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Memoiren des "Engels mit den Eisaugen": Was Amanda Knox tat, als der Mord passierte

Bald erscheinen Amanda Knox' Memoiren - eine Woche nach denen ihres Ex-Freundes. Während der um sein neues Leben in der Schweiz kämpft, berichtet sie medienwirksam erste Details aus der Mordnacht.

Von Niels Kruse

Raffaele Sollecito bekam die schlechte Nachricht an seinem 29. Geburtstag überbracht. Am 26. März entschied das Kassationsgericht in Rom, dass der Freispruch vom Herbst 2011 "eine seltene Mischung aus Gesetzesverstößen und logischen Fehlern" gewesen sei und das Verfahren gegen ihn neu aufgerollt werden würde. Sollecito, italienischer Staatsbürger, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Lugano in der Schweiz. Er versucht dort Ruhe zu finden vor dem ganzen Rummel, der sechs Jahre zuvor in Perugia begonnen hatte und nun wieder Fahrt aufnimmt - dank seiner Ex-Freundin Amanda Knox.

Am Dienstag, den 30. April, erscheinen ihre Erinnerungen. 504 Seiten mit dem auf Deutsch etwas fad-trotzigen Titel "Zeit, gehört zu werden". Ganze vier Übersetzer hat der Droemer-Knaur-Verlag auf die deutsche Version angesetzt. Üblich sind ein oder zwei, aber in diesem Fall musste es schnell gehen. Beziehungsweise mussten schnell noch ein paar Änderungen vorgenommen werden. Denn das Werk war längst fertig, die PR-Maschine bereits angelaufen, doch leider fehlten nun die neuesten Entwicklungen.

Amanda spricht nur mit "People" und ABC

Es geht schließlich um den spektakulären Mord an der Engländerin Meredith Kercher, deretwegen das Ex-Pärchen vier Jahre lang im italienischen Gefängnis saß. Vier Millionen Dollar soll der amerikanische Verlag dem "Engel mit den Eisaugen" für ihre Memoiren gezahlt haben. Der Erinnerungsschinken ist daher zum Erfolg verdammt. Um maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen, haben sich der Verlag und die Anwälte für die Taktik des sorgsam verteilten Appetitanreger entschieden.

In den USA haben nur zwei Medien den Zuschlag für die PR-Begleitmusik bekommen: eine Leute-Zeitschrift und ein Fernsehsender. Beide servieren nun die ersten Happen. Das Magazin "People" kommt mit Auszügen eines Interviews, das in voller Länge zeitgleich mit ihrem Buch erscheinen wird. Und der Sender ABC zitiert bereits erste Passagen aus dem Werk. Etwa die, in der Knox beschreibt, was sie und ihr damaliger Freund Raffaele gemacht haben wollen, als der Mord passierte. "Ich war ich bei ihm, wir haben gekifft und uns auf Deutsch aus einem Harry-Potter-Buch vorgelesen. Dazu lief der Film 'Amelie'." Vor dem Urteil dachte Knox im Fall einer lebenslangen Haftstrafe offenbar an Selbstmord. Sie habe sich bereits "selbst als Leiche vorgestellt", lautet ein Zitat.

Eine Million Dollar Anwaltsschulden?

"People" erzählte Amanda Knox, dass sie immer wieder von Ängsten eingeholt werde. "Die Dinge beschleichen mich manchmal, und ganz plötzlich bin ich überwältigt von dem Gefühl von Hilflosigkeit und dieser Verzweiflung und der Angst, nur zu hoffen", sagte sie laut den Auzügen auf der Website. "Das allein kann mein Herz zum Rasen bringen und macht mich gelähmt, bis ich es wegatmen kann." Kurz nach der Tat gerieten sie und Raffaele Sollecito ins Visier der Polizei. "Als sie ermordet wurde und ich festgenommen wurde, das war so schockierend. Es war lähmend. Alles kippte", sagte Knox dem Klatschblatt.

Das war im November 2007. Bei den Verhören verstrickte sie sich in widersprüchliche Aussagen, beschuldigte (zu Unrecht) einen Barmann und wurde zwei Jahre später zusammen mit Raffaele zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Wiederum zwei Jahre später dann die Revision und der Freispruch. Der dritte Mittäter, ein Kleinkrimineller namens Rudy Guede, sitzt immer noch seine 16-jährige Haftstrafe ab. Wenn der Fall jetzt erneut vor Gericht kommt, könnte das für die Familie von Amanda Knox im schlimmsten Fall das finanzielle Aus bedeuten. Denn angeblich hat sie jetzt schon eine Million Dollar Anwaltsschulden. Und sollte Amanda verurteilt werden, wären auch noch die Millioneneinnahmen aus dem Memoirendeal futsch.

Raffaeles Buch erscheint eine Woche vor Amandas

Auch für Raffaele Sollecito steht einiges auf dem Spiel. Laut der "Basler Zeitung" muss er - Gerichtsverhandlung hin oder her - um seine Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz bangen. Offenbar hatte er bei seinem Umzug ins Tessin falsche Angaben gemacht. Auf die Fragen, ob er verurteilt worden sei oder ob es laufende Strafverfahren gegen ihn gebe, hatte er mit "Nein" geantwortet. Dieser Fall beschäftigt nun die Tessiner Regierung. Raffaele selbst sagt, er habe sich in Lugano bereits gut eingelebt, wolle sein Studium beenden und sei bereits Inhaber einer Agentur, mit deren Hilfe er sein Buch vermarkten will: "Eine Frage der Ehre: Meine Reise in die Hölle und zurück mit Amanda Knox." Es erscheint am Dienstag, den 23. April. Genau eine Woche vor den Memoiren seiner Ex-Freundin.