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Marco W.: "Es ist ein wunderschönes Gefühl"

Im ersten großen TV-Interview nach seiner Freilassung hat Marco W. von den kleinen Freuden der Freiheit erzählt: einfach spazieren gehen oder mit der Familie abendessen. Über die Tat, die man ihm vorwirft, wurde freilich nicht gesprochen.

Von Malte Arnsperger

Er ist ein langer Kerl. Im Frühjahr sei er noch 1,95 Meter groß gewesen, sagt Marco W. RTL-Moderator Markus Lanz prüft mit Zollstock nach. Das Ergebnis: Jetzt misst Marco 1,98 Meter. In den vergangenen acht Monaten ist der 17-Jährige also um drei Zentimeter gewachsen. Dass Marco offensichtlich Schuhe trägt, darüber wird jedoch großzügig hinweggesehen. Es muss schließlich alles in die Sendung passen.

Nichtsdestotrotz: Es scheint, als ob Marco W., der vor drei Tagen aus türkischer Haft entlassen wurde, nicht nur körperlich gewachsen ist. Gestern Abend strahlte der TV-Sender das erste ausführliche Interview mit dem Schüler aus Uelzen nach dessen Freilassung aus. Und eins wurde in der Sendung klar: Marco ist ein ganz normaler Jugendlicher, der jedoch innerhalb kürzester Zeit erwachsen wurde, ja erwachsen werde musste. Immer wieder sagt der schlaksige Marco Sätze wie "Ich habe viel dazugelernt" oder "Man konzentriert sich wieder auf das Wesentliche" oder "Es hat mich weiter nach vorne gebracht" - Sätze, die von Jugendlichen sonst eher selten zu hören sind.

Es, das ist die Zeit in türkischer Untersuchungshaft. Marco W. wird vorgeworfen, die britische Schülerin Charlotte, zum Tatzeitpunkt 13 Jahre alt, während der Osterferien sexuell missbraucht zu haben. Marco, der seitdem im Gefängnis saß, bestritt dies immer wieder, es sei einvernehmlich zu Zärtlichkeiten gekommen. Was Marco heute über diese verhängnisvolle Nacht in einem türkischen Hotel denkt und was aus seiner Sicht damals tatsächlich geschah: diese Fragen stellte Moderator Lanz nicht. Mit gutem Grund, schließlich ist es trotz der Haftverschonung ein laufendes Verfahren und wurde lediglich auf April 2008 verschoben. Marco kann zwar nicht an die Türkei ausgeliefert werden, doch auch in Deutschland wird gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt.

Interview sparte die ernsten Fragen aus

Doch dieses unangenehme Thema wurde in der gestrigen halbstündigen Sendung ausgeblendet. Vielmehr macht RTL-Mann Lanz einen auf guter Kumpel, setzt sich mit Marco zum Computerspielen und tauscht Belanglosigkeiten aus. Marco lacht einfach nur. Marco lacht viel. Sei es im Luxus-Jet auf dem Weg in die Heimat, sei es beim Daddeln mit Moderator Lanz oder beim Abendessen mit der Familie. Er sei früher gerne feiern gewesen und freue sich jetzt darauf, seine Freunde wieder zu sehen und die alten Gewohnheiten zu pflegen, erzählt Marco mit einem Grinsen, während er mit Lanz auf einem Feldweg spazieren geht. Der 17-Jährige wirkt locker und gelöst. "Es ist ein wunderschönes Gefühl, wieder in Deutschland zu sein", meint der frierende Schüler bei dem Spaziergang in der Kälte, seine Hände in den Ärmeln der schwarzen Jacke vergraben.

RTL hatte seinen neuen Star gleich nach seiner Haftentlassung in Beschlag genommen und ihn nach der Ankunft in Deutschland, natürlich wurde Marco mit Privat-Jet eingeflogen, vom Rollfeld weg an einen unbekannten Ort verfrachtet. Der Sender sicherte sich die Fernsehrechte und schirmt Marco ab. Dabei sagt der Junge in dem Interview, er wolle sich eigentlich nur von Mutter verwöhnen lassen. Aber gut, nun gehört er erstmal RTL und seinem neuen Duz-Freund Lanz.

