HOME

Mafia-Morde: Die Spur führt nach Kaarst

Die Polizei hat einen möglichen Drahtzieher der Mafiamorde von Duisburg im Visier. Ein 28-jähriger Italiener, der im rheinischen Kaarst gemeldet ist, wird nun mit einem internationalen Haftbefehl wegen Mordes gesucht.

Von Gerd Elendt

Das Mafia-Blutbad von Duisburg wurde offenbar nur 40 Kilometer entfernt im niederrheinischen Kaarst geplant. Seit Freitagabend wird als dringend Tatverdächtiger der 28-jährige Giovanni Strangio mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der kleine hagere Italiener mit den langen Koteletten hat deutliche Ähnlichkeit mit dem Phantombild, das die Duisburger Polizei bereits kurz nach dem brutalen Mord an sechs Italienern veröffentliche. Alle waren nach Ansicht der Polizei Mitglieder der Mafia-Organisation 'Ndrangheta.

Namensgleichheit erschwert Ermittlungen

Doch die Zeichnung reichte der 120-köpfigen Mordkommission noch nicht, um ihn in den engeren Kreis der Verdächtigen zu nehmen. Den Beamten war aber bald bekannt, dass Giovanni Strangio nicht mit dem Wirt des Duisburger Lokals "Da Bruno", Sebastiano Strangio, verwandt war, der zu den Opfern des Blutbades gehörte.

Giovanni Strangio war ein Verwandter von Maria Strangio, der Frau des kalabresischen Mafiabosses Giovanni Nirta. Die 33-Jährige wurde an Weihnachten vergangenen Jahres in San Luca erschossen. Der mutmaßliche Mörder kam ebenfalls im Duisburger Kugelhagel um. Bei der Beerdigung von Maria Strangio wurde Giovanni Strangio Anfang des Jahres verhaftet, kam für ein halbes Jahr hinter Gitter. Die Polizei hatte eine Waffe bei ihm gefunden.

Am 8. August tauchte Giovanni Strangio wieder in Kaarst auf. Dort wurde er auch dringend gebraucht, denn den kleinen Pizza-Dienst "Tonis Pizza" hatte er im letzten Jahr zu einem Restaurant mit modernen Tischen und Stühlen erweitert. Seine Mannschaft erwartete ihn.

Polizei geht von zwei Schützen aus

Doch Giovanni Strangio hatte offenbar andere Pläne. Am 10. August mietet er einen schwarzen Renault Clio mit dem Kennzeichen HH-BM 7070. Fünf Tage später, am katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt wurden um kurz nach zwei Uhr in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofs die sechs Kalabresen erschossen. Mindestens 70 Schüsse wurden abgegeben. Die Polizei geht nach ersten ballistischen Untersuchungen von zwei Schützen aus. Am nächsten Tag ist die Pizzeria in Kaarst geschlossen. Ein schnell geschriebener Zettel hängt in der Glastür: "Wir haben von 16. bis 30. August Urlaub".

Neun Tage nach dem Mafia-Mord, am 24. August, klirren morgens um halb sechs in der noch ruhigen Königstraße in Kaarst Fensterscheiben. Anwohner aus dem gegenüberliegenden Hochhaus sehen schwarz vermummte Polizei-Spezialkräfte in die Pizzeria eindringen. Bereits nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei.

Geld lag "massenhaft" herum

Danach untersuchen drei Fahnder die vor dem Restaurant geparkten beiden Pizza-Taxis bis in die Mittagsstunden. Unterdessen werden in Kaarst eine zweite Pizzeria und die Wohnung von Giovanni Strangio durchsucht. Dort hatten die Fahnder den Eindruck, dass die Räume fluchtartig verlassen wurden. Trinkgläser hätten halb voll auf den Tischen gestanden , Geld lag "massenhaft" herum.

Die Auswertung des Materials, das die Polizei bei der Razzia in Kaarst sicherstellen konnte, war offenbar so ergiebig, dass sich für sie der Verdacht erhärtete, von hier aus seien die Morde in Duisburg eingefädelt wurden. Dem Haftrichter am Duisburger Amtsgericht reichten am Freitag die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft, um einen Haftbefehl gegen Giovanni Strangio auszustellen. Wo sich der Pizza-Bäcker aus Kaarst aufhält, ob er überhaupt noch in Deutschland weilt, ist derzeit noch unklar. Die Fahnder seien aber "auf einem guten Weg", heißt es aus Polizeikreisen.