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Mutmaßlicher Serienkiller: Lustmörder wie Manfred Seel töten aus Sadismus und Nekrophilie

Wie kann ein Serienmörder wie Manfred Seel jahrzehntelang unerkannt ein Doppelleben als unbescholtener Familienvater führen? Und warum tötet er? Fachleute suchen Erklärungen.

Die Ermittler auf der Pressekonferenz zum mutmaßlichen Serienmörder Manfred Seel. An der Wand seine vermuteten Opfer.

Die Ermittler im Falle des maßlichen Serienmörders Manfred Seel wenden sich mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit

Der mutmaßliche Serienkiller Manfred Seel aus dem Frankfurter Umland war nach Einschätzung von Kriminalisten womöglich ein sadistischer Lustmörder. Sowohl sein Doppelleben als unauffälliger, freundlicher Familienvater in einer Kleinstadt, als auch das brutale Töten bei den angenommenen zehn Fällen seien für einen Serientäter seiner Kategorie durchaus typisch, sagte Kriminalpsychologin Lydia Benecke der Deutschen Presse-Agentur. Neben Sadismus spielen nach Einschätzung der Fachleute, die an den Ermittlungen nicht selbst beteiligt waren, auch Nekrophilie und möglicherweise Kannibalismus bei den Motiven eine Rolle.

Unerkannt ein Doppelleben zu führen, sei bei "Tätern, die einerseits krasse Tötungsfantasien haben und andererseits im Stande sind, ein geordnetes Leben zu führen, eher typisch", berichtete Schriftstellerin Benecke ("Die Psychologie des Bösen"/"Sadisten - Tödliche Liebe") aus der internationalen Forschung. "Die, die planvoll vorgehen, sind häufiger in Beziehungen und haben gegebenenfalls sogar Familien."

Manfred Seel bewahrte seine Leiche jahrelang auf

Kriminalist und Autor Axel Petermann betont aber: "Dass jemand über drei Jahrzehnte solche Taten begeht, ohne dass das bemerkt wird und dabei die ganze Zeit noch ein Doppelleben führt, ist schon sehr selten." Ungewöhnlich sei auch, dass Manfred Seel die Körperteile einer der getöteten Prostituierten mehr als zehn Jahre in der Garage aufbewahrt haben soll. "Das scheint ihm ja viel bedeutet zu haben."

So sei ihm vermutlich "immer präsent gewesen, dass er derjenige war, der getötet hat, dass er die Macht hat". Der 2014 gestorbene Manfred Seel könnte den Ermittlern zufolge zwischen 1971 und etwa 2004 bis zu zehn Menschen ermordet haben.

"Es passt alles in das Bild eines Lustmörders", sagt Profiler Petermann, der in Bremen bis zu seiner Pensionierung vor eineinhalb Jahren die Dienststelle "Operative Fallanalyse" leitete. Der Täter scheine beim Verstümmeln der Getöteten sadistische, nekrophile und möglicherweise auch kannibalistische sexuelle Fantasien ausgelebt zu haben.

Es geht nur um die Qualen des Opfers

Ob die Opfer Frauen oder Jungen, alt oder jung sind, spiele für solche Täter keine wesentliche Rolle. "Es kommt ihm nicht auf die einzelne Person an, da er sie anonymisieren dürfte", sagt der Buchautor ("Der Profiler"), der die Macher des "Tatort" aus Bremen berät. Ihm sei es vermutlich vielmehr darum gegangen, "wie die Menschen auf die Folter und Qualen reagieren, die ihnen angetan werden".

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Der Serienmörder Karl Denke

Karl Denke ("Papa Denke", "Kannibale von Münsterberg") ermordete zwischen 1903 und 1924 in seiner Wohnung in Münsterberg (heute: Ziebice in Polen) mindestens 30 Menschen, zumeist Landstreicher. Er tötete seine Opfer, verarbeitete und aß ihr Fleisch, das er zudem – in Pökelsalz haltbar gemacht – auf dem Wochenmarkt in Breslau verkaufte. Über seine Taten führte er Buch. Sein 31. Opfer, das schwer verletzt fliehen konnte, war bereits vermerkt. Denke beging in der Haft Selbstmord. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei Hinterlassenschaften, die auf 42 Opfer schließen lassen – darunter Hosenträger und Schnürsenkel aus Menschenhaut.


Kriminalpsychologin Benecke erklärt: "Sadismus heißt, dass man sexuell besonders erregt wird durch Leid, Schmerz und Erniedrigung des Gegenübers." Der Verdächtige sei den bisherigen Erkenntnissen zufolge sehr brutal vorgegangen und habe seine Opfer auf eine bestimmte Art hinterlassen. "Diese Drehbücher, von der Art wie der Mensch stirbt, und was man danach mit ihm macht, die findet man - gerade wenn dann die Tötung auch noch so brutal ist - eher bei sexuell sadistischen Typen."

Für das Nekrophile und Kannibalistische sprächen die Trophäen des toten Fleisches als Lustgewinn - abgetrennte Körperteile der Opfer. Sie hätten eine Art Wiedererlebenswert - wie bei normalen Menschen Urlaubs-Erinnerungen. Der Kriminalpsychologe und ehemalige Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, stimmte mit Blick auf die zehn Jahre in Fässern gelagerten Leichenteile zu: "Er wollte das bei sich haben, um eben diese Glücksgefühle zu verlängern."

Für das Doppelleben gibt es Benecke zufolge durchaus Analogien in der Normalpsychologie: "Es gibt ja auch normale Menschen, die eine glücklich Ehe führen und trotzdem ihre Frau betrügen." Oder: "Wenn mein Kaninchen stirbt, bin ich total traurig, aber das Kaninchen auf meinem Teller esse ich." Denn: "Wenn wir eine emotionale Bindung haben, an jemanden oder etwas, verhalten wir uns anders, als wenn wir keine Bindung haben." Aus diesen Alltagsphänomenen lasse sich ableiten, "dass diese Prinzipien bei Serientätern auch wirken, aber sehr viel krasser: Er kann seine Familie im Rahmen seiner Möglichkeiten lieb haben und trotzdem sind ihm die Opfer völlig egal."

Ira Schaible / DPA
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