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Morde in Herne: Psychologin erklärt, was die Taten des Marcel H. über ihn verraten

Die Verbrechen des Marcel H. sind unfassbar. Mit insgesamt 120 Messerstichen tötet jemand zwei Menschen und posiert für Fotos mit einer Leiche. Eine Psychologin erklärt, was die bizarren Details der Taten über die Persönlichkeit des Täters verraten.

Die Fenster einer ausgebrannten Wohnung in Herne. Marcel H. führte die Ermittler zu dem Feuer.

Ein zerstörter Rollladen hängt in Herne aus dem Fenster einer ausgebrannten Wohnung. Marcel H. hatte sich am Abend des 9.März in einem Imbiss in der Nähe der Polizei gestellt und die Ermittler zu dem Feuer geführt.

Der Doppelmord von Herne entsetzt auch erfahrene Forensik-Experten. Für Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, lassen die Details der Verbrechen und die Aussagen von Marcel H. Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu - auch wenn manche Angaben nicht stimmig sind.

Frage: Marcel H. hat ausgesagt, er habe aus Frust getötet und zunächst versucht, sich selbst umzubringen. Können Suizidabsichten in Mordlust umschlagen?

Antwort: Das ist sehr ungewöhnlich, mir ist so ein Fall noch nie zu Ohren gekommen. Dass Suizidalität aufgrund einer frustrierenden Lebenssituation binnen Stunden in einen Mord umkippen kann, da bin ich skeptisch. Das könnte auch eine Schutzbehauptung sein. Aber ich bin vorsichtig, weil ich mit dem Mann nicht gesprochen habe.

Frage: Der Täter hat seine beiden Opfer mit 52 und 68 Messerstichen getötet. Was kann man daraus ableiten?

Antwort: Kriminalpsychologen nennen das "übertöten". Da ist jemand mit enormen Gefühlen am Werk. Daraus kann man folgern, dass er entweder eine unglaubliche Wut gehabt haben muss oder in einen Machtrausch verfallen ist, weil er hier tatsächlich die Macht hatte über Leben und Tod. Auf der anderen Seite wird er als gefühlskalt beschrieben. Wie das zusammenpasst, ist unklar. Da wird man sicher noch auf psychologische Spurensuche gehen müssen.

Frage: Warum hat sich der Täter mit der Leiche fotografiert und dann die Bilder verschickt?

Antwort: Das deutet auf einen ausgeprägten Narzissmus hin. Jemand, der bis dahin auf der Verliererseite gestanden hat, tut jetzt etwas ganz Außergewöhnliches, bei dem er sicher davon ausgehen kann, dass alle Menschen, die das sehen, davon sehr beeindruckt sind. Er steht im Mittelpunkt.

Frage: Passt das zu den Angaben der Polizei, Marcel H. habe ihr sein Geständnis regelrecht diktiert?

Antwort: Das würde zu Narzissmus passen. Er möchte die Situation selbst definieren, beschreiben und auskleiden, so dass wir alle seine Versionen der Geschichte annehmen. Aber es gibt auch eine andere Interpretation dafür: Vielleicht war er einfach erleichtert, dass er das alles von sich reden konnte.

Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charite

Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charite 

Frage: Lassen die Taten Rückschlüsse auf die Schuldfähigkeit zu?

Antwort: Das kann man aus der Ferne nicht beurteilen. Aber auch wenn jemand eine Persönlichkeitsstörung hat, heißt das noch lange nicht, dass er schuldunfähig ist. Auch ein Mensch mit einer Störung kann durchaus zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.

Zur Person: Isabella Heuser, 61, leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf Persönlichkeitsstörungen.


ivi/Walter Willems / DPA