HOME

Tödlicher Polizeieinsatz: Der letzte Mieter - vom SEK erschossen

Matthias S. lebte in seiner eigenen Welt. Bis er seine Wohnung aufgeben sollte und sich einem Spezialeinsatzkommando entgegenstellte. Danach war er tot. 

Von Holger Witzel

Das Schreiben, mit dem Matthias S. Eindringlinge warnt

In unbeholfener Sprache hatte Matthias S. eine klare Botschaft auf einen Zettel gekritzelt:  Wer in das Haus eindringt, muss die Konsequenzen akzeptieren

Als die schwarzen Männer das Haus umzingeln, ist Matthias S. nicht mal überrascht. Er kennt sie ja schon. Immer wieder hat er Nachbarn und Verwandte vor den "schwarzen Männchen" gewarnt. Angeblich haben sie Türen aufgebrochen, sind nachts in sein Schlafzimmer eingedrungen. Und nun  auch noch am helllichten Tag - kommen sie sogar bewaffnet.

Manchmal hat Matthias S., 48, auch von "grünen Männchen" oder Hexen gesprochen. Sie trugen Masken und waren Teil einer "Verschwörung" , vor der er sich fürchtete. Allein, die anderen überzeugte das nie. "Matthias", so sein langjähriger Nachbar Torsten Weichert, "lebte in seiner eigenen Welt. Und alle hier wussten das auch."

Der von einem SEK-Kommando erschossene Matthias S.

Matthias S. auf einem älteren Privatfoto. Damals war er Ende 30

Doch an diesem Tag haben die schwarzen Männchen offenbar mehr Angst vor ihm als er vor ihnen. Es sind maskierte Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Thüringer Polizei, die am 1. Dezember 2015 seine Wohnung stürmen. Und seitdem lebt S. nicht mal mehr in seiner eigenen Welt.

Ermittlungen gegen das SEK werden eingestellt

Fast alles geht bei diesem Einsatz schief. Die Untersuchung durch Kollegen dauert knapp ein Jahr. Und obwohl mehr als ein Dutzend auf gefährliche Situationen trainierte Polizisten offenbar nicht in der Lage waren, einen einzelnen verwirrten Mann anders zu überwältigen als mit fünf Schüssen aus nicht mal drei Meter Entfernung, spricht die Staatsanwaltschaft am Ende lediglich von einem gescheiterten Einsatzkonzept. Alle Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt, wegen Totschlags und fahrlässiger Tötung gegen die drei Schützen und ihren Einsatzleiter werden mangels hinreichendem Tatverdacht eingestellt. Und damit endet das Leben von Matthias S. genauso still und traurig, wie es immer war.

Einen großen Teil seiner Jahre verbringt er in der kleinen Erdgeschosswohnung, in der er später tödlich getroffen wird. Zwei Zimmer, Öfen – kein Bad. Abgesehen von einem halbherzigen Fassadenanstrich ist jahrzehntelang nichts an dem kleinen Mehrfamilienhaus nordöstlich der Erfurter Innenstadt gemacht worden. Entsprechend niedrig ist die Miete: knapp 170 Euro für 43 Quadratmeter. Doch über fehlenden Komfort hat sich S. nie beklagt. Im Gegenteil: Er braucht nicht mal Strom.

Trotz aller geistigen und wohl auch oft von Geistern begleiteten Einschränkungen kommt S. hier mit seiner Erwerbsunfähigkeitsrente ganz gut zurecht. Im Garten hinter dem Haus spricht er mit den Pflanzen. Er kocht alles, was da wächst – auch Unkraut, wie Nachbarn halb schaudernd, halb bewundernd berichten. Weil ein kleiner Weinstock keine Früchte trägt, hängt er Trauben aus Plastik daran auf. Im Keller hortet S. seine Schätze: mehrere DDR-Waschmaschinen, alte Boiler, rostiges Werkzeug. Bis auf einmal alles raussoll. Auch er selbst.

