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Mafia in Deutschland: Ehrenwerte Gesellschaft an der Ostsee

Ist Mecklenburg-Vorpommern ein Paradies für die Mafia? Kritiker werfen Ermittlern vor, nicht mit dem nötigen Nachdruck gegen italienische Mafiosi vorzugehen. Nun wirft ein interner Bericht des Landeskriminalamtes, der ein Jahrzehnt lang offenbar verschollen war, Fragen auf.

Von Manuela Pfohl

Bisweilen bergen alte Dokumente, die plötzlich auftauchen, erhebliche Sprengkraft für die Gegenwart. So auch in diesem Fall: Immer wieder muss sich das Landeskriminalamt (LKA) Mecklenburg-Vorpommern der Kritik stellen, es habe Ermittlungen gegen die apulische Mafia-Organisation Sacra Corona Unita (S.C.U.) in dem Moment gestoppt, in dem Fahnder eindeutige Hinweise auf Geldwäsche-Aktivitäten gefunden hätten. Der Fall gilt all jenen als Paradebeispiel, die behaupten, die deutschen Behörden würden nicht entschieden genug gegen Mafia-Aktivitäten in Deutschland vorgehen. Ein bisher nicht bekannter interner LKA-Bericht aus dem Jahr 1998 wirft nun neue Fragen auf: Glaubt man dem Dokument, das stern.de vorliegt, hatten die Fahnder aus Mecklenburg-Vorpommern seinerzeit tatsächlich heiße Spuren gefunden, dass sich Vertreter der Sacra Corona Unita in Gesellschaft und Wirtschaft des Bundeslandes an der Ostsee eingenistet hatten.

Mafia breitet sich aus

Dass sich verschiedene Mafia-Organisationen - von der kalabrischen 'Ndrangheta über die Camorra bis hin zur Sacra Corona Unita - in Deutschland ausbreiten, gilt nicht erst seit dem Sechsfachmord von Duisburg im August 2007 als unstrittig. Verschiedene Autoren, etwa Petra Reski mit ihrem 2008 erschienenen Buch "Mafia" oder Jürgen Roth mit "Mafialand Deutschland", das dieser Tage erscheint, haben versucht, diese Aktivitäten zu belegen. Umstritten ist jedoch, ob die deutschen Behörden genug gegen die Mafiosi unternehmen.

"Die deutschen Behörden tun nichts"

Kritiker in Deutschland und in Italien behaupten nämlich, die Deutschen - und vor allem einzelne Landeskriminalämter - unterschätzten die Gefahr der Mafia in Deutschland oder ließen sie im schlimmsten Fall sogar wissentlich gewähren. Zu den Kritikern gehören etwa Vertreter des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), aber auch italienische Mafia-Experten wie etwa Francesco Forgione. Der war bis zum vergangenen Jahr Chef der Antimafiakommission des italienischen Parlaments und wetterte erst kürzlich gegenüber stern.de: "Die deutschen Behörden tun nichts. Die Arbeitsplätze und das Geld, das die Mafiosi bringen, sind ihnen wichtiger als die Bekämpfung der organisierten Kriminalität."

Streit um eine Soko

Als ein zentrales Beispiel für die vermeintliche Beißhemmung der deutschen Behörden dient Kritikern immer wieder der Fall Mecklenburg-Vorpommern. 1995 war in Rostock das S.C.U.-Mitglied Gerardo Russo in einem Restaurant von einem anderen Italiener erschossen worden. Daraufhin hatte das dortige LKA eine Sonderkommission eingerichtet, die den Mord aufklären und den Gerüchten nachgehen sollte, eine Gruppe von Italienern, die zum Umfeld von Russo gehörte, würde an der Ostseeküste Geld waschen. 1997 wurde die Kommission allerdings vom damaligen und heutigen LKA-Chef Ingmar Weitemeier wieder aufgelöst. Über den Grund der Auflösung wird seit nunmehr fast zehn Jahren gestritten. Weitemeier sagt, man habe damals keine juristisch verwertbaren Hinweise finden können. Deshalb habe auch die Staatsanwaltschaft auf ein Rechtshilfeersuchen an die italienische Regierung verzichtet.

Kritiker, die sich vor allem auf den Staatsschützer Ronald Buck beziehen, der auch Mitglied der Sonderkommission war, behaupten dagegen, die Fahnder seien kurz davor gewesen, die mafiösen Strukturen an der Ostsee aufzudecken. Bis jetzt behauptet Buck, der auch Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Mecklenburg-Vorpommern ist, man habe seinerzeit konkrete Hinweise auf Straftaten gehabt.

