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Massaker bei Batman-Premiere: Amoklauf heizt Waffenverkäufe an

Es ist die Logik der Aufrüstung: Nach Amokläufen decken sich Amerikaner mit noch mehr Waffen ein. Dabei sterben von den 9000 Schusswaffenopfern die allerwenigsten durch Massaker wie jetzt in Denver.

Von Niels Kruse

Das Massaker an der Columbine Highschool vom 20. April 1999 gilt nach wie vor als Blaupause des Schreckens. 14 Menschen, inklusive die beiden Täter, starben damals an der Schule im US-Bundesstaat Colorado. Seitdem haben Amokläufe in den USA 100 weitere Todesopfer gefordert, zwölf Menschen starben zuletzt bei der Batman-Premiere in Aurora, ebenfalls in Colorado. Es mag zynisch klingen, aber im Vergleich zu denjenigen, die täglich erschossen werden, fallen die Opfer von Amokläufen kaum ins Gewicht. Laut FBI stirbt in den USA statistisch gesehen jede Stunde ein Mensch durch Waffengewalt, insgesamt 8775 pro Jahr - in keinem anderen zivilisierten Land der Welt wird mehr erschossen als in den Vereinigten Staaten.

Gründe dafür gibt es reichlich, die exorbitant hohe Zahl von Schusswaffen aber dürfte ein nicht ganz unwichtiger Faktor sein. Je nach Statistik sollen in den USA zwischen 195 bis 340 Millionen Pistolen und Gewehre kursieren. Vom einfachen Revolver bis hin zum Maschinengewehr, in manchen Bundesstaaten im gut sortierten Fachhandel erhältlich ohne nennenswerten Bürokratieaufwand. Es ist der zweite Zusatz zur Verfassung, abgesegnet 1791, der besagt, dass jeder Amerikaner das Recht hat, eine Waffe zu besitzen. Die Knarre in der Hand ist zwar nicht für jeden Bürger der USA erstrebenswert, aber für die meisten "ein Teil ihrer Identität", wie USA-Experte Henning Riecke von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagte.

Oberstes Gericht hob Beschränkungen auf

Im Grunde ist die Waffennarretei verständlich. Wer in den Weiten von New Mexico oder Arizona wohnt, wo der nächste Sheriff eine halbe Tagesfahrt entfernt ist und wo Bär und Kojote Nachbarn sind, wird auf eine Schrotflinte ungern verzichten wollen. Warum man aber in dichtbesiedelten Städten wie New York City oder Los Angeles ein halbautomatisches Sturmgewehr besitzen sollte, leuchtet selten ein. Die Millionenmetropole Chicago sowie die Hauptstadt Washington etwa hatten seit den 70er Jahren deshalb eines der strengsten Waffengesetze des Landes. 2010 allerdings wurden diese Einschränkungen durch das Oberste Gericht für verfassungswidrig erklärt.

Politische Gegner der laxen Waffengesetze, wie etwa New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, haben es seitdem noch schwerer, mit ihrer Agenda durchzudringen. Angesichts der Tragödie von Aurora wiederholte er nun sein Antiwaffenmantra: Ein Zustand wie im Wilden Westen könne nicht die Lösung des Problems sein. "Wenn wir weniger Waffen haben, würden wir auch viel weniger Morde verzeichnen." Die Replik der Waffenlobby kam prompt und scharf: Bloombergs skrupelloser Versuch, das Blut dieser Unschuldigen zu benutzen, um seine radikale politische Agenda umzusetzen, sei ekelerregend, so Dudley Brown, Chef der "Rocky Mountain Gun Owners".

Gegen Waffen helfen nur mehr Waffen

Der liberale Republikaner Bloomberg steht mit seiner Meinung ohnehin auf Seiten der Minderheit. Die Mehrheit ist gegen eine Verschärfung der Waffengesetze. Die "Washington Post" zitiert aus einer Umfrage aus dem Jahr 2010, wonach die Unterstützung für schärfere Waffenkontrollen in den vergangenen 20 Jahren um 34 Prozentpunkte gefallen ist. Vielleicht sind es auch die Argumente der Waffenlobby, die bei der Bevölkerung verfangen. Nach dem jüngsten Amoklauf in Denver sagte der Sprecher einer Waffenbesitzervereinigung, Luke O'Dell, dass es das Verbot, Waffen im Kinosaal zu tragen, erst zu dem Massaker geführt habe. Hätten Kinobesucher Waffen bei sich tragen dürfen, wären unter Umständen weniger Menschen getötet worden, so seine Begründung.

