knie. Es ist ein Kampf zwischen vormaligen Brüdern und Schwestern im Geiste entbrannt.

"Die sind jung, enthusiastisch - und angepisst"

Nun tobt die Auseinandersetzung in Foren, auf Twitter. LulzSec selbst bemüht sich dagegen, die Wogen etwas zu glätten. Die Gruppe habe mitnichten Anonymous angegriffen, ließ sie über Twitter verlauten. Die Mitglieder des 4chan.org-Forums seien mit Anonymous nicht gleich zu setzen. "Zu behaupten, wir griffen Anonymous an, weil wir [das Forum] /b/ verspottet haben, ist so, als ob man sagen würde, wir würden Amerika den Krieg erklären, weil wir auf einem Cheeseburger getreten sind." Auch vermeintliche Anonymous-Mitglieder bestreiten einen Zwist - und beschimpfen die Medien als Spalter. Ungeachtet dieser Beschwichtigungserklärung wurde die Auseinandersetzung der schönen, neuen und bisweilen gefährlichen Cyberwelt auf eine besondere Weise geadelt. Die Firma Next Media Animation, die hofft, mit animierten Nachrichtenfilmchen, so einer Art News-Comic, Geld zu verdienen, stellte einen Film zum Bürgerkrieg der Hacker bei Youtube ein. Das ist sehr unterhaltsam - und kann doch nicht übertünchen, dass da draußen offenbar zigtausende Hacker und Computerfreaks sitzen, die mit den Rechnern tausend Mal besser umgehen können als ihre Gegner in Betrieben und Behörden. Cyberfreaks besitzen eine neue Form der Macht, wohl oder übel.

Wer diese Cyberfreaks genau sind, was sie wollen, ist völlig offen. Der "Guardian" spekuliert darüber, ob LulzSec in erster Linie darauf abzielt, Sicherheitslücken offenzulegen, um Unternehmen eher zu warnen als ihnen zu schaden - oder ob an der Gruppe auch Extremisten beteiligt sind, die nichts Gutes im Schilde führen. Der "Guardian" zitiert den Hackerexperten Steve Gold mit einer Einschätzung, die nicht lustig ist: "Was wir sehen ist die echte Demokratisierung des Internets", sagte Gold dem britischen Medium. "Die Macht ist wirklich in der Hand von Nutzern, die jung sind, enthusiastisch - und angepisst. Statt jedoch zu demonstrieren, machen sie Ärger. Das Gefährliche daran ist - wie bei Demonstrationen, die in Krawalle umschlagen können, dass der Online-Ärger eskalieren kann, besonders wenn verschiedene politische Gruppen das Kollektiv infiltrieren, still und leise steuern oder sogar die Kontrolle übernehmen."