Fünf der insgesamt sieben Wohnungen sind schon leer, als die Firma "Sanierung & Immobilien Herber" das Haus im Mai 2015 in einem Bieterverfahren erwirbt. Sie will vier größere Eigentumswohnungen daraus machen. Mit Frist zum 30. November wird auch Matthias S. gekündigt. Am Morgen des 1. Dezember taucht ein Mitarbeiter des neuen Eigentümers auf. Angeblich hat er nur etwas auszumessen. Aber S. glaubt ihm kein Wort.

Er ist auf den Tag X vorbereitet, an dem ihn böse Mächte vertreiben wollen, er hat alle Türen mit kleinen Metallwinkeln verschraubt. Auf den Fensterbänken liegen Nagelbretter, an der Tür hängt ein handgeschriebener Zettel, der unbeholfen vor "eindriet" warnt: "Wer es doch Tuht muss die Konseckensen Apzeptieren."

Aggressiv soll Matthias S. nie gewesen sein

Wahrscheinlich nur instinktiv pocht er auf sein Grundrecht, auf die Unverletzlichkeit seiner Wohnung. Einen Gerichtsbeschluss, der dieses Recht einschränken würde, gibt es nicht. Auch ist bis dahin keine konkrete Gefahr von ihm ausgegangen.

Er war schon mal unwirsch. Zum Beispiel, als er bei seiner einzigen und letzten Arbeitsmaßnahme nach 1990 alles besser wusste als sein Vorarbeiter - und deshalb rausflog. Aber aggressiv oder gar gewalttätig, sagen alle, die ihn kannten, war S. nie.

Einmal pro Woche schob er sein Fahrrad oder ein Wägelchen zum nahen Kaufland, meist kurz vorm Wochenende, wenn die Preise für Obst und Gemüse gesenkt wurden. Fast immer trug er eine Art Kutte und selbst gestrickte Sachen. Dazu auch im Sommer Filzstiefel und ein Stirnband mit Sonnenschutzschirm, schwarz-rot-gold. Er hatte einen dünnen Pferdeschwanz, einen zottligen Bart und eine altmodische Brille. "Ich sag mal so: In Berlin hätte sich keiner nach ihm umgedreht", sagt Jochen Girwert, der zwei Häuser weiter wohnt. Eins der wenigen Fotos, die es von ihm gibt, wurde vor etwa 15 Jahren gemacht - in der wahrscheinlich glücklichsten Zeit seines Lebens. Seine Freundin war mit dem gemeinsamen Sohn schwanger, als sie in die kleine Erdgeschosswohnung zogen. Nach der Trennung lebte sie ein paar Jahre im Haus gegenüber, bekam noch ein Mädchen. Und wenn sie mal ausging, passte S. auf die Kinder auf. Kontakt zu den beiden gab es später aber wohl kaum noch. Nach seinem Tod legt die Ex ein paar Blumen vor das Haus. Ein Blatt Papier in Klarsichtfolie erinnert an "eine gutmütig verwirrte Seele. Opfer staatlichen Versagens."

Am Vormittag des 1. Dezember 2015 ruft der Mann von Immobilien Herber zuerst in seiner Firma an, dann bei der Polizei. Zumindest sinngemäß soll S. früher schon mal geäußert haben, dass ihn aus der Wohnung keiner lebend rauskriegt. Gekündigter Mieter droht mit Suizid, so kommt es bei der Polizei um 11.20 Uhr an.

Es geht nicht darum, Matthias S. aus der Wohnung zu schaffen. Es ist der erste Tag, an dem er offiziell nur noch geduldet wird – eine Räumung aber hat der Vermieter nach eigenen Angaben noch nicht mal beantragt. "Wir haben immer noch auf einej gute Lösung für alle gehofft", sagt Thomas Sauerbrey von Immobilien Herber.

Vermieterfirma will nicht als Immobilienhai gelten

Die einheimische Firma möchte auch später nach dem "Schock über den tragischen Tod" ihres letzten Mieters nicht wie ein herzloser Immobilienhai wirken. Ein gutes Geschäft verspricht das Haus trotzdem. Das höchste Gebot soll bei nur 80.000 Euro gelegen haben. Das sogenannte Hanseviertel mit Häusern aus den 1920/30er Jahren gilt zwar nicht als Toplage, aber die nahe Fachhochschule zieht Studenten an. Erfurt wächst seit Jahren und gehört zu den wenigen Städten, die den Abwanderungstrend für ganz Ostdeutschland gedreht haben. Seit 2010 sind die Erfurter Mieten um 19 Prozent gestiegen. Leute wie S. sind in kommunale Plattenbauviertel am Rand ausgewichen - Gentrifizierung in klein.

