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Buchkritik

Rechtsmediziner Michael Tsokos: Wasserleichen, Scheintote und tödliche Stiche – unterhaltsame Nachhilfe für Hobbydetektive

Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner Michael Tsokos klärt in seinem neuen Buch auf: Warum die Raffinesse von Mördern im Krimi meistens überschätzt wird und im "Tatort" nie mehr Leichen im Pool treiben sollten

Michael Tsokos

Michael Tsokos ist Professor für Rechtsmedizin und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik. Seit 2007 leitet er das Institut für Rechtsmedizin der Charité

Picture Alliance

Als Fernsehzuschauer oder auch Krimileser hat man gelernt: Mörder verfolgen immer einen total ausgefuchsten Plan. Sie denken sich minutiös aus, wie sie ihr Opfer töten, wie sie die Leiche entsorgen und wer ihnen ein Alibi verschafft.

Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner Michael Tsokos von der Berliner Charité räumt nun mit diesem und vielen weiteren populären Irrtümern auf. In seinem neuen Buch "Schwimmen Tote immer oben?" nimmt er sich 30 Situationen vor, die er in populären Medien beobachtet hat, und erklärt, warum es in der Realität oft ganz anders zugeht.

Michael Tsokos entdeckt Fehler in TV-Serien

Im Fall der Titelgeschichte etwa: Dass Tote hinabsinken, sobald sich ihre Lungen mit Wasser gefüllt haben. Mord- und Tötungsdelikte, so erzählt Tsokos im Podcast "Spurensuche" von stern Crime, seien in den seltensten Fällen "kriminelles Hochreck", sondern eher "Bodenturnen". Tsokos: "Die meisten Tötungsdelikte sind einfach Affekttaten, die sich aus dem Geschehen heraus ergeben. Und