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stern-Reportage

Kopfgeldjagd in den USA: Die Menschenjäger - das dunkle Geschäft mit der Kaution

Kautionsagenten strecken in den USA Geld vor, damit Verdächtige bis zum Prozess auf freiem Fuß bleiben. Gegen Gebühren. Und sie schicken ihre Leute zur Jagd, wenn die Klienten untertauchen. Schlaglicht auf ein dunkles Geschäft.

Die Menschenjäger: Wie in den USA untergetauchte Verdächtige von Kautionsagenten gejagt werden

Die Jagd auf Melissa Torres beginnt um 22 Uhr im New Yorker Vorort Yonkers, gleich hinter der Bronx. Patrick McCall und seine Männer stehen auf einem abgelegenen Parkplatz und streifen ihre schusssicheren Westen über. McCall lässt den Steckbrief der Gesuchten rumgehen, eine attraktive Frau, 38, dunkles Haar, 1,65 Meter groß, 60 Kilo.

Am wichtigsten aber ist, was über dem Foto steht: 15.000 Dollar.

Der Raum stinkt süßlich nach Crack

Gegen diese Kaution kam Melissa Torres nach einem Einbruch aus der Untersuchungshaft frei. Vergangene Woche hätte sie vor Gericht erscheinen müssen, doch das tat sie nicht. Wenn Patrick McCall sie findet, gehen zehn Prozent der Kaution an ihn. Der 33-Jährige war früher bei der Polizei, jetzt ist er Kopfgeldjäger.

Die Männer steigen in ihren schwarzen Cadillac SUV, am Steuer der kleine, drahtige Louis, McCall auf dem Beifahrersitz, hinter ihm Israel, kahlköpfig, ehemaliger Sparringspartner von Wladimir Klitschko. Der Wagen rollt durch die finsteren Straßen. "Ein Informant hat uns gesteckt, dass Melissa hier auf den Strich geht", sagt McCall.

Endstation für Dilemi (ganz rechts) und einen anderen Flüchtigen ist das Gefängnis Rikers Island nahe New York. Am nächsten Morgen werden sie einem Richter vorgeführt

Endstation für Dilemi (ganz rechts) und einen anderen Flüchtigen ist das Gefängnis Rikers Island nahe New York. Am nächsten Morgen werden sie einem Richter vorgeführt

In den Hauseingängen stehen Frauen, die im Schatten verschwinden, sobald sie den SUV erblicken. Für 20 Dollar nennt eine die Adresse eines Motels. An der Rezeption sitzt der Manager hinter einer Scheibe aus Panzerglas. Das Motel ist eine Absteige für Dealer und Prostituierte. McCall hält das Foto hoch. Er hat eine Art zu reden, da klingt selbst "Guten Tag" wie ein Befehl. "Schon mal gesehen?" Der Manager nickt. "Zimmer vier."

Als Israel an die Tür hämmert, öffnet ein Mann mit einem Handtuch um die Lenden, erschrocken weicht er zurück. Der Raum stinkt süßlich nach Crack. Auf dem Bett sitzen zwei Frauen in Unterwäsche. Eine ist Melissa Torres. Sie ist abgemagert, ihr Haar strähnig, sie ist offensichtlich schwer drogensüchtig. Als sie begreift, was geschehen ist, bricht sie in Tränen aus.

Zehn Minuten später sitzt Melissa Torres mit Ketten an Händen und Füßen in McCalls SUV.

"Wenn Patrick Blut geleckt hat, kriegt er jeden"

Tags darauf in einem kargen Bürogebäude in Long Island. Zufrieden lehnt Michelle Esquenazi in einem wuchtigen Ledersessel. "Bail Bond Queen" ist mit großen Buchstaben in die Lehne gestickt. Die Wände sind gepflastert mit Fotos, Urkunden und Zeitungsartikeln. Alle über sie, alle über die "Queen". Esquenazi, 50, hält ein Glas Wein in der Hand und legt die Beine auf den Tisch. Sie trägt Stiefel mit 15-Zentimeter-Absätzen und ihr Haar als Lockenmähne.

Die Bail-Bond-Queen Michelle Esquenazi auf einer Konferenz der Kautionsagenten

Die Bail-Bond-Queen Michelle Esquenazi auf einer Konferenz der Kautionsagenten

Esquenazi führt die größte Kette von Kautionsbüros in New York. Das Geschäftsprinzip ist simpel: Wer hier unter Strafverdacht steht, muss binnen 24 Stunden einem Haftrichter vorgeführt werden, der einen Betrag festlegt, gegen den der Beschuldigte bis zum Prozess in Freiheit bleiben kann – oder bis zur Entscheidung, ob die Vorwürfe einen Prozess überhaupt rechtfertigen. Eine Kaution wird fast immer verlangt. Für alle, die das Geld nicht aufbringen können, gibt es Leute wie Esquenazi. Gegen eine Gebühr zwischen sechs und zehn Prozent stellt sie die Summe bereit.

