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Mafia: Wenn der Pate um eine kleine Spende bittet

Die Geschäfte der Mafia laufen so gut, dass sie jährlich doppelt so viel Umsatz macht wie Fiat. Auf Sizilien hat sie die Geschäftswelt derart fest im Griff, dass Schutzgeldeintreiber inzwischen wie Vertreter auftreten.

Die Geldeintreiber auf Sizilien kommen meist alle drei Monate, es sind freundliche junge Typen, nicht älter als 30, und vom Thema Geld reden sie nie. Zumindest nicht direkt. Stattdessen bitten sie die Geschäftsleute um eine kleine Spende. Etwa für "diejenigen, die im Gefängnis sitzen". Wenn ein Geschäftsmann mal etwas knapp ist, wird ihm die Spende auch gerne gestundet; für solche Misslichkeiten hat die Mafia schließlich Verständnis. Auch wenn ein Ladenbesitzer einen Todesfall in der Familie hat, sind die Bosse nachsichtig; dann wird das Schutzgeld großzügig erlassen.

70 Prozent aller Unternehmer und Geschäftsleute auf Sizilien, berichtet eine Sendung im staatlichen italienischen Fernsehen, zahlen ihren "pizzo", wie das Schutzgeld auf der Insel verschämt genannt wird. Das komme im Jahr allein auf Sizilien auf sieben Milliarden Euro, landesweit bringe Schutzgeld und Erpressung 14 Milliarden ein: Neben Drogenhandel gehört der "pizzo" nach wie vor zum "Kerngeschäft" der "Paten", sagt der oberste Mafia-Jäger Piero Luigi Vigna, der den Mafia-Gesamtumsatz neuerdings auf 100 Milliarden Euro im Jahr schätzt - doppelt so viel wie der des Autoriesen Fiat.

Wer nicht zahlt, stirbt

Um Schutzgeld einzutreiben, hat es die Cosa Nostra längst nicht mehr nötig, Gewalt anzuwenden. Jeder in Sizilien weiß: Widerstand ist tödlich, Zahlen schafft Sicherheit. Wer sich weigert, stirbt. "Die Mafia, die nicht mehr schießt", heißt denn der Titel einer TV-Sendung, der für erheblichen Wirbel in Italien sorgt. Nicht zuletzt Parteifreunde des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dessen enger politischer Vertrauter erst kürzlich zu neun Jahren Haft wegen Mafia-Verstrickungen verurteilt wurde, wettern gegen die Enthüllungen.

Während Neapel derzeit vom blutigsten Bandenkrieg seit Jahrzehnten erschüttert wird, haben Politiker in Palermo in den vergangenen Jahren gerne die schöne Illusion entstehen lassen, die Cosa Nostra sei weitgehend besiegt. "Dabei bestimmt sie das Leben auf Sizilien immer mehr", wie Experten meinen.

Tarifliste für Schutzgelder

Die römische Zeitung "La Repubblica" veröffentlicht jetzt eine genaue "Tarifliste", was sizilianische Geschäftsleute "abdrücken" müssen: Selbst kleine Ladenbesitzer zahlen demnach 500 bis 1000 Euro pro Quartal, bessere Geschäfte wie etwa Juweliere müssen 3000 Euro abgeben, große Läden 5000 Euro. Ausgenommen seien Geschäftsleute, die Verwandte im Gefängnis haben, einen Trauerfall in der Familie - oder einen Polizeibeamten oder Carabinieri unter den Verwandten. "Ansonsten zahlen alle, aber niemand gibt es zu." In ganz Italien würden derzeit 160.000 Unternehmen und Geschäfte erpresst, gut drei Mal so viel wie vor 20 Jahren; die Einnahmen hätten sich dagegen verzehnfacht.

Meist beginnt es mit einem anonymen Telefonanruf. "Du musst Dir jemanden suchen, der Dir hilft", mahnt eine unbekannte Stimme den Ladenbesitzer. Ein paar Tage später ist dann das Schloss zum Laden mit Leim verklebt, Angst und Ratlosigkeit beschleichen den Geschäftsmann. "Abwarten", raten dann erfahrene Kollegen. Nach einigen weiteren Tagen steht dann ein sympathischer junger Mann vor der Tür. Jeder im Viertel kennt ihn, er ist freundlich und unaufdringlich - und verlangt eine kleine Spende.

Peer Meinert/DPA / DPA
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