Drei Ersatzwohnungen habe man S. angeboten, so Sauerbrey. Bei den Verhandlungen waren meist auch eine rechtliche Betreuerin und der alte Vater von S. dabei. Alle redeten ihm gut zu, aber ihm war alles zu klein, zu teuer, nicht seine Welt. Eine Gartenlaube mit Schuppen schwebte ihm vor, einmal auch eine eigene Insel. Doch so etwas hatte Immobilien Herber gerade nicht zu bieten.

"Vielleicht hat Matthias auch nur das drohende Datum falsch verstanden" , sagt sein Ex-Nachbar Torsten Weichert. "Jedenfalls hätte es nie so eskalieren müssen." Weichert, 52, zog 1995 fast gleichzeitig mit S. ein - und als Vorletzter aus. Er ist zufrieden mit seiner Ausweichwohnung. Den Umzug, eine neue Küchenarbeitsplatte und 500 Euro Prämie hat Immobilien Herber ihm bezahlt. "Ich habe auch Matthias dazu geraten", sagt er.

Zu Torsten Weichert aus dem zweiten Stock hatte S. Vertrauen. Der Ex-Nachbar will es "nicht unbedingt Freundschaft" nennen, aber Weichert weiß, dass das Leben ungerecht sein kann. "Ich hatte immer Mitleid mit Matthias."

Weichert beruhigte ihn, wenn die schwarzen Männchen angeblich mal wieder ein Schloss aufgebrochen hatten - aber eigentlich nur der falsche Schlüssel nicht passte. Er baute ihm eine Schrankwand vom Sperrmüll auf. Ihm verriet S., dass er nur ein paar Jahre auf einer Hilfsschule war, aber zu DDR-Zeiten trotzdem Arbeit als Heizer hatte. Und Weichert war es auch, der für ihn vor ein paar Jahren den Antrag auf rechtliche Betreuung ausfüllte.

Behördenkram überforderte S.

"Matthias", warnte er ihn noch, "hast du dir das auch gut überlegt? Du bist dann praktisch unmündig!" Aber S. wollte es unbedingt: Der Behördenkram überfordere ihn. Die nötigen Gutachten über seinen Geisteszustand waren kein Problem, ein Richter segnete alles ab. Seitdem hatte S. eine Betreuerin, die seine rechtlichen Belange regelte.

Das moderne Betreuungsrecht soll vor allem "Hilfe und Schutz" bieten. "Aber im Grunde" , so Weicherts Eindruck, "verwaltete die Betreuerin nur sein Geld." Im Haus sah Weichert sie nie. S. schien das nur recht, solange man ihn in Ruhe ließ. Doch als er fürchtete, dass sich die schwarzen Männchen mit der Hausverwaltung verbündeten, war eben auch keiner da.

Während Feuerwehrleute im Auftrag der Polizei die Haustür aufsägen, droht ihnen S. von innen mit einem kleinen Handbeil. Ein Polizist sprüht durch die vorher eingeschlagene Scheibe der Wohnungstür Pfefferspray hinein, S. antwortet mit Raumduftspray. Alle ziehen sich erst mal zurück, weil sie zunächst nicht wissen, was da in der Luft ist. Es gibt Verhandlungsversuche. Man erreicht wohl sogar die Betreuerin, aber sie hat anderweitig einen Termin. Dass hinter der Haustür gerade ein nicht ganz zurechnungsfähiger Mensch verzweifelt seine kleine Welt verteidigt, scheint allen Beteiligten trotzdem schnell klar zu werden.