Tatsächlich scheint der Bericht einigen Sprengstoff zu bergen. Glaubt man den Angaben, so waren den Ermittlern die Namen und Verbindungen von italienischen und deutschen Personen detailliert bekannt, die offenbar Geldwäsche betrieben, unter anderem mit Immobilienkäufen und dem Betrieb von Gastronomie- und Baubetrieben. Firmen werden benannt, Adressen und Geschäftsumsätze aufgeführt, vieles wird mit Zitaten aus abgehörten Telefongesprächen untermauert.

Namen, Adressen, Geschäftsumsätze

Das Muster, nach dem die Verdächtigen agieren, ist zunächst sehr einfach. Die Ermittler stellen beispielsweise fest, dass ein Italiener nahezu mittellos aus seiner Heimat an die Ostseeküste kommt, als Koch arbeitet und bereits nach kurzer Zeit einen Millionenbetrag in den Kauf eines Hotels investiert. Ein anderer hat auf seinem Konto einen Fehlbetrag, erhält aber dennoch einen Kredit von einer Bank, um sich ein Restaurant zu kaufen. Ein dritter nimmt von einem Landsmann einen Kredit auf, kauft davon eine Immobilie, um sie unmittelbar danach ohne jeden Gewinn wieder zu verkaufen. Aus Sicht der Steuerfahnder, die dieses Treiben eine Zeitlang beobachten, kann es für diese Vorgehensweise nur eine Erklärung geben: Geldwäsche. Die Ermittler beginnen, die Telefone der Verdächtigen zu überwachen und hören unter anderem mit, wie die Italiener ganz ungeniert darüber berichten, dass sie "500.000 gefunden" hätten "ohne Zins", und dass sie vier Millionen DM Schwarzgeld bekommen haben, mit dem sie sich "organisieren" wollen. 1997 sind sich die Ermittler im LKA-Mecklenburg-Vorpommern sicher, dass sie es tatsächlich mit organisierter Kriminalität zu tun haben. Nur: Um die Geldwäsche beweisen zu können, brauchen die Beamten von den italienischen Kollegen Hilfe. Die müssen ihnen die Beweise liefern, dass all das Geld, das von der Gruppe an der Ostseeküste investiert wird, aus kriminellen Geschäften stammt.

Im Bericht heißt es dazu: "Im Mai 1997 wurde mitgeteilt, daß ein vernommener Kronzeuge Restaurants und Geschäfte benennen wird, die mittels inkriminierter Gelder in Deutschland erworben wurden. Weitere Einzelheiten werden aber erst dann mitgeteilt, wenn ein entsprechendes Rechtshilfeersuchen Deutschlands, Mecklenburg-Vorpommern, gestellt wurde." Ein solches Ersuchen sei aber nie gestellt worden.

"Mecklenburg-Vorpommern ist kein weißer Fleck"

Mecklenburg-Vorpommerns LKA-Chef Weitemeier erklärt dazu gegenüber stern.de: "Mecklenburg-Vorpommern ist kein weißer Fleck auf der 'Landkarte Mafia' und wie jedes andere Bundesland auch belastet." Allerdings gab und gebe es aktuell keine konkrete Beweislage gegen konkrete Personen. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen italienische Verdächtige wegen des Verdachts der Geldwäsche hätten 1997 zu keinen Ergebnissen geführt. Im Gegenteil: Im Gespräch mit einem italienischen Staatsanwalt sei klar geworden, dass es "in Italien Schwierigkeiten gibt, eine Vortat zur Geldwäsche nachzuweisen". Deshalb gebe es auch "gegenwärtig in Mecklenburg-Vorpommern keine personifizierten Ermittlungen mit dem Hintergrund Mafia".

Aus aktuellen Unterlagen, die stern.de vorliegen, geht hervor, dass ein Teil der Italiener, die im LKA-Bericht von 1998 zu den Verdächtigen gehörten, noch immer wirtschaftlich aktiv ist und seine Verbindungen in den vergangenen Jahren bis in andere Bundesländer hinein massiv ausgebaut hat.

Ronald Buck, der ehemalige Staatsschützer und Mafiaermittler im LKA Mecklenburg-Vorpommern, ist nach seiner öffentlich vorgetragenen Kritik im vergangenen Jahr innerhalb der Behörde versetzt worden. Seitdem kümmert sich der Finanzermittler um die Post und die Prävention im LKA. Zu den Aktivitäten der Mafia sagt er nichts mehr.

  • Manuela Pfohl