Der Argumentationsringschluss, wenn es viele Waffen gibt, braucht es noch mehr Waffen, um sich besser selbstverteidigen zu können, ist ein Klassiker der mächtigen Waffenlobby. Und sie verfängt immer wieder. Die "Denver Post" berichtet, dass sich einige Waffengeschäfte nach dem Massaker im Kino kaum vor Kunden retten können: "So voll wie an diesem Montag war es noch nie in diesem Jahr", sagte ein Mitarbeiter des "Rocky Mountain Gun and Ammo" der Zeitung. "Viele Menschen dachten, sie bräuchten keine Waffen, doch dann passiert so etwas in ihrer Nachbarschaft, und sie ändern ihre Meinung." Das Blatt weist daraufhin, dass der plötzliche Anstieg von Waffenverkäufen nach Amokläufen normal sei, und verweist dazu auf die Statistiken nach den Vorfällen in Tuscon 2010 und Virginia 2007.

Wer für Kontrollen ist, braucht gar nicht erst zu kandidieren

Einige Gegner der privaten Aufrüstung verstehen diese Reaktion zwar, halten sie aber für kontraproduktiv. Nur leider finden sie auf den entscheidenden politischen Ebenen kaum Gehör. Was sicher nicht nur damit zu tun hat, dass den Amerikanern ihre Waffen so heilig sind, wie den Deutschen ihre freie Fahrt auf Autobahnen. Der größte Waffenverband, die National Rifle Association (NRA) spende viel Geld an Kandidaten in Washington, "so dass sehr wenige Politiker in Washington gegen die NRA argumentieren", sagt USA-Kenner Riecke. Schätzungsweise 2,9 Millionen Dollar haben die Waffennarren für den bisherigen Präsidentschaftswahlkampf gespendet, ihre Gegner sollen dagegen nur rund 250.000 Dollar beigesteuert haben.

Zudem sitzen die größten Waffenfans in Staaten, die bei den Wahlen im November besonders heftig umkämpft sind. Etwa in Ohio, Pennsylvania und North Carolina. Wer sich als Präsidentschaftskandidat für restriktivere Gesetze einsetzt, braucht im Grunde gar nicht erst zur Wahl anzutreten. Anhänger des früheren demokratischen Kandidaten Al Gore sind nach wie vor überzeugt, dass seine Niederlage 2000 auch darauf zurückzuführen war, dass er sich für eine schärfere Kontrolle von Schusswaffen eingesetzt hatte. Der frühere demokratische Senator von Indiana, Evan Bayh, beschreibt das Dilemma so: "Es gibt eine Menge Leute, die in dieser Frage sehr leidenschaftlich sind. Viele Mitglieder des Kongresses stehen daher vor der Frage, sollen sie alle anderen Dinge, die sie erreichen wollen, für diese Sache opfern? Und opfern sie ihre politische Karriere für diese eine Sache?"

Vermutlich passiert auch diesmal wieder: nichts

Und so hat der Kongress seit 1994 kein wesentliches Waffenkontrollgesetz mehr verabschiedet, und das Verbot einiger halbautomatischer Waffen lief 2004 aus. Barack Obama und sein konservativer Gegenspieler Mitt Romney haben nach dem jüngsten Amoklauf auf Worte gegen den laxen Umgang mit Waffen bislang verzichtet - obwohl beide eigentlich für strengere Auflagen beim Waffenkauf sind. Stattdessen kamen aus ihrem Mund nur Tröstliches für die Angehörigen der Opfer. "Besänftigende Worte sind nett. Aber vielleicht ist es an der Zeit, dass die beiden Leute, die Präsident der Vereinigten Staaten werden wollen, aufstehen und uns sagen, was sie tun wollen", schäumte Michael Bloomberg. Die Antwort kennt er vermutlich genau wie alle anderen im Land mit 24 Erschossenen pro Tag. Sie lautet schlicht: mal wieder nichts.