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Lynchjustiz in Südafrika: Wo der Mob regiert

Eine der höchsten Kriminalitätsraten weltweit und Behörden, die dem Problem nicht gewachsen sind: In Südafrika häufen sich Fälle von Selbstjustiz - und brutaler Gewalt.

"Die Menschen beklagen den Geruch von Menschenfleisch": Township-Bewohnerin Elizabeth Konongo zeigt der Reporterin einen Ort der Selbstjustiz

"Die Menschen beklagen den Geruch von Menschenfleisch": Township-Bewohnerin Elizabeth Konongo zeigt der Reporterin einen Ort der Selbstjustiz

Auf den ersten Blick wirkt die sandige Brache vor dem Haus von Elizabeth Konogo eher unscheinbar. Doch es hat eine düstere Bewandtnis mit diesem Ort. "Das ist das Feld des Todes", sagt die 54-jährige Putzfrau beinahe lässig. Tatsächlich ist der Platz von der Größe eines Fußballfeldes so etwas wie ein Kulminationspunkt der Kriminalität in Khayelitsha, einer der größten Armensiedlungen Südafrikas, rund 30 Kilometer vom Touristenmagneten Kapstadt entfernt.

Wenn die Bewohner einen Kriminellen gefangen hätten, dann brächten sie ihn hierher, erzählt Konongo. Sie würden ihm einen mit Benzin gefüllten Reifen um den Hals legen und ihn bei lebendigem Leib verbrennen. Unzählige Male habe sie das schreckliche Schauspiel von ihrem Küchenfenster aus verfolgt.

"Sie töten die Gangster am hellichten Tag. Sie wollen, dass alle es sehen - als Warnung", sagt sie. Den Platz hätten sie ganz bewusst gewählt, denn direkt neben den Hütten sei es zu gefährlich für ein Feuer. "Außerdem beklagen sich die Menschen über den Geruch von Menschenfleisch."

Jedes fünfte Mordopfer ist ein Mobopfer

Mit etwa 50 Mordfällen und mehr als 140 Vergewaltigungen täglich hat Südafrika laut UN-Angaben eine der höchsten Kriminalitätsquoten der Welt. Nur ein Bruchteil der Verbrechen wird strafrechtlich verfolgt. Die Frustration in der Bevölkerung und der Verlust des Vertrauens in die Polizei und die Justiz sind groß. Hierin dürfte die Hauptursache für die brutale Lynchjustiz liegen.

In Khayelitsha hätten die Menschen eben beschlossen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen, sagt der Bewohner Eugene Cukana. "Wenn Du die Verbrecher nicht tötest, hört das Verbrechen nicht auf." Da die Polizei ohnehin nicht komme, sei es an den Bewohnern, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, sagt der 33-Jährige.

Doch mittlerweile sind die öffentlichen Lynchmorde so zahlreich geworden, dass die Regierung der Provinz Western Cape eine Untersuchungskommission eingesetzt hat, um das Treiben in dem Township zu untersuchen. Jeder fünfte Mord in Khayeltisha wird laut Polizeistatistik von Mobs verübt. Innerhalb von 14 Monaten hat die Polizei 78 Lynchmorde verzeichnet. Landesweit gibt es Hunderte solcher Fälle.

"Selbstjustiz ist vollkommen normal geworden"

"Selbstjustiz ist vollkommen normal geworden", sagt der bekannte Menschenrechtsaktivist Zackie Achmat. Das öffentliche Lynchen sei ein Symptom für die Korruption innerhalb der Polizei, aber auch die soziale Ungerechtigkeit, Armut und Rassendiskriminierung.

"Die Polizei kennt die Kriminalitätslage, nur wissen sie nicht, wie sie sie lösen soll", sagt Siphiso Zitwana. Der 23-Jährige ist einer von zahlreichen Bewohnern, die vor der Kommission ausgesagt haben. "Die Leute haben die Nase voll von den ganzen Verbrechen. Wenn jemand ein Kind vergewaltigt, töten sie ihn, weil sie wissen, dass sich ein Gerichtsverfahren über Jahre hinziehen oder ganz fallen gelassen würde." Er selbst sei 14 gewesen, als er erstmals Zeuge öffentlicher Lynchjustiz wurde. Seitdem hat er viele solcher Morde gesehen.

Aufseiten der Polizei räumt man Defizite in der Verbrechensbekämpfung ein. Zwar seien viele Verdächtige festgenommen, doch später aufgrund "schlampiger Polizeiarbeit" ohne Anklage freigelassen worden, berichtete der Polizeipräsident von Western Cape, Arno Lamoer.

Doch Lynchjustiz ist kein südafrikanisches Phänomen. In Nigeria etwa sehe sich die Polizei einer solch ausufernden Kriminalität gegenüber, dass sie Lynchmorde oftmals dulde und in einigen Fällen sogar mit den "Bürgerwehren" kollaboriere, berichtet die südafrikanische Denkfabrik Institute for Security Studies. Berichten zufolge ist die Tötung mutmaßlicher Krimineller durch Mobs oder die Polizei in der ebenfalls von Kriminalität geplagten kenianischen Hauptstadt Nairobi schon so etwas wie Routine geworden. Auch aus Uganda und Tansania werden zahlreiche ähnliche Fälle gemeldet.

In Südafrika hoffen sie derweil, dass die Untersuchungskommission Antworten auf die drängenden Fragen findet, wie die Sicherheit im ganzen Land verbessert werden kann. So lange müssten die Slumbewohner weiterhin in Angst leben, sagt Thembani Gqeku aus Khayelitsha. "Wenn du nachts alleine aus dem Haus gehst, liegt die Wahrscheinlichkeit, ausgeraubt zu werden, bei 100 Prozent."

she/Kristin Palitza, DPA / DPA