Ihr Risiko besteht darin, dass die Klienten untertauchen. Dann haftet sie für die volle Summe. Aber für diesen Fall hat sie ja Patrick McCall, den Kopfgeldjäger. "Er ist der Beste", sagt Esquenazi. "Wenn Patrick Blut geleckt hat, kriegt er jeden."

So wie vergangene Nacht Melissa Torres, die seitdem in einer Arrestzelle bei der Polizei in Rochester sitzt. Esquenazi führt durch ihr Büro. Am Eingang gibt es ein Schalterfenster, wo sich alle Klienten einmal pro Woche zum "Check-in" melden. Hinterm Schalter sitzt Jojo, deren Händedruck rohe Kartoffeln zerquetschen könnte. Jojo ist Esquenazis Leibwächterin. In einem Schrank lagern elektronische Fußfesseln. "Bei hohen Kautionen gehen wir auf Nummer sicher", sagt Esquenazi.

Patrick McCall befragt die Mutter eines Flüchtigen – diesmal ohne Ergebnis

Patrick McCall befragt die Mutter eines Flüchtigen – diesmal ohne Ergebnis

Die höchste, die sie jemals stellte, waren 1,5 Millionen Dollar für Dr. Mastromarino, der ein Vermögen ergaunerte, indem er Knochen aus Leichenhäusern stahl und für Transplantationen an Kliniken verkaufte. Zu 30 Jahren wurde er verurteilt. "Den haben wir zusätzlich observiert, damit er nicht abhaut." Esquenazi lacht. "Aber es hat sich gelohnt. 90.000 Dollar hat er bezahlt."

"Die Armen werden eingesperrt, und die Reichen kaufen sich frei"

Esquenazis Filialen mit großen Leuchtreklamen, "Empire Bail Bonds", liegen gegenüber von fast jedem Gerichtsgebäude in New York. Für manche Familien hat die Queen schon mehrere Generationen aus dem Knast geholt, die Hells Angels sind Stammkunden, ein Dankschreiben der Rocker hängt gerahmt über ihrem Schreibtisch.

USA-weit arbeiten an die 15.000 Bail-Bond-Agenten. Sie stellen pro Jahr Kautionssummen von rund 14 Milliarden Dollar. Das entspricht der Wirtschaftsleistung von Kleinstaaten wie Georgien oder Jamaika. Sie nennen sich die Bail Bond Industry.

Melissa Torres weint bei ihrer Festnahme

Melissa Torres weint bei ihrer Festnahme

Doch das System ist umstritten. Es gehört zu jenen Dingen in dieser großen Nation, über die viele nur ungläubig den Kopf schütteln können. So wie über die Todesstrafe, die Waffengesetze und Präsident Trump. Es entstammt einer Zeit, als die staatliche Exekutive noch nicht gewährleisten konnte, dass sich ein Verdächtiger der Justiz stellt, als Straftäter dem Sheriff noch durch einen wilden Ritt zu Pferde über die nächste Staatsgrenze entkommen konnten. Die Kopfgeldjäger, die Bounty Hunter, haben Sonderrechte, die aus dem Jahr 1873 stammen. Sie dürfen ohne richterlichen Beschluss Wohnungen aufbrechen und Waffengewalt einsetzen.

Der kommerzielle Kautionshandel ist außer in den USA nur noch auf den Philippinen erlaubt. In den meisten westlichen Demokratien, so auch in Deutschland, sind Kautionszahlungen die Ausnahme. Dort bleibt ein Verdächtiger auf freiem Fuß, bis seine Schuld als bewiesen gilt. Es sei denn, es besteht dringender Tatverdacht oder Flucht- und Verdunklungsgefahr, dann wird Untersuchungshaft angeordnet.

Esquenazi im Büro ihres "Empire Bail Bonds" auf Long Island. Filialen finden sich gegenüber von fast jedem Gericht in New York

Esquenazi im Büro ihres "Empire Bail Bonds" auf Long Island. Filialen finden sich gegenüber von fast jedem Gericht in New York

Peter Goldberg sitzt in einem kleinen gläsernen Konferenzraum in Brooklyn, er trägt einen dünnen Bart und massiert beim Reden seine gepflegten Finger. Goldberg ist ein Anti-Bail-Bond-Aktivist, für ihn ist das System verfassungswidrig: "Die Armen werden eingesperrt, und die Reichen kaufen sich frei." Warum ist es dann so schwer, das zu bekämpfen? "Weil es zu viele gibt, die daran verdienen."

"Die meisten haben nicht mal Geld, um die Stadt zu verlassen"

Seit 1990 haben sich die von Richtern verhängten Summen fast verdreifacht. Die von den Agenten erhobenen Gebühren werden auch nicht erstattet, wenn sich die Unschuld eines Verdächtigen herausstellt. Immer wieder fliegen Skandale auf, bei denen Bail-Bond-Leute Polizei und Justiz am Gewinn beteiligt haben. In 40 US-Bundesstaaten ist das System bis heute gängige Praxis.

Goldberg leitet einen Hilfsfonds, der für Kleinkriminelle kostenlos Kautionen stellt. "Alles bis 2000 Dollar", erklärt er. Summen also, die beim Schwarzfahren aufgerufen werden, beim öffentlichen Herumlungern oder bei dem Besitz geringer Mengen Marihuana. "95 Prozent der Klienten erscheinen zu jedem Gerichtstermin. Wir haben es doch nicht mit Leuten zu tun, die nach Mexiko abhauen. Die meisten haben nicht mal Geld, um die Stadt zu verlassen."

Die Chefin der größten Kopfgeldagentur in New York ist Michelle Esquenazi, im Reality-TV bekannt als Queen of the Bounty Hunters, die Kopfgeldkönigin

Die Chefin der größten Kopfgeldagentur in New York ist Michelle Esquenazi, im Reality-TV bekannt als Queen of the Bounty Hunters, die Kopfgeldkönigin

Vor Goldberg auf dem Tisch liegt ein Notizbuch mit vielen Zahlen, er blättert darin. "In New Yorks größtem Gefängnis Rikers Island sitzen derzeit 8000 Häftlinge ein", sagt er. "40 Prozent nur, weil sie weder ihre Kaution noch einen Agenten bezahlen können." Wer bis zum Prozess eingesperrt bleibe, werde mit dreimal größerer Wahrscheinlichkeit verurteilt. Weil sich die Verteidigung in Freiheit leichter vorbereiten lasse. Weil die Richter dazu neigten, mit Urteilen die Haftzeit zu rechtfertigen. Und weil sich viele nur schuldig bekennen würden, um dem Knast zu entfliehen – gerade wenn sie im "Rikers" einsäßen.

Das Gefängnis gehört zu den berüchtigtsten des Landes, es wird von Gangs beherrscht. Schlagzeilen machte der Fall von Kalief Browder, der mit 16 verhaftet wurde, weil er einen Rucksack gestohlen haben sollte. Die Familie des zierlichen schwarzen Jungen konnte weder die 3000 Dollar Kaution aufbringen noch die 300 Dollar für einen Agenten. Browder saß bis zum Prozess im "Rikers" – drei Jahre lang. Vor Gericht wurde schließlich zweifelsfrei bewiesen, dass er nichts gestohlen hatte. Später berichtete er in Interviews, wie er im Gefängnis geschlagen und missbraucht worden war. Drei Jahre nach seiner Freilassung brachte Kalief sich um. Er wurde 22 Jahre alt.

Kopfgeldjäger McCall sucht die flüchtige Melissa Torres, die trotz Kaution von 15.000 Dollar nicht vor Gericht erschienen ist. Wenn er die Frau findet, verdient er zehn Prozent der Kautionssumme

Kopfgeldjäger McCall sucht die flüchtige Melissa Torres, die trotz Kaution von 15.000 Dollar nicht vor Gericht erschienen ist. Wenn er die Frau findet, verdient er zehn Prozent der Kautionssumme

Es ist später Nachmittag in Soho. Michelle Esquenazi ist mit Leibwächterin Jojo zu einem eleganten Loftgebäude gekommen. Jojo steht vor dem Eingang und achtet darauf, dass nur geladene Gäste den Lift in den fünften Stock nehmen. Zum ersten Mal treffen sich die größten Kautionsagenten der Stadt zur Krisensitzung. Gerade hat der Nachbarstaat New Jersey eine Bail-Reform auf den Weg gebracht, die Kautionen bei Bagatelldelikten stark einschränkt. Der Umsatz bei den Kollegen ging dramatisch zurück.

"Königin der Kopfgeldjäger"

Gegen 18 Uhr ist der Raum gut gefüllt. Außer Michelle alles Männer, man sieht Goldketten, Schnäuzer, Lackschuhe. Einer trägt ein T-Shirt mit Werbung für sein Bail-Bond-Office. "Freiheit für New Yorks feinste Kriminelle" steht darauf.

"Es sind liberale Träumer, die unsere Industrie bekämpfen", barmt Esquenazi. "Wir müssen den New Yorkern klarmachen, dass die Kriminalitätsrate durch die Decke geht, wenn sie die Bail Bonds abschaffen. Die Kriminellen lachen sich doch kaputt, wenn sie wissen, dass jeder Richter sie mir nichts dir nichts wieder auf die Straße lässt."

Die Agenten verabreden, einen Lobbyisten zu beauftragen, der New Yorks Gouverneur unter Druck setzt. Von dem heißt es, er wolle 2020 als Präsident kandidieren "Wenn der Angst bekommt, dass ihm die konservativen Wähler weglaufen, wird ihn das von liberalen Experimenten abhalten", sagt Esquenazi.

Sie will mit allen Mitteln kämpfen. Schließlich, sagt sie, gehe es um ihr Lebenswerk. Als sie ihr Bail-Bond-Imperium vor 20 Jahren aufbaute, war sie alleinerziehende Mutter dreier Kinder. "Einer meiner vielen Jobs war Sekretärin in einem Bail-Bond-Office. Schnell dachte ich: Das kannst du auch allein."

Heute setzt sie Millionen um, sie hat ihre eigene Realityshow, "Königin der Kopfgeldjäger", in ihrer Firma beschäftigt sie ihre Tochter, den Sohn und zwei Nichten. Die Kritik am Bail-Bond-System kann sie nicht verstehen. "Wir garantieren doch, dass die bösen Jungs da draußen unter Kontrolle sind."

Melissa Torres nach der Festnahme in McCalls Auto. Gefunden hat er sie in einem Motelzimmer, sie rauchte gerade Crack

Melissa Torres nach der Festnahme in McCalls Auto. Gefunden hat er sie in einem Motelzimmer, sie rauchte gerade Crack

Doch dieses Argument ist ebenso absurd wie die Behauptung, dass mehr Waffen in Privatbesitz Amerika sicherer machen würden. In manchen Fällen kaufen sich sogar dringend Mordverdächtige aus der Haft frei, während landesweit 400.000 Menschen im Gefängnis sitzen, nur weil sie keine Kaution aufbringen können. Laut Statistik des US-Justizministeriums hatten 71 Prozent vor ihrer Festnahme einen festen Job. Studien beweisen, dass Kleinkriminelle nach nur drei Tagen im Gefängnis mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten begehen. Anti-Bail-Aktivist Goldberg sagt: "Das Kautionssystem erfüllt nur einen Zweck: Amerikas Gefängnisse mit Nachschub zu versorgen."

"Willkommen in der Hölle"

Für Kopfgeldjäger McCall geht eine weitere Nacht auf Jagd zu Ende. Sein schwarzer SUV steht vor dem Stahltor zum Gefängnis von Rikers Island. Hinter ihm auf der Rückbank sitzen, gefesselt, ein 33-jähriger Schwarzer und ein 27-Jähriger aus dem Irak. Der Schwarze soll seine Freundin vergewaltigt haben, die Mutter hat ihn angezeigt; der Iraker ist heroinsüchtig und beging angeblich Straßenraub. Zusammen bringen sie McCall 3000 Dollar. Widerstand bei der Festnahme leisteten beide nicht, sie lagen im Bett. Nur bei dem Iraker tauchte plötzlich der Bruder auf und versuchte McCall wegzuzerren. Er bekam eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht.

McCall bugsiert Omar El Dilemi, den Mann, den er gerade mit Pfefferpistole im Anschlag niederdrückte, in sein Auto

McCall bugsiert Omar El Dilemi, den Mann, den er gerade mit Pfefferpistole im Anschlag niederdrückte, in sein Auto

Ob McCall glaubt, dass sich sein Beruf bald überlebt hat? Er schüttelt den Kopf. "Alle sind froh, dass New York heute eine sichere Stadt ist. Das ist noch nicht lange so. Kein Politiker wird das Risiko eingehen, diese Sicherheit aufs Spiel zu setzen."

Das Tor zu Rikers Island gleitet auf und gibt den Blick frei auf einen großen, spärlich beleuchteten Innenhof. Ein weiterer Bounty Hunter ist gerade eingetroffen und schiebt einen schwarzen Jungen zur Schleuse für die Neuankömmlinge.

Der Iraker auf der Rückbank seufzt: "Willkommen in der Hölle."

Die Menschenjäger: Wie in den USA untergetauchte Verdächtige von Kautionsagenten gejagt werden
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