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Mädchenmord in Emden: Psychiatrie-Chef weist Mitverantwortung zurück

Spurensuche in Emden: Der mutmaßliche Mädchenmörder war bei seiner Behandlung in der Psychiatrie offenbar ein unauffälliger Patient. Die Suche nach der Tatwaffe bleibt erfolglos.

Der mutmaßliche Mörder eines elfjährigen Mädchens aus Emden hat sich vor der Tat während einer Behandlung in der Psychiatrie nach Angaben des Chefarztes unauffällig verhalten. "Es war kein Gewaltpotenzial zu erkennen. Sonst hätten wir ihn nicht entlassen", sagte der Chefarzt der Aschendorfer Kinder- und Jugendpsychiatrie, Filip Caby, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch sei die Therapie wegen einer anderen Indikation begonnen worden, nicht wegen einer sexuellen Störung. "Diese wurde erst im Laufe der therapeutischen Behandlung bekannt."

Der Mediziner wies auch eine Mitverantwortung für den Tod des Kindes zurück. "Wir machen uns keine Vorwürfe. Wir haben uns an das gehalten, was an Voraussetzungen gefordert war", sagte Caby. Die Therapie sei regulär beendet worden. "Das Ziel war unter anderem, dass eine Selbstanzeige erfolgt. Zu der ist es gekommen. Ferner haben wir dringend eine weitere Therapie empfohlen." Für die sei sein Haus als Einrichtung für Kinder und Jugendliche aber nicht mehr zuständig gewesen, weil der junge Mann inzwischen 18 Jahre alt geworden sei.

Der 18-Jährige hatte am vergangenen Wochenende zugegeben, die Elfjährige am 24. März getötet zu haben. Laut Ermittlungen wollte er einen sexuellen Missbrauch an dem Mädchen verdecken.

Taucher suchen in Emder Wallanlage nach der Tatwaffe

Unterdessen geht in Emden die Suche nach der Tatwaffe weiter. Vier Polizeitaucher aus Hannover und Oldenburg hatten am Mittwoch mehrere Stunden die Gewässer an den Emder Wallanlagen untersucht. Es wurden aber keine relevanten Gegenstände gefunden, wie die Polizei mitteilte. Nach Medienberichten soll das Mädchen erstochen worden sein.

Die Mordkommission geht ferner weiteren Indizien und Hinweisen nach. Unter anderem geht es um einen Vorfall vom 1. März in Emden. Ein anonymer Anrufer hatte der Polizei gemeldet, dass ein Mann einen Jungen unweit des Bahnhofs angegriffen haben soll. Vor Ort war aber keiner der beiden mehr anzutreffen. Ein Zusammenhang zum Fall Lena sei nicht auszuschließen, hieß es.

Die Osnabrücker Polizei hat noch nicht entschieden, welche Behörde die Panne bei den früheren Ermittlungen gegen den Tatverdächtigen untersucht. Für das polizeiinterne Ermittlungsverfahren kommt eine der anderen sechs Polizeidirektionen in Niedersachsen oder das Landeskriminalamt infrage. Die Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt bereits gegen zwei Beamte der dortigen Polizeiinspektion wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt. Außerdem gibt es Disziplinarverfahren gegen diese beiden und weitere Beamte.

Was wäre, wenn?

Der inzwischen in Untersuchungshaft sitzende 18-Jährige hatte sich bereits im November 2011 bei der Polizei Emden nach seiner Behandlung in der Psychiatrie als Pädophiler angezeigt. Einen Tag später entkam eine Joggerin knapp einer Vergewaltigung in den Emder Wallanlagen. Auch diese Tat wird dem 18-Jährigen zugeordnet. Wenn der junge Mann damals rechtzeitig intensiver überprüft worden wäre, hätte der Mord an der elfjährigen Lena vielleicht verhindert werden können.

Die Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs wurde lediglich einem Kinderpornografie-Verfahren untergeordnet, obwohl die Nacktaufnahme einer Siebenjährigen das schwerere Vergehen war. Wie jetzt erst bekanntwurde, hatte den 18-Jährigen sein Stiefvater bereits im September 2011 angezeigt, weil er Kinderpornos auf dessen Computer heruntergeladen hatte.

Emder entschuldigen sich bei irrtümlich Verdächtigten

Am Mittwochabend hatten sich rund 200 Menschen aus Solidarität für einen vorübergehend Verdächtigen im Mordfall Lena versammelt. "Wir möchten uns bei ihm für die falschen Verdächtigungen entschuldigen", sagte eine der Mitorganisatorinnen der privaten Aktion. Die Menschen bedauerten die Hetzparolen und Lynchaufrufe im Internet, die unter anderem in sozialen Netzwerken wie Facebook aufgetaucht waren. Vergangene Woche hatten Polizisten einen damals 17 Jahre alten Schüler zunächst festgenommen und nach weiteren Ermittlungen wieder freigelassen.

kng/DPA / DPA