Kein "Horror-Knast"

Marco W.: Ein Name, der mittlerweile bundesweit bekannt ist. Viele Menschen haben seinen Fall in den vergangenen Monaten verfolgt. Und haben von den angeblich so schlimmen Bedingungen im "türkischen Horror-Knast" gelesen. Doch glaubt man den Berichten von Marco selber, war die Haft zwar kein Zuckerschlecken, von unmenschlichen Bedingungen kann jedoch keine Rede sein. Viel Sport habe er getrieben, geschlafen, gelesen, ferngesehen und nachgedacht, berichtet Marco. Sogar Freunde habe er gefunden, ein paar Worte türkisch gelernt und sein Englisch verbessert. "Das ist gut für später", sagt Marco und grinst wieder.

Marco sitzt mit Moderator Lanz in einem weihnachtlich-gemütlichem Zimmer, vor ihm auf dem Tisch steht ein Adventskranz, hinter ihm ein geschmückter Weihnachtsbaum. Ist also alles gut? Verdeckt die Freude über die Freilassung und die anstehenden Feiertage mit der Familie das Erlebte?

"Was ist los"

Nein, denn natürlich waren die vergangenen Monate eine harte Probe für den 17-Jährigen. Die Fröhlichkeit weicht urplötzlich aus Marcos Gesicht, als ihn Lanz auf den Beginn seiner Leidenszeit anspricht. Marco, mit akkurat zur Seite gegeelten Haaren und beigem Hemd, schlägt die Augen nieder, schluckt. "Wir dachten, es sei eine Verwechslung gewesen", sagt er zum Tag nach der fraglichen Nacht, als er erstmals mit den Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs konfrontiert wurde. Als er dann ins Gefängnis gefahren wurde, habe er sich gefragt: "Was ist los? Aber das wird sich alles aufklären." Am Abend sei dann klar gewesen, dass sich der geplante Rückflug der Familie verschieben wird: "Wir dachten, dass es irgendwann in der Nacht oder am nächsten Tag geht. Aber das hat sich ja ein bisschen länger verschoben."

Länger, genauer gesagt 247 Tage. So lange saß Marco in Haft. Geholfen haben ihm in dieser Zeit seine Freunde und viele Unterstützer - stolz zeigt Marco dem RTL- Moderator Lanz einen Wäschekorb voller Briefe - und vor allem seine Eltern. Jede Woche haben sie ihren Sohn besucht, manchmal beide, manchmal nur ein Elternteil. Diese Besuche waren wohl die größte Hilfe für den Jugendlichen. Nüchtern und sachlich berichtet Marco zwar über die oft nur zehnminütigen Kurzunterhaltungen mit seinen Eltern, getrennt durch eine Glaswand im türkischen Gefängnis. Doch man merkt, wie wichtig ihm die längeren Besuche waren, die einmal pro Monat gestattet waren. "Das war sehr gut, da konnte man sich auch mal umarmen", sagt Marco. Die Zeit im Gefängnis hätte ihn nicht zu einem anderen Menschen gemacht. Allerdings meint er: "Ich glaube, ich bin jetzt anders gegenüber meinen Eltern." Vorher habe es Meinungsverschiedenheiten gegeben, jetzt wisse er, dass die Eltern immer nur sein Bestes wollten.

Der Zusammenhalt in dieser Familie scheint sehr groß zu sein. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Bilder von der angeblich ersten Begegnung Marcos mit seiner Mutter und seinem Bruder Sascha nach der Freilassung. RTL kann jetzt kräftig auf die Tränendrüse drücken: Da wird gezeigt, wie Marco freudestrahlend seine Mutter herzt, Sascha klopft ihm auf den Rücken, der Vater kommt hinzu, alle vier umarmen sich. "Ich bin total sprachlos und glücklich, dass er wieder bei uns sein kann", sagt die schwarzhaarige Martina W., ihren Marco im Arm. "Endlich, endlich habe ich meinen kleinen Großen wieder." Und der ist in den vergangenen Monaten noch ein wenig größer geworden. Das ist vielleicht auch notwendig , schließlich ist er jetzt ein gefragtes Medienobjekt geworden.