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Massaker von Aurora: Mit Strichmännchen zum Amoklauf

In die Trauer nach dem Blutbad von Aurora mischen sich Vorwürfe. Auf einem Block soll James Holmes seine Tat skizziert haben. Das Paket an seinen Psychiater dümpelte offenbar tagelang in der Unipost.

Von Manuela Pfohl

Beten und verzeihen. Pastor Kenneth Berve hat in den vergangenen Tagen immer wieder versucht, damit die Wut und die Verzweiflung zu ersticken, die in ihm brennen, wenn er an den vergangenen Freitag denkt und an James Holmes. Der hatte an jenem Tag in Aurora im US-Bundesstaat Colorado 12 Menschen kaltblütig erschossen und 58 Besucher verletzt, die Mitternacht ins Kino gekommen waren, um sich die Premiere von "The Dark Knight Rises" anzuschauen. In der kleinen Methodistenkirche in der Grant Avenue von Aurora bittet er um Frieden für die Opfer und eine gerechte Strafe für den Täter. Er redet zu den Gläubigen, die seitdem in Scharen in das Gotteshaus kommen und nicht nur Trost, sondern auch eine Erklärung suchen für den Amoklauf, der das Aurora- Theater zur Hölle machte. Antworten habe er bislang allerdings nicht finden können, erzählt der Geistliche der "Denver Post". Und fragt: "Kann es dafür überhaupt eine Erklärung geben?"

Auch die Staatsanwaltschaft will wissen, wie aus dem 24-jährigen ehemaligen Studenten der Neurowissenschaften ein eiskalter Killer wurde. Sie hat eine Woche Zeit, die "riesige Menge" an Beweisen zu prüfen, wie Carol Chambers es ausdrückt. Dann muss die Behörde offiziell die Anklage einreichen. Wenn die Gerüchte stimmen, könnte Holmes das Massaker von langer Hand geplant haben. Und natürlich stand schon unmittelbar nach Bekanntwerden die bange Frage im Raum, ob die Tat mit restriktiveren Waffengesetzen hätte verhindert werden können.

"Ich dachte, ich brauche keine Waffe"

Alle Nachrichtensender hatten über den Amoklauf von James Holmes berichtet. Auch Jack Meyers, der am Samstagmorgen auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz in einem Waffengeschäft in der Stadt Parker war, hatte von dem schrecklichen Massaker gehört. Keine 24 Stunden war das her. Und Meyers traute seinen Augen kaum, als er an seinem Geschäft ankam. "Es war wie verrückt", sagt er Tage später den Reportern der "Denver Post". Am Samstagmorgen hätten bereits 15 bis 20 Leute vor der Tür Schlange gestanden. Der überraschende Grund: "Viele Leute sagen sich: 'Ich dachte, ich brauche keine Waffe, aber jetzt schon'", erzählt Meyers. "Wenn es in deinem Hinterhof passiert, fangen die Leute an, die Lage neu zu beurteilen." Holmes, der in U-Haft sitzt und am Montag angeklagt werden soll, hatte vor dem Amoklauf vier Waffen und Tausende Schuss Munition legal erworben.

Doch nicht nur das. Insgesamt 50 Mal hatte er sich in den vergangenen Monaten von der Post eine hochexplosive Fracht liefern lassen. Als Polizisten am Samstag zur Wohnung des Amokläufers in St. Paris, einem Stadtteil von Aurora, fahren, ahnen sie noch nicht, dass sich in der oberen Etage des dreistöckigen roten Backsteinhauses ein veritables Sprengstofflager befindet. Holmes hatte in seinem 80 Quadratmeter großen Appartement nach Polizeiangaben neben den Waffen auch rund 30 mit Höhenfeuerwerk und Schießpulver vollgestopfte Kunststoffbehälter gehortet. Dazu Granaten, sowie mit Benzin und Schießpulver gefüllte Gläser. Als die eilends herbeigerufenen Mitarbeiter des Bombenentschärfungskommandos wenig später in Holmes' Wohnzimmer die Sammlung betrachten, können sie es kaum fassen. "Wäre das hochgegangen, hätte es hier ein Inferno gegeben", meint ein Bombenentschärfer gegenüber der "Denver Post".

