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Mafia-Jäger Scarpinato: Mafiosi sind keine Pizzabäcker

Roberto Scarpinato ist Italiens wichtigster Anti-Mafia-Ermittler. Bei einem Vortrag in Hamburg warnte er die deutschen Behörden: Ohne schärfere Gesetze, drohen Deutschland sizilianische Verhältnisse.

Von Wolf-Hendrik Müllenberg

"Wäre ich Mafiosi, würde ich in Deutschland investieren." Roberto Scarpinato hat diesen Satz schon einmal gesagt. Und auch an diesem Abend bringt er ihn gleich zu Beginn seines Vortrages über die Lippen. Da zuckt der Bürger zusammen: Paradiesische Zustände für das organisierte Verbrechen? Ausgerechnet in Deutschland? Ja, sagt Scarpinato, denn die deutschen Gesetze seien zu lasch und stammen zudem aus dem 19. Jahrhundert. "Für das dritte Millennium sind die deutschen Gesetze veraltet", sagt der 59-Jährige Scarpinato, der im edlen Anzug vor knapp 300 Menschen in der Grundbuchhalle des Hamburger Landgerichts spricht.

Wenn Scarpinato schärfere Gesetze in Deutschland fordert, ist ihm allgemeine Zustimmung gewiss. Staatsanwälte, Jura-Studentinnen mit Perlenohrringen, Hanseaten im feinen Zwirn - alle sind gekommen, um den leitenden Oberstaatanwalt von Palermo zu hören, den wichtigsten Mann im Kampf gegen das organisierte Verbrechen Italiens, den "Mafia-Jäger".

Roberto Scarpinato besucht Deutschland nicht allein. Genau genommen ist der smarte Italiener seit über 20 Jahren fast nie alleine. So lange nämlich schon jagt Scarpinato die Mafia. Und als Mafia-Jäger benötigt man Personenschutz. Er wird stets von Leibwächtern begleitet - egal wohin er geht. In Hamburg weichen die Männer mit den Knöpfen in den Ohren nicht von seiner Seite. Sie folgen Scarpinato auf dem Weg von seiner Limousine in das Justizgebäude; nach seinem Vortrag werden sie ihn bis an seine Hotelzimmertür bringen und die ganze Nacht Wache stehen. Sie schützen Scarpinato vor den Killer-Kommandos der Mafia.

"Deutschland nimmt die Mafia nur wahr, wenn geschossen wird"

Auf der Liste der Mafia steht Scarpinato seit 1992. Damals richtete er in Italien eine Abteilung ein, die sich der Aufdeckung von Straftaten im Zusammenhang mit Politik und Wirtschaft verschrieb. Der Sohn eines sizilianischen Richters widmete sein halbes Leben der Bekämpfung von Verbrechersyndikaten, wie die kalabresische N`drangheta. Er weiß, wie die Mafia tickt und warum sie besonders in Deutschland weitestgehend im Verborgenen operiert: "Die Deutschen nehmen die Mafia nur wahr, wenn geschossen wird", sagt Scarpinato.

Blutige Mafia-Morde, wie die in Duisburg im Sommer 2007, seien die Ausnahme und würden von der Mafia als grobe Fauxpas betrachtet. Die Mafia sei kein Haufen barbarischer Kleinkrimineller, "sondern ein weltweit vernetztes Unternehmen, das ständig expandiert", haucht Scarpinato auf italienisch in das Mikrofon, anschließen übersetzt eine Dolmetscherin und Scarpinato blickt in die gebannten Gesichter seiner Zuhörer.

Scarpinato sagt, in Deutschland erliege man dem Irrtum, bei der Mafia handle es sich um primitive Menschen, die Pizzabuden eröffnen. Dabei seien es vor allem studierte Leute, die bei der Mafia die Fäden ziehen. "Die würden sich niemals die Finger schmutzig machen. Das sind Advokaten, Ärzte, Architekte." Scarpinato nennt sie die "Hirne der Mafia", die "Weißkragen". Die Drecksarbeit übernehmen andere:"Arbeiter aus der Unterschicht, die Befehle ausführen."

Mafia investiert in deutsche Unternehmen

Drogenhandel und Prostitution seien die primären Geschäftsfelder der Mafia, aber auch die illegale Entsorgung von Giftmüll, erklärt Scarpinato. In Deutschland würde die Mafia immer öfter in legale Unternehmen investieren. Dabei helfen ihnen deutsche Strohmänner, die als Eigentümer in den Geschäftsbüchern auftauchen und dafür gut bezahlt werden. Eine gängige Praxis, die Scarpinato 2008 schon in Italien aufdeckte: Dort beschlagnahmte der Staatsanwalt fünf Milliarden Euro Mafiavermögen in einem Unternehmen, das mit Solarpanelen handelte. Der Konzern war börsennotiert und agierte weltweit.

Aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) belegen die Ausführungen des italienischen Staatsanwaltes. Die Zahl der Verfahren wegen organisierter Kriminalität in Deutschland stieg im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent. "Bei 85 Prozent der Fälle hat es internationale Verbindungen gegeben", sagte BKA-Vizepräsident Jürgen Stock diese Woche auf einem Symposium seiner Behörde. Am häufigsten finde sich organisierte Kriminalität bei Rauschgift- und Eigentumsdelikten. Dabei gewinne die verschlüsselte Kommunikation bei der Mafia zunehmend an Bedeutung, sagt BKA-Vize Stock. Seine Forderung: Die Mindestspeicherfristen für Daten aus der Telekommunikation müssen wieder eingeführt werden.

Während das BKA diese Maßnahme zur Bekämpfung der Mafia reichen würde, geht Roberto Scarpinato bei seinem Besuch in Hamburg noch einen Schritt weiter: Nach italienischem Vorbild, müsse auch in Deutschland allein die Zugehörigkeit zur Mafia strafbar sein. Bei seiner Arbeit als Staatsanwalt in Palermo habe ihm zudem die Überwachung von Wohnraum sehr geholfen. „Die Überwachung von privaten Räumen muss in Deutschland ausgeweitet werden, sonst drohen Deutschland Verhältnisse wie in Italien.“, sagt Scarpinato. Auf die Frage, ob Deutschland dann einem Überwachungsstaat gleich komme, antwortet Scarpinato zum Ende seines Vortrages trocken: „Es ist traurig genug, dass in Deutschland die Angst vor dem Staat größer ist, als vor der Mafia.“

Bei seinem Aufenthalt in Hamburg traf sich Scarpinato auch mit Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD), um ihre Behörde für das System der Mafia zu sensibilisieren. „Scarpinatos Forderungen stoßen bei mir auf offene Ohren“, sagte Schiedek gegenüber stern.de. Welche Gesetzesänderungen in Deutschland möglich und nötig sind, werde derzeit geprüft.

  • Wolf-Hendrik Müllenberg