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Madeleines Eltern: "Es gibt Auffälligkeiten"

DNA-Spuren im Leihwagen, stundenlange Verhöre: Seit kurzem gehören auch die Eltern der in Portugal vermissten Madeleine McCann zu den Verdächtigen. Im stern.de-Interview erklärt der Kriminalpsychologe Christian Lüdke, warum ihm das Verhalten von Madeleines Eltern in dieser Extremsituation seltsam vorkommt.

Seit vergangenem Freitag stehen die Eltern McCann unter Verdacht, mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun zu haben. Am Sonntag sind sie vorerst nach England zurückgekehrt. Sind Sie überrascht von den aktuellen Entwicklungen?

Aus kriminologischer Sicht: Nein. Statisch gesehen sind 70 Prozent aller Fälle von Gewalt gegen Kinder Beziehungstaten. Die Wahrscheinlichkeit ist also relativ groß, dass die Eltern verstrickt sind.

Ist so eine Annahme aus der Ferne überhaupt möglich?

Ich kenne die McCanns nicht. Doch man kann zumindest das, was an Symptomen und Verhaltensweisen zu sehen ist, abgleichen mit Erfahrungen aus anderen Fällen. Und da gibt es Auffälligkeiten.

Was ist denn auffällig?

Ich habe viele Eltern betreut, deren Kinder entführt oder getötet wurden. Es gibt danach typische Reaktionen: Trauerphasen, Phasen von Verzweiflung. Die Eltern ziehen sich zurück, zerstreiten sich vielleicht sogar. Die McCanns zeigen ganz viele dieser bei traumatischen Erfahrungen typischen Symptome nicht. Ihre massive Öffentlichkeitsarbeit war auffällig: Etwa, dass sie sich auf eine Tournee durch Europa begeben haben und die beiden anderen Kinder zurückließen, nachdem gerade die Tochter verschwunden war. Bemerkenswert war auch, dass die McCanns immer sehr harmonisch gewirkt haben. Dass sie in so einer Phase die Kraft haben, eine Internetseite so professionell aufzuziehen - die sich übrigens nicht nur mit der Suche nach der eigenen Tochter beschäftigt. In dem Tagebuch, das der Vater führt, geht es ums Wetter, um die eigene Kleidung, um die Gestaltung von Tagesabläufen. Das ähnelt manchmal eher einer Selbstinszenierung.

Könnte es nicht einfach sein, dass die McCanns bewusst gegengesteuert haben, um besser mit dieser schrecklichen Situation klarzukommen?

Wenn das eigene Kind verschwindet, ist es das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Es besteht dann ja durchaus die Möglichkeit, dass das Kind nicht mehr am Leben ist. Dadurch werden aber zwei Lebensgesetze gebrochen. Das Kind stirbt vor den Eltern - und: das Kind stirbt eines nicht natürlichen Todes. Solche Eltern sind in der Regel untröstlich. Sie haben Angst, verrückt zu werden, weil sie diesen Zustand nicht aushalten. Normal wäre, dass sie sich ablenken, ein bisschen Fernsehen schauen oder mal aus dem Haus gehen. Aber es ist äußerst ungewöhnlich, in einer solchen akuten Phase bereits am dritten oder vierten Tag Sportschuhe anzuziehen und gemeinsam joggen zu gehen. Oder dass der Vater sagt, wenn die Suche noch Monate weitergehe, brauche man einen professionellen Manager. Was soll man denn managen? Man braucht doch Trost, Beistand, sehr viel Kraft, um mit dieser Situation fertig zu werden. Das Letzte, was man braucht, ist ein Manager. Oder dass der Vater in seinem Tagebuch in etwa schreibt, "wir müssen das durchkämpfen". Warum kämpfen? Man trauert, man ist verzweifelt, wenn man sein Kind verloren hat. Man sagt eher: Wir versuchen, so lange die Hoffnung aufrecht zu erhalten, bis wir Gewissheit haben.

Kennen Sie einen ähnlichen Fall, in dem Eltern nach dem Verschwinden ihres Kindes derart massiv die Öffentlichkeit gesucht haben?

