Martyrium des Marco W. Jetzt schaltet sich Steinmeier ein


Seit mehr als zehn Wochen sitzt der 17-jährige Schüler Marco W. in einem türkischen Knast - und das bei offenbar katastrophalen Bedingungen. Nach dem letzten Besuch seiner Eltern wurde er weinend abgeführt. Nun kümmert sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier persönlich um den Fall.

Das Schicksal des 17-jährigen Schülers Marco W., der in einem türkischen Gefängnis eingesperrt ist, hat in Deutschland Bestürzung ausgelöst. Die Bundesregierung forderte die Türkei offiziell auf, den Schüler vorzeitig zu entlassen, wie eine Außenamtssprecherin in Berlin sagte. Marco W. sitzt seit mehr als zehn Wochen in einem Gefängnis in Antalya. Ihm wird sexueller Missbrauch einer 13-Jährigen vorgeworfen. Der Prozess gegen ihn soll am 6. Juli beginnen. Im drohen bis zu acht Jahren Haft.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier will mit seinem türkischen Kollegen Abdullah Gül über die Freilassung von Marco W. sprechen. "Vor allem Dingen werde ich morgen den türkischen Außenminister in Brüssel sehen und ihn darauf ansprechen können", sagte Steinmeier in der ARD. Die Bundesregierung habe in den vergangene Wochen die Eltern des 17-Jährigen intensiv unterstützt. "Gemeinsam mit den Eltern bemühen wir uns um eine Freilassung", so Steinmeier.

Marcos Eltern appellierten an die türkische Justiz, ihren Sohn freizulassen. "Marco ist noch ein Kind. Er befindet sich nach zehn Wochen im Gefängnis in einem körperlich und psychisch sehr schlechten Zustand", sagte der Anwalt der Familie, Jürgen Schmidt, bei einer Pressekonferenz im niedersächsischen Uelzen, wo die Familie wohnt. Im Namen der Familie dankte er der Bundesregierung für Bemühungen, ihren Sohn frei zu bekommen.

Die türkische Zeitung "Hürriyet" warf den deutschen Medien am Sonntag eine Kampagne gegen die Türkei vor. Unterdessen erklärte der Anwalt der Familie, Marcos Eltern fühlten sich nicht in der Lage, Fragen zum Zustand ihres Sohnes zu beantworten. Das Ehepaar hoffe jetzt auf ein faires Verfahren und die baldige Freilassung ihres Sohnes. "Für sie ist es fast nicht zu verkraften, ihren Sohn in der Türkei praktisch allein lassen zu müssen, bei einem nur zehnminütigen Gespräch pro Woche, getrennt von einer Scheibe", sagte Schmidt. Beim letzten Besuch sei Marco weinend von zwei Uniformierten und schwer Bewaffneten abgeführt worden.

"Marco fühlt sich völlig unschuldig und weiß nicht, wie ihm geschieht", erklärte der Anwalt. Der 17-Jährige war zusammen mit seinen Eltern im Osterurlaub in der Türkei, wo er sich in die 13-jährige Engländerin Charlotte M. verliebte und mit ihr Zärtlichkeiten austauschte. Dies sei in beiderseitigem Einverständnis geschehen, versicherten beide. Das Mädchen soll sich dem Jungen aber als 15-Jährige ausgegeben haben. Die Mutter des Mädchens hatte Anzeige erstattet.

Obwohl von Gewalt keine Rede war, nahm die Polizei Marco W. wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern fest, wie der "Spiegel" berichtete. Die beiden Jugendlichen versicherten jedoch, dass es nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. Wie das Nachrichtenmagazin weiter berichtete, wurde bei einer gynäkologischen Untersuchung festgestellt, dass das Mädchen noch Jungfrau ist.

Katastrophale Haftbedingungen

SPD-Fraktionschef Peter Struck, in dessen Wahlkreis die Familie wohnt, zeigte sich erschüttert über die Haftbedingungen und den Ablauf des Verfahrens. Laut "Spiegel" muss sich Marco W. zusammen mit 30 ausländischen Mitgefangenen eine Zelle teilen. Das Trinkwasser in der Zelle sei ungenießbar. Außerdem würden dem 17-Jährigen, der an Neurodermitis leidet, die notwendigen Cremes versagt.

Die Außenamtssprecherin versicherte, dass ihre Außenstelle in Antalya sich des Falls angenommen habe. Nur ein Mal pro Woche darf seine Mutter dem Bericht zufolge für wenige Minuten zu ihrem Sohn. Der an Leukämie erkrankte Vater braucht nach einer Serie von Chemotherapien Erholung. Über ihren Anwalt baten die Eltern darum, sie in Ruhe zu lassen. Die Familie des Jungens ist inzwischen finanziell an ihre Grenzen gelangt, wie es in dem Bericht weiter hieß. Allein 7.000 Euro hätten die Anwaltsgebühren bisher gekostet. Um die Familie zu unterstützen, hat das THW Uelzen ein Spendenkonto eingerichtet.

AP AP

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