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Malaysia Airlines: Warum der Absturz den Ukraine-Konflikt verschärft

Moskaus Versuch, den Ukraine-Konflikt diplomatisch einzufrieren, ist durch den Absturz von MH17 gescheitert. Die Chancen auf ein Einlenken Kiews stehen nun ebenfalls schlecht.

Von Maxim Kireev, Russland

Plötzlich war die Donezker Volksrepublik (DNR) weg. Auch Neurussland gab es nicht mehr. Die Bezeichnungen sind am Donnerstag aus dem Wortschatz des russischen Präsidenten Wladimir Putin verschwunden. Stattdessen war die Ukraine wieder da. Es sei ihr Territorium, über dem der Abschuss der zivilen Boeing 777 der Malaysia Airlines passiert ist. Daher trage in jedem Fall Kiew die Verantwortung, so Putin. Zumal es die Katastrophe nie gegeben hätte, würden dort keine Kämpfe toben.

Kein Wort von den Separatisten, kein Wort darüber, dass die Absturzstelle auf dem von Rebellen kontrollierten Gebiet liegt, in der selbsternannten DNR. Putin sprach frei und erweckte nicht, wie sonst so oft in den vergangenen Monaten, den Anschein, alles laufe gerade nach seinem Plan. Mit dem Abschuss von MH17, eines zivilen Flugzeugs, und den fast 300 unbeteiligten Opfern der Katastrophe erreicht der Konflikt im Osten der Ukraine eine neue Eskalationsstufe.

Dabei hat der Kreml nach Meinung einiger Experten an einer schrittweisen Deeskalation des Konflikts gearbeitet. Die Ukraine hatte sich als robuster als angenommen erwiesen, die bisher schwachen und demoralisierten Streitkräfte haben sich gefangen und zuletzt einige Gebiete von pro-russischen Kämpfern befreit. Insbesondere die russischen Bemühungen um einen Waffenstillstand und um Verhandlungen zwischen Kiew und den Separatisten zeugen davon, dass Moskau wohl nicht mehr an einen militärischen Sieg der Aufständischen glaubt. Vor allem nationalistische Hardliner wie der Philosoph Alexander Dugin oder der Publizist Egor Prosvirnin fühlten sich durch die Haltung Moskaus verprellt. Dugin, der von westlichen Beobachtern als vermeintlicher Ideengeber Putins in Sachen Ukraine bezeichnet wurde, sprach sogar von einem Verrat des Präsidenten.

Der Kreml ist wütend

Zuletzt fruchteten Moskaus diplomatische Bemühungen auch in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprachen sich für Verhandlungen zwischen der ukrainischen Regierung und den Aufständischen aus Donezk und Lugansk aus. Ein Standpunkt, der vor allem in Kiew nicht gern gesehen und als diplomatischer Erfolg Moskaus wahrgenommen wurde. Tausende aufgebrachte Ukrainer legten kürzlich Merkels Facebook-Seite lahm, in dem sie massenhaft "Danke Frau Ribbentrop" in den Kommentaren hinterließen.

Moskaus Bemühen, den Konflikt durch Verhandlungen einzufrieren, wurde durch die jüngste Katastrophe erheblich torpediert. Auch wenn noch keine konkreten Beweise öffentlich gemacht wurden, so haben die USA gestern bereits keine Zweifel gezeigt, wer für den Abschuss die Verantwortung trägt. Barack Obama sagte, es gebe Beweise dafür, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde, die aus dem Gebiet der "von Russland unterstützen Separatisten" abgefeuert worden sei.

Auch wenn Putin nach dem Abschuss am Donnerstag wieder für eine Waffenruhe plädierte, ist es kaum vorstellbar, dass die Separatisten nun vom Westen, geschweige denn von Kiew als legitime Verhandlungspartner gesehen werden. "Der Kreml ist wütend", meint etwa der Politologe Stanislaw Belkowski. Putins Pläne für die Ukraine seien zusammen mit dem Flugzeug zerschellt. Seine Optionen, die Separatisten entweder durch direkte oder indirekte militärische Hilfe zu unterstützen, seien nun zunichte gemacht worden.

Abenteuerliche Verschwörungstheorien

Sollte sich der Verdacht weiter erhärten, die Separatisten hätten das Flugzeug absichtlich oder versehentlich abgeschossen, wird der Druck aus dem Westen zunehmen. Die ukrainischen Streitkräfte hätten ihrerseits mehr Legitimität für ihre bewaffnete Offensive im Osten gewonnen. Schon beim letzten Waffenstillstand tat sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko schwer, diese Form von Zurückhaltung zu rechtfertigen. In der Hauptstadt kam es sogar zu Demonstrationen. Angesichts der Wut in der Ukraine auf Russland und die Separatisten, die sich besonders in den sozialen Netzwerken ergoss, stehen die Chancen auf ein neues Einlenken Kiews schlecht.

Die russische Medienpropaganda präsentiert sich derweil bei weitem nicht so einheitlich, wie in den Wochen zuvor. Die Schuld wird zwar mehrheitlich der Ukraine zugeschoben. Die Versionen reichen allerdings von einem versehentlichen Abschuss bis hin zu abenteuerlichen Verschwörungstheorien, die Ukrainer hätten so Russland an den Pranger stellen wollen oder es auf die Maschine des russischen Präsidenten abgesehen, der sich auf dem Rückflug von seiner Lateinamerika-Tour befand.

Der bekannte Moskauer Radiomoderator Michail Kozyrew hofft nun, dass der Schock seine Kollegen aufhorchen lässt. "Hat sich einer von euch gefragt, ob ihr mit eurer Propaganda zu der Katastrophe beigetragen habt? Ich hoffe nur, dass ihr jetzt endlich euer Maul halten werdet", schrieb er auf seiner Facebookseite. Viele Russen, die sich bisher in Sachen Ukraine neutral verhalten haben, äußerten sich schockiert. "Habt ihr euch nun verzockt, ihr Vollpfosten", twitterte etwa Ewgenij Roizman, Bürgermeister der Millionenstadt Jekaterinburg.

Nicht wenige Russen sehen die Schuld bei der Ukraine. Jede noch so kleine Ungereimtheit, etwa der angeblich abweichende Kurs der Maschine und ein Fehler beim Erstellungsdatum des vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichen Telefonats der prorussischen Kämpfer, sorgen für wilde Diskussionen.

Vor der niederländischen Botschaft türmen sich derweil die Blumensträuße und Kondolenzbekundungen entlang der Fassade. "Verzeiht uns", steht auf einem Blatt. Auf einem anderen Zettel ist auf Holländisch zu lesen: "Nicht alle Russen sind Mörder oder Terroristen."