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Statistik: Nach Bluttaten in Berlin, Lünen und Flensburg: Wie kriminell sind Jugendliche wirklich?

Der Tod einer 14-Jährigen in Berlin - mutmaßlich erstochen von einem Mitschüler - schockierte Deutschland und wirft wieder einmal die Frage auf: Wird die Jugend immer brutaler? Die Statistiken geben eine klare Antwort.

Jugendkriminalität - Messerattacken: Ein Jugendlicher in Handschellen (Symbolbild zur Jugendkriminalität)

Die Jugendkriminalität schrumpft, sagen die Statistiken (Symbolbild)

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Berlin, Lünen, Kandel und zuletzt Flensburg - blutige und tödliche Messerattacken haben in den vergangenen Monaten immer wieder die Republik erschüttert. Den Taten gemeinsam: Unter Tatverdacht stehen jeweils junge Männer, zum Teil Jugendliche.

Den Taten ebenfalls gemeinsam: Im Anschluss kochte die Diskussion über Jugendgewalt in Deutschland hoch, die Fälle riefen in regionalen und überregionalen Medien ein breites Echo hervor und in den sozialen Netzwerken machten sich Empörung und Besorgnis breit: Sind Jugendliche in den letzten Jahr immer krimineller geworden? Sitzt das Messer lockerer als früher? Steigt die Jugendgewalt?

Nur Berlin verzeichnet Messerattacken in Statistik

Die Zahlen und Statistiken widersprechen dem Bild einer immer krimineller und gewalttätiger gewordenen Jugend. Insgesamt ermittelten die Behörden 2016 rund 2,3 Millionen Tatverdächtige zu Straftaten, davon waren gut 440.000 Jugendliche und Heranwachsende im Alter von 14 bis unter 21. Das entspricht einem Anteil von knapp 19 Prozent an allen Verdächtigen. Der Blick auf die Polizeilichen Kriminalitätsstatistiken des Bundeskriminalamtes der vergangenen Jahre zeigt: Der Anteil Jugendlicher oder Heranwachsender an allen Verdächtigen ist weitgehend konstant, mit zuletzt leicht rückläufiger Tendenz.

Jahr

Anteil an allen

Verdächtigen

Anzahl Tatverdächtige

zwischen 14 und 21 Jahren

201020,8 %448.307
201119,9 %419.227
201219 %396.512
201318,1 %378.875
201417,8 %382.641
201519 %449.451
201618,7 %441.890

Zum Vergleich: Der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung beträgt derzeit etwa sieben Prozent - das bedeutet: Unter den Verdächtigen sind 14- bis 20-Jährige seit je her überrepräsentiert.

Auch schwere Jugendkriminalität sinkt

Auch schwere Gewalttaten junger Menschen werden immer seltener. So erklärte Kriminologe Christian Pfeiffer nach dem gewaltsamen Tod eines 14-Jährigen in Lünen im Januar, alle Statistiken zeigten, dass Tötungsdelikte von Jugendlichen extrem rückläufig seien. "Egal welche Statistik wir nehmen: Wir gelangen zu der Einschätzung, dass Tötungsdelikte durch junge Menschen eine extreme Ausnahme werden." Für diese Entwicklung gebe es stabile Hintergrundfaktoren, so Pfeiffer, der zum Beispiel auf den drastischen Rückgang des elterlichen Schlagens verwies. Ein Blick auf ausgewählte Straftaten verdeutlicht Pfeiffers Einschätzung:

JahrVerurteilte Jugendliche und Heran- wachsende wegen Straftaten gegen das Leben... wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung... gefährlicher Körper- verletzung
2010145104614.011
2011110109512.872
2012105102310.741
2013889048477
2014799176906
201569*9046114

Quellen: Statistisches Bundesamt 2015 und 2016.

* In einer ersten Version des Artikels war 26 angegeben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Große Aufmerksamkeit für einzelne Taten

Warum trotz der rückläufigen Fallzahlen bisweilen das Gefühl einer immer brutaleren Jugend entsteht, erklärt Kommunikationswissenschaftler Hans-Bernd Brosius von der Ludwig-Maximilians-Universität in München im stern-Interview, das Sie hier lesen können:

mit DPA-Material