"Zeichnungen und Illustrationen des Massakers"

Die Nachbarn, die umgehend evakuiert wurden, schütteln die Köpfe. "Er war doch so ein ruhiger, ganz und gar unauffälliger Typ", berichten sie der Polizei und den Medien, die wissen wollen, wer James Holmes, der Massenmörder eigentlich ist.

Fast eine Woche nach dem Amoklauf gibt es noch immer kaum Antworten auf diese Frage. Als der 24-Jährige am Montag offiziell befragt wird, schweigt er beharrlich. Sitzt da mit einem rot-orange gefärbten Haarschopf, blass und fast schon schüchtern zwischen denen, die aufklären müssen, ob Holmes unzurechnungsfähig ist und in eine Klinik gehört, oder ob er ein eiskalter Killer ist, für den die Todesstrafe beantragt werden soll. Eine Option, die in Colorado für den Fall besteht, dass die Straftat besonders schwer ist, und die Angehörigen der Opfer den Tod befürworten. Bis zum Prozess könnte allerdings ein Jahr vergehen, sagt Staatsanwältin Carol Chambers.

Für viele Fragen sorgt allerdings ein Medienbericht, demzufolge Holmes vor dem Massaker einen Notizblock mit Mordgedanken an einen Psychiater an der Universität Colorado geschickt haben soll. Das Päckchen mit dem Block sei aber erst drei Tage nach dem Amoklauf geöffnet worden, berichtet der TV-Sender Fox News auf seiner Internetseite. Wie der Sender angeblich aus Polizeikreisen erfuhr, war der Holmes zugeordnete Spiralblock "voll mit Details darüber, wie er Leute töten wird". In dem Notizblock seien "Zeichnungen und Illustrationen des Massakers" gewesen, zitiert "Fox News" einen Behördenvertreter. Zu sehen seien etwa waffenschwingende Strichmännchen, die auf andere Strichmännchen schießen. Der Verdacht: Das Päckchen sei bereits eine Woche vor dem Amoklauf eingetroffen, aber nicht beachtet worden. In die Wut und die Trauer mischen sich zunehmend auch Vorwürfe.

Keine Fotos mehr vom Angeklagten

Holmes selbst scheint von all dem wenig mitzubekommen. Der Zeitung "New York Daily News" zufolge wurde der Amokläufer zu seinem Schutz in den Krankentrakt des Gefängnisses verlegt. Außerdem trage er eine schusssichere Weste. Die Zeitung berichtete auch über einen bizarren Zwischenfall, bei dem Holmes einen Wärter gefragt haben soll, ob dieser den neuen Batman-Film gesehen habe und das Ende des Streifens kenne. "Als ob er keine Vorstellung davon hat, dass irgendwas falsch ist an dem, was er sagt", zitierte die Zeitung einen Wärter. "Es war krank."

Wenn Holmes das nächste Mal vor dem Richter erscheint, dürfen weder Bilder noch Videos gemacht werden. Richter William Sylvester hat für nächsten Montag, wenn die Anklage offiziell verlesen wird, alle Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt, wie die "Denver Post" berichtete.

Unterdessen hat sich die aus der Gegend von San Diego in Kalifornien stammende Familie des Amokläufers zu Wort gemeldet. In einer Erklärung äußerte sie am Montag ihr Mitgefühl für die Opfer der Bluttat in Aurora. Außerdem ließ die Familie über eine Anwältin ausrichten, dass sie sich derzeit nicht über ihr Verhältnis zu James Holmes äußern wolle. Anwältin Lisa Damiani sagt, die Familie halte sich derzeit an einem geheimen Ort auf.