Auf seine Art war S. stets seltsam konsequent und pragmatisch. Warum er etwa einen Ehering trägt, erklärte er Nachbarn einmal so: "Damit ich auf der Straße nicht von fremden Frauen angesprochen werde." Als die Federn seines Bettes zerschlissen waren, spannte er Paketschnur darüber. Und weil er nie Gas bezog, sah Matthias auch nicht ein, Miete für den Gaszähler zu zahlen. Er hätte ihn rechtzeitig abmelden können, aber womöglich hat er die Mahnschreiben nicht richtig verstanden. Darauf stellte ihm der Energieversorger vor Jahren auch den Strom ab. Ihm war das egal. Mit drei Camping-Solar-Paneelen im Fenster zum Hof lud er tagsüber sein altes Handy und eine Batterie, damit er abends etwas Licht zum Stricken und Lesen hatte.

Es fiel ihm nicht leicht, aber er quälte sich durch Bücher über Hexen und Gesundheitsratgeber. Er diskutierte gern und lange mit den Zeugen Jehovas, seinen einzigen regelmäßigen Besuchern. Und zum Reden ist er eigentlich auch am letzten Tag seines Lebens noch aufgelegt.

Ein Beamter spricht zwei Stunden mit S.

Ein Beamter spricht ab Mittag fast zwei Stunden mit ihm durch die Wohnungstür, während Matthias seine Barrikaden verstärkt. Sie hätten einen guten Draht gehabt, gibt der Polizist später zu Protokoll. S. sei bis zuletzt ruhig geblieben, so ein weiterer Kollege.

Unterdessen übernimmt ein neuer Einsatzleiter die Lage, kurz vor 13.30 Uhr ist auch das SEK vor Ort: 17 Spezialisten, die sonst mit Geiselnehmern oder anderen gefährlichen Kriminellen klarkommen müssen.

Über den Keller von Dieter Aroldt aus dem Nachbarhaus erkunden sie die Rückseite der Wohnung. Aroldt hat ab und zu "ein paar Worte" mit S. gewechselt. Manchmal reichte er ihm auch eine Bratwurst über den Zaun und fuhr mit seinem Transporter etwas Schrott für ihn weg. Die Polizei will von Aroldt wissen, womit S. kocht. Er ruft seinen Kumpel Weichert an. Die Antwort lautet "Propangas".

Mit einem speziellen Messgerät, das die Feuerwehr bringt, wird kein ausströmendes Gas festgestellt. Noch immer unterhalten sich die Polizisten mit S. durch die Wohnungstür. Aber da ist der Zugriff mit dem SEK schon besprochen. Der Einsatzleiter scheint eine rasche Lösung zu wollen. Es ist 14.57 Uhr, als die "schwarzen Männchen" von drei Seiten zugreifen.

Von der Straße aus, so ist es auf einem Video zu sehen, stößt einer das Erdgeschossfenster ein. Kurz darauf erscheint Matthias S. dort noch einmal im Rahmen und fuchtelt mit seinem Handbeil. Zwei Blendgranaten zünden. Gleichzeitig versuchen je sechs Polizisten von hinten einzudringen und die Wohnungstür aufzubrechen. Doch der eine Trupp stolpert über Gerümpel, der andere bekommt selbst mit sieben Rammstößen die Tür nur einen Spalt breit auf. Was die Polizisten für einen Schrank gehalten haben, entpuppt sich später als zweites Türblatt, das Matthias mit einer Leiter verkeilt hat. Die Kettensäge springt auch nicht an. Und so drängen sich schließlich vier Mann einzeln durch den Türspalt und stehen S. auf engen vier Quadratmetern gegenüber.

S. ist offenbar voller Adrenalin

Der rennt hin und her, sieht schwarze Männer überall. Und was in den drei Sekunden danach genau passiert, kann später auch die Staatsanwaltschaft nicht mit letzter Sicherheit klären. Sie hat nur die Aussagen der beschuldigten Polizisten und eine Tatrekonstruktion. Danach verfehlen zwei Schüsse mit sogenannter nonletaler Munition aus einer Pumpgun ihre Wirkung. Einer der mit Granulat gefüllten Beutel bricht Matthias zwar eine Rippe, wie die Obduktion später ergibt. Aber offenbar ist er so voller Adrenalin, dass er trotzdem noch einmal mit seinem Beil ausholen kann.

Statt dem 1,70-Meter-Mann in den Arm zu fallen, drücken zwei weitere Polizisten aus nächster Nähe sofort ab, nun mit ihren 9-Millimeter-Dienstwaffen. Ein Schuss durchschlägt den Oberschenkel von S. und einen Eimer, der dahinter steht. Zwei andere treffen den Oberkörper - jeder für sich ein tödlicher Steckschuss.

Allein der Pumpgun-Schütze wehrt mit seiner linken Hand das kleine Beil ab, wobei er sich trotz schnittfester Handschuhe eine Verletzung zwischen Mittel- und Ringfinger zuzieht. Dann sackt Matthias endgültig zusammen.

Alle drei Polizisten schossen laut Staatsanwaltschaft vorsätzlich. Mindestens einer nahm den Tod "des Angreifers" billigend in Kauf. Zunächst deutet sogar einiges auf eine Hinrichtung hin, weil Matthias den Schusswinkeln zufolge bereits gekniet haben könnte, als ihn die beiden tödlichen Schüsse von schräg oben trafen. Später wird dieser Verdacht mit einem Gutachten von BKA-Kollegen zerstreut: Aus seiner Küche kommend hätte S. vornübergebeugt zum Angriff angesetzt. Er habe entschlossen gewirkt, schildern die beschuldigten Polizisten übereinstimmend. Am Ende will die Staatsanwaltschaft Rechtfertigungsgründe nicht ausschließen: Zu eng, zu unübersichtlich - Notwehr oder Nothilfe, so die Begründung für die Verfahrenseinstellung, seien nicht zu widerlegen.

Anfangs schien der Fall noch klarer: Ein Kollege sei angegriffen und "schwer verletzt" worden, erklärte ein Polizeisprecher noch vor Ort. Auch die Polizeigewerkschaft gab im Radio sofort Feuerschutz: Die Polizisten hätten "absolut rechtskonform" gehandelt, weiß ein Sprecher schon am Tag danach. Trotzdem solle man über Alternativen nachdenken, etwa Elektroschockpistolen wie in den USA.

Ein Nachbar nennt es "Mord"

Tatsächlich muss der "schwer verletzte" Beamte laut Augenzeugen nur kurz versorgt werden. Seine Verletzung sei zwar "nicht schwer", heißt es später bei der Staatsanwaltschaft, aber auch nicht unerheblich. Der einzige Krankenwagen vor Ort bringt Matthias S. ins Krankenhaus, wo er kurz nach der Ankunft an seinen Schussverletzungen stirbt.

Der Sohn von Matthias S. kratzt sein Lehrlingsgeld zusammen, um wenigstens eine anonyme Urnenbestattung finanzieren zu können. Der Tatort bleibt monatelang gesperrt. Immobilien Herber hängt zwar schnell eine Werbeplane ans Haus, doch im Erdgeschoss rechts verzögert sich die Sanierung nun, als lebte Matthias S. immer noch.

"Wir waren alle entsetzt", sagt Dieter Aroldt. Torsten Weichert nennt es bis heute "Mord". Die Schwester von Matthias S. wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen und engagierte einen Anwalt. Anders als die Verteidiger der Beamten bekam der erst gleichzeitig mit der Einstellung des Verfahrens Akteneinsicht. Er fragt sich vor allem, wieso der Einsatzleiter die ruhigen Gespräche abbrach, um die Wohnung stürmen zu lassen. Und selbst wenn es stimmen sollte, dass S. mit Selbstmord gedroht hat - muss man den unbedingt mit tödlichen Schüssen verhindern? Mit Pistolen gegen ein kleines Beil? Und warum durften seine Angehörigen nicht mit S. reden?

"Auf uns, meinen Vater und mich", sagt seine Schwester, "hat er letztlich immer gehört." Aber sie saßen die ganze Zeit auf einer Polizeiwache. Um eine "emotionale Zuspitzung" vor Ort zu vermeiden.

Erst im Sommer 2016 wurde an der Wohnung das Polizeisiegel entfernt. Im Herbst begannen die Bauarbeiten. Drei Container mit je zehn Kubikmeter Sperrmüll wurden entsorgt: Matthias S.' Welt. Inzwischen ist seine Wohnung verkauft. In den ersten Wochen des Jahres 2017 wird der neue Eigentümer einziehen.