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Drogenkrieg in Mexiko Ein Gefängnis als Killer-Camp


In Mexiko werden die Gefängnisse von Kriminellen kontrolliert, die Justiz ist ausgehöhlt. Ein Kartell hat eine Haftanstalt sogar in ein Folterzentrum verwandelt – und dort offenbar mehr als 150 Menschen umgebracht.
Von Sonja Peteranderl

In der mexikanischen Grenzstadt Piedras Negras hat ein Drogenkartell ein Gefängnis in ein Folterzentrum verwandelt. Killer der Zetas, einem der brutalsten Kartelle Mexikos, quälten und töteten dort ungestört Rivalen, Mitglieder aus den eigenen Reihen und Entführungsopfer. Sogar eine Gruppe tauber Männer wurde von den Narcos gekidnappt und getötet, weil sie sie für Undercover-Agenten hielten. Die Leichen wurden in Säure aufgelöst und verbrannt. In den vergangenen Tagen haben Fahnder in einem Fluss in der Nähe des Gefängnisses nach menschlichen Überresten gesucht.

Zetas hatten vollständige Kontrolle über das Gefängnis

Etwa 150 Menschen sollen dem ermittelnden Staatsanwalt des Bundesstaates Coahuila, Homero Ramos Gloria, zufolge zwischen Dezember 2009 und Januar 2012 in dem Gefängnis getötet worden sein. Die Tragweite des Justizskandals wurde erst vor Kurzem bekannt – und offenbart, in welchem Umfang mexikanische Kartelle die Justiz aushebeln.

Auch in anderen mexikanischen Gefängnissen kontrollieren Gangs und Kartelle den Drogenhandel hinter Gittern, erheben Schutzgelder oder bestechen Gefängnisleitung und Wärter, wie bei der Flucht des Sinaloa-Drogenbosses Joaquín "El Chapo" Guzmán aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Doch die Haftanstalt in Piedras Negras wurde vollständig vom Zetas-Kartell kontrolliert, sie nutzten das Gefängnis als Operationsbasis. "Sie gingen dort täglich ein und aus", so der Leiter der Ermittlungseinheit. Er hält es für plausibel, dass ähnliche Zustände auch in anderen mexikanischen Gefängnissen herrschen. Ein Zetas-Soldat sagte den Ermittlern, dass er sich tagsüber frei bewegt, Freunde besucht, sich in seinem eigenen Haus aufgehalten, Kaffee getrunken und Zeitung gelesen habe – und nachmittags in das Foltergefängnis zurückgekehrt sei.

Spektakuläre Massenflucht brachte Polizei auf die Spur

Auch Führungsmitgliedern diente das Gefängnis als Rückzugsort, wenn die Bundespolizei gerade nach ihnen fahndete. Die Insassen schufteten als Zwangsarbeiter: Häftlinge mussten für die Kartellmitglieder falsche Uniformen und schusssichere Westen anfertigen oder in Fahrzeuge Verstecke für Drogen, Geld und Waffen einbauen.

Sieben Morde, die hinter den Gefängnismauern geschahen, konnten die Behörden bisher nachweisen. Fünf Kriminelle, die an Kidnappings und Morden beteiligt waren, werden per Haftbefehl gesucht — sowie Gefängnisangestellte und Wärter, die das Morden hinter Gittern gewähren ließen.

Dass das Gefängnis von Piedras Negras von Kriminellen korrumpiert wird, wurde durch eine spektakuläre Massenflucht bekannt: Im September 2012 entkamen mehr als 130 Häftlinge durch einen Tunnel auf dem Gefängnisgelände. Die Zetas hatten den Ausbruch organisiert, offenbar wollten sie die Häftlinge bei Kämpfen gegen Rivalen im benachbarten Bundesstaat Tamaulipas einsetzen.

Jahrelange Terrorherrschaft des Drogen-Kartells

Die Zetas haben im Bundesstaat Coahuila Rivalen in den vergangenen Jahren mit brutalen Morden verdrängt und an vielen Orten ein Terrorregime installiert. Immer wieder werden auch Unbeteiligte wie Aktivisten, Journalisten und Bürger bedroht oder getötet, Menschen verschwinden einfach so, immer wieder werden Massengräber entdeckt. Lokale Medien berichten oft nicht mehr, weil sie selbst bedroht werden. Politiker, Justiz und Sicherheitskräfte sind untätig, überfordert oder kooperieren selbst mit den Kartellen.

Im März 2011 überfielen Killerkommandos der Zetas etwa die Kleinstadt Allende, verwüsteten Häuser und Geschäfte, und kidnappten etwa 300 Bewohner, die spurlos verschwanden. Erst 2014 begannen die Behörden die Massenentführung zu untersuchen.

Auch das Geheimnis des Foltergefängnisses in Piedras Negras blieb lange unentdeckt. Spuren Vermisster, nach denen Familienangehörige suchten, verloren sich zwar in der Nähe des Gefängnisses. Doch selbst eine Vermisstenorganisation, die Zugang zum Gefängnis erhielt, fand nichts. Die Kriminellen waren offenbar auf den Besuch vorbereitet gewesen. 


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