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Flüchtlingsheim in Suhl: Vermeintliche Koran-Beleidigung führte zu "Lynchjustiz"

In einem Flüchtlingsheim in Suhl ist es zum massiven Gewaltausbruch gekommen. Ein Flüchtling soll Seiten aus dem Koran in einer Toilette heruntergespült haben. Muslimische Mitbewohner sollen daraufhin versucht haben, den Mann zu lynchen. 

Blick in ein zerstörtes Büro der Flüchtlingsunterkunft in Suhl

Blick in ein zerstörtes Büro der Flüchtlingsunterkunft in Suhl: Vorangegangen war ein Streit zwischen Flüchtlingen, weil ein Asylbewerber mit dem Koran unflätig umgegangen sei.

Bei Ausschreitungen in einer Flüchtlingsunterkunft im thüringischen Suhl sind drei Polizeibeamte und mindestens elf Heimbewohner verletzt worden. Auch sechs Polizeiautos und Mobiliar der Erstaufnahmeeinrichtung wurden bei dem Streit in der Nacht zum Donnerstag beschädigt, wie die Polizei mitteilte. Anwohnern zufolge wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Möbel aus dem Fenster geworfen. Auch die Zentrale des privaten Wachdienstes wurde völlig demoliert.

Nach Angaben der Polizei beruhigte sich die Lage im Tagesverlauf wieder. Die Schäden aus der Nacht waren jedoch deutlich sichtbar. Flüchtlinge griffen bei den Ausschreitungen zu Eisenstangen, Steinen und Betonteilen. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Landfriedensbruchs. Die Untersuchungen würden zunächst gegen unbekannt geführt, sagte der Chef der Landespolizeiinspektion Suhl, Wolfgang Nicolai, am Donnerstag. Für die Ermittlungen genutzt würden auch Videoaufnahmen, die die Polizei, aber auch Anwohner gemacht hätten.

50 Flüchtlinge jagten einen Mann

Auslöser des Streits am Mittwochabend war laut Polizei wohl eine Auseinandersetzung mit einem Heimbewohner, der den Koran beleidigt haben soll. Der Asylbewerber sei zunächst von rund 20 anderen Heimbewohnern verfolgt worden, weil er angeblich mit dem Koran unflätig umgegangen war. Später beteiligten sich etwa 50 Flüchtlinge an dem Streit, weitere 50 sollen zugeschaut haben. Der verfolgte Heimbewohner wurde nach Angaben des thüringischen Innenministeriums zur eigenen Sicherheit in Schutzgewahrsam genommen.

Die Polizei war zunächst nur mit Suhler Beamten im Einsatz, die wegen der großen Zahl der Angreifer aber überfordert waren. Sie mussten sich zurückziehen und auf Verstärkungseinheiten aus Erfurt warten. Insgesamt seien 120 Polizisten, aber auch Sanitäter und Feuerwehrleute im Einsatz gewesen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. In der Nähe des Heims wurden Zelte zur Versorgung von Verletzten aufgebaut.

Migrationsminister spricht von Lynchjustiz

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach sich bei MDR Info für getrennte Flüchtlingsunterkünfte für verschiedene Ethnien aus. Nur so ließen sich Gewaltausbrüche wie dieser verhindern. Um den Druck abzubauen, seien in den vergangenen Tagen Flüchtlinge in drei Ausweichquartieren untergebracht worden. Er könne verstehen, wenn bei hochtraumatisierten Menschen die Emotionen hochkochten, sobald verschiedene Ethnien und religiöse Gruppen aufeinanderträfen, sagte Ramelow.

Nach Meinung von Landesmigrationsminister Dieter Lauinger ist eine "rote Linie massiv überschritten" worden. Bei einem Besuch in der Erstaufnahmeeinrichtung sprach der Grünen-Politiker von einem "religiösen Streit, der eskaliert ist" und von "Lynchjustiz". Ein Flüchtling habe Seiten aus dem Koran in einer Toilette heruntergespült. Muslimische Mitbewohner hätten darauf heftig reagiert und versucht, den Mann zu lynchen. 

Im Suhler Flüchtlingsheim war es in den vergangenen Wochen schon zu Auseinandersetzungen gekommen. In der Unterkunft wurden bis zu 1800 Menschen einquartiert, ausgelegt ist sie für maximal 1200.

ivi / DPA