Es gibt pro Jahr in Deutschland zehn bis fünfzehn Fälle, wo die Eltern am Anfang, wenn sie nicht wissen, was mit ihrem Kind ist, die Öffentlichkeit suchen. Aber das sind dann ein, maximal zwei Auftritte, wo sie einem Fernsehsender ein Interview geben. Ein solcher Fall, der dann auch eine so große öffentliche Anteilnahme erregt hat, ist mir aus der Kriminalgeschichte aber nicht bekannt.

Was könnte hinter dem Verhalten der McCanns stecken?

Es könnte durchaus sein, dass die Eltern Täterwissen haben - oder vielleicht sogar die Täter sind. Und sich unbewusst einer Schuld im Klaren sind. Dass sie eine völlige neue Wirklichkeit konstruiert haben über ihre Kampagne, durch die Besuche bei verschiedenen Regierungschefs bis hin zum Papst. Um eventuell von der eigenen Tat abzulenken.

Laut Berichten in portugiesischen Medien haben die Eltern gegenüber den portugiesischen Ermittlern zugegeben, dass sie ihren Kindern manchmal Beruhigungsmittel gaben. Im Fall von Maddie gibt es nun die Vermutung, dass die Eltern ein solches Medikament versehentlich überdosierten, weil sie in Ruhe Abendessen gehen wollten. Die Kinder mit Tabletten ruhig zu stellen - gibt es solche Fälle?

Das passiert leider sehr oft, aber meistens in sozial schwächer gestellten Familien, weniger in Akademikerfamilien. Es gibt Mütter, die in fast verwahrlosten Zuständen leben, Alkoholprobleme haben, drogenabhängig sind. Da wird weinenden oder schreienden Kindern dann hin und wieder Alkohol, ja sogar Drogen eingeflößt, weil die Eltern von der Situation überfordert sind. Bei einem hoch gebildeten Ärzte-Ehepaar halte ich eine eventuelle Medikamentengabe aber für umso verwerflicher. Da würde ich eine psychische Störung vermuten, eine sogenannte Bindungsstörung. Dass also keine starke emotionale Beziehung zu den Kindern vorhanden ist. Nach meinem Wissen sind alle Kinder durch künstliche Befruchtung entstanden. Da kann das Kind durchaus als Störfaktor erlebt werden, weil ein innerer emotionaler Bezug fehlt. Dennoch wäre eine Medikamentengabe zur Ruhigstellung ein massiver Missbrauch des Arztberufes. Das macht man nicht. Und man lässt kleine Kinder auch nicht alleine in diesem Alter, erst recht nicht an fremden Orten.

Falls die McCanns wirklich mit dem Verschwinden ihres Kindes zu tun hätten: Wäre ihr Verhalten dann besonders zu verurteilen - oder wären sie eher zu bedauern?

Das wären dann im Grunde zutiefst bedauernswerte Menschen, weil sie sehr einsam sind, weil sie sich nicht mit dem eigenen Schicksal auseinandersetzen können. Auf der anderen Seite: Falls es sich bewahrheiten sollte, dass die McCanns die ganze Welt fast schon an der Nase herumgeführt haben, wäre es auch ein Anzeichen von sehr durchtriebenem, berechnendem und kaltblütigem Verhalten. Denn die McCanns sind intelligente Menschen, die keine Anzeichen für eine Psychose zeigen, also nicht an völligem Realitätsverlust leiden. Es wäre ein massiver Vertrauensmissbrauch der Weltöffentlichkeit. Und ein Schlag ins Gesicht vieler Familien, die tatsächlich ihre Kinder verloren haben - und nie diese Form der Unterstützung erfahren haben.

Mal angenommen, dass Maddie wieder gefunden wird - dass sich Ihre Vermutungen also als falsch erweisen?

Dann würde ich künftig wohl nichts mehr zu solchen Fällen sagen. Aber es würde mich sehr überraschen. In meinem Berufsfeld gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, was hinter dem Verschwinden von Maddie steckt. Aber das Elternverhalten wird von vielen Kollegen kritisch betrachtet.

Interview: Jörg Isert