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Medienposse um geflohenen Zuchtbullen Felix: Rinderwahnsinn in der Nordpfalz

Seit Tagen ist in der Pfalz der Jungbulle Felix auf der Flucht - gejagt wird er vor allem von Journalisten. Denn so aufgeregt wie bei Sommerloch-Kuh Yvonne sind die Einheimischen hier nicht.

Von Björn Erichsen

Was für ein riesiges Rindvieh! Die Rede ist von Zuchtbulle Felix, diesem schnaufendem Fleischberg in Rotbraun, ein 350-Kilo-Koloss aus Muskeln, Horn und Samenstrang. Noch längst nicht ausgewachsen mit seinen 16 Monaten, aber angeblich "sehr aggressiv". Und dieses Tier streift nun unkontrolliert durch die Nordpfalz? Horror! Am Tag vor Weihnachten hat der Jungbulle das Metallgatter auf einem Bauernhof in Lauterecken im Landkreis Kusel durchbrochen und ist seither verschwunden. Polizei und Verkehrsfunk warnen Wanderer und Waldarbeiter vor dem Untier, die Medien landauf, landab berichten. Nehmen die Schreckensmeldungen in diesem Jahr denn gar kein Ende?

Seltsam ist nur: Im Gegensatz zur lokalen Redaktionsstube einer großen deutschen Nachrichtenagentur, die beinahe stündlich den Stand der Felix-Jagd kabelt, hält sich die Aufregung in Lauterecken in Grenzen. Es kommt weder zu spontanen Hamsterkäufen angesichts der Bedrohung, noch hat sich spontan eine bäuerliche Notgemeinschaft mit Fackeln und Mistgabeln zusammengerottet, um die Bestie durch die pfälzischen Wälder zu jagen. Lediglich ein Mann mit einem Betäubungsgewehr halte sich bereit, sollte Felix gesichtet werden. Das verrät Rindsbesitzer und Bauer Adolf H., der bei der vorweihnachtlichen Flucht des Jungbullen – wie bitte? – nur leicht verletzt wurde. Ansonsten sei er zuversichtlich, dass das Vieh "schon irgendwann wieder auftauchen" werde.

Niemand sucht nach Felix

Anfangs hätte es schon eine kleine Suchaktion gegeben, sagt Arno Heeling, Dienststellenleiter der Polizei in Lauterecken. "Die hat der Bauer selbst organisiert, ein paar Mann von der freiwilligen Feuerwehr waren dabei, insgesamt vielleicht 15 Leute." In dem unwegsamen Gelände haben man die Suche aber schnell aufgegeben. Die Polizei halte lediglich "auf der regulären Streife die Augen offen", und ermittelt werde schon mal gar nicht - schlichtweg, weil Felix bisher keinen Schaden angerichtet hat. Die gute Nachricht ist also: Steuergelder werden nicht verpulvert. Höchstens die Zeit der Ordnungshüter, weil immer wieder Journalisten anrufen, um sich in Sachen Felix über die (nicht vorhandenen) Neuigkeiten zu informieren.

Auf Kontakt zu Medienvertretern verzichtet Landwirtsfamilie H. inzwischen lieber. Anfangs gab Frau H. noch bereitwillig Auskunft: Etwa darüber, dass sie Felix erst wenige Tage vor seiner Flucht im Elsass gekauft hätten. Oder dass sie ihm zwei Jungkühe hinstellen wollten, "für ein bisschen Gesellschaft", weil er sich noch nicht heimisch gefühlt habe. Doch dann kamen immer mehr Anrufe. Und dann war da dieser Radioreporter, der einfach ohne Absprache ein Telefongespräch mitgeschnitten und gesendet hatte, was sie erst von einer Nachbarin erfuhr. Seither geht Frau H. gar nicht mehr ans Telefon.

"Ich weiß nicht, was an diesem Vieh so besonders sein soll", sagt Klaus-Peter Wagner, Vorsitzender des Jagdverbandes im Landkreis Kusel. Sein Achselzucken ist sogar durchs Telefon zu hören. Natürlich gäbe es einen "Riesenwumms", wenn ein Auto mit dem Bullen zusammenstoßen würde – doch sei das bei all den Wildschweinen und Hirschen in der Region ja auch nicht anders. "Wenn man so ein Tier nicht mehr ärgert als unbedingt notwendig, ist überhaupt nichts los", sagt der erfahrene Waidmann. Gefährlich könnte es vor allem dann werden, wenn da so ein Kamerateam käme "und das Tier in die Enge treiben" würde.

Bitte den Bullen nicht selbst fangen!

Viel ist also derzeit nicht zu berichten, von Felix dem entlaufenden Jungbullen. Doch natürlich hält dies niemanden von der Berichterstattung ab. Schließlich hat das im Sommer bei Kuh Yvonne auch so gut funktioniert, als die Odyssee des braun-weißen Hausrindes durch den bayrischen Wald minutiös dokumentiert wurde. Und auch jetzt erfährt man wieder einiges über Rinder auf der Flucht: So warnt der Leiter des örtlichen Veterinäramtes davor, den Bullen "selbst zu fangen" oder "mit Hunden zu jagen". Und ein anderer Tierarzt beruhigt besorgte Tierfreunde: Felix könne durchaus allein im Freien überleben. "Solange kein Schnee liegt, kann ein Rind gut eine Weile ohne Stall und gefüllten Futtertrog auskommen."

Spöttisch fügt er allerdings noch hinzu: Yvonne habe sich damals "eine bessere Zeit ausgesucht, um auszubüxen" - und damit hat er vermutlich recht. Tatsächlich liegt es wohl an schlechtem Timing, dass die "Bauer sucht Bulle"-Geschichte aus der Nordpfalz im Vergleich zu Yvonne eher mickrig daherkommt. Viele Redaktionen sind zum Jahreswechsel noch spärlicher besetzt als im Hochsommer, und auch die Leser scheinen ein aufregendes und aufgeregtes Nachrichtenjahr besinnlicher ausklingen lassen zu wollen. Trotz aller Versuchung, die nachrichtenarme Zeit zwischen den Jahren mit entlaufenen Rindviechern zu füllen, bleibt den Berichterstattern daher vor allem folgende Erkenntnis: Es ist derzeit wohl einfach zu kalt für ein ordentliches Sommerloch.