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Madeleine McCann: "Wahrscheinlich lebt sie"

Vor knapp einem Jahr verschwand die vierjährige Britin Madeleine McCann in Portugal. Die verzweifelte Suche der Eltern nach dem Kind, die immer neuen Verdächtigungen erzeugten einen weltweiten Medien- und Prominentenrummel. Vergeblich. Die Eltern glauben bis heute, dass das Kind lebt.

Das Poster der kleinen Madeleine im Fenster eines Londoner Pubs ist verblasst. Der Besitzer will es trotzdem hängen lassen. "Die Eltern tun mir leid", sagt er, "ich bringe es nicht übers Herz, das Bild abzunehmen". Allerdings frage er sich, ob Maddie heute noch so aussehe. "Kinder verändern sich schnell", meint er schulterzuckend. Am 12. Mai ist Madeleines fünfter Geburtstag. Ein Jahr nach ihrem Verschwinden hoffen Kate und Gerry McCann, dass ihre Tochter doch noch gefunden wird. "Ich denke, dass sie wahrscheinlich noch lebt", sagte Gerry McCann in der vergangenen Woche in einem BBC-Interview. Es gebe keinerlei Beweise für ihren Tod.

Von Madeleine fehlt seit ihrem Verschwinden aus einer Ferienwohnung im portugiesischen Praia da Luz jede Spur. Immer wieder gab es Hoffnungsschimmer, Madeleine sei in Marokko, Belgien oder Mexiko gesehen worden. Aber keiner der Hinweise brachte einen Durchbruch. Über den Stand der Ermittlungen können selbst die McCanns nur rätseln. "Wir wissen noch nicht einmal, ob die portugiesische Polizei überhaupt noch nach Maddie sucht", sagte Gerry McCann in dem BBC-Interview. Die Freunde der McCanns, mit denen das Ehepaar in der Nacht von Madeleines Verschwinden zu Abend aß, wurden im April im Beisein portugiesischer Ermittler erneut verhört. "Die Ermittlungen gehen voran", so der knappe Kommentar eines portugiesischen Polizisten.

Suchkampagne von nie dagewesenem Ausmaß

Die McCanns tun alles, damit das Interesse der Öffentlichkeit am Schicksal ihrer Tochter nicht einschläft. Nach Maddies Verschwinden am 3. Mai vergangenen Jahres brachten sie eine internationale Suchkampagne von nie dagewesenem Ausmaß in Gang. Sie nutzten die Medien und das Internet, und zwei Wochen später hatten bereits mehr als 50 Millionen Menschen weltweit die Internetseite findmadeleine besucht. Es folgte eine Audienz beim Papst und ein Auftritt vor dem Europaparlament, wo sich die McCanns für ein grenzübergreifendes Alarmsystem für vermisste Kinder einsetzten. "Die Eltern sind gut aussehend, können gut reden, und Madeleine ist ein sehr hübsches Kind", erklärte die Psychologin Kate Morris die Faszination der Öffentlichkeit für den Fall.

Den Jahrestag des Verschwindens von Madeleine hätten die McCanns gerne in Portugal verbracht. Sie hatten gehofft, dass ihr Status als "Arguidos", Verdächtige, bis dahin aufgehoben sei. Doch die Fronten zwischen den Eltern und der portugiesischen Polizei erhärteten sich erneut: Weil die Kinder der McCanns in der Nacht von Madeleines Verschwinden unbeaufsichtigt in der Ferienwohnung waren, solle Kate McCann wegen Vernachlässigung angeklagt werden, berichteten portugiesische und britische Medien. "Warum reden wir ein Jahr später eigentlich über Vernachlässigung?", wunderte sich Gerry McCann. Rechtsexperten halten eine Anklage für unwahrscheinlich, aber die McCanns wollen nicht nach Portugal zurück, bis alle Anschuldigungen fallen gelassen werden.

Murat wurde zu "Freiwild"

Neben den McCanns gilt der in Portugal lebende Brite Robert Murat noch immer als verdächtig. Zwei Augenzeugen hatten ausgesagt, er habe kurz vor Madeleines Verschwinden in der Nähe der Ferienwohnung eine Zigarette geraucht. Der Immobilienhändler hat dies immer bestritten, und seine Mutter behauptet, er habe den Abend bei ihr verbracht. Für die Presse wurde Murat jedoch zu "Freiwild", erklärte der Medienexperte John Hawksley. Die Londoner Anwaltskanzlei Simons Muirhead hat bestätigt, dass sie im Auftrag von Murat eine Verleumdungsklage gegen elf britische Zeitungen vorbereitet hat. Sollte sie Erfolg haben, könnte Murat eine Rekordsumme von umgerechnet 2,5 Millionen Euro erhalten.

Der Alltag der McCanns, ihr gesamtes Familienleben, wird noch immer von Madeleines Verschwinden dominiert. "Kate und Gerry haben das alles noch nicht verkraftet", sagte Gerrys älterer Bruder John der "Daily Mail". "Gerry geht wieder arbeiten, aber wenn er nach Hause kommt, kümmert er sich noch stundenlang um die Suchkampagne", erklärte der Bruder. Sie hätten im Februar den dritten Geburtstag der Zwillinge Sean und Amelie, Madeleines Geschwister gefeiert, aber ansonsten sei niemandem nach Feiern zumute. "Kate ist vor kurzem 40 geworden, aber der Geburtstag war ein Tag wie jeder andere."

Ute Dickerscheid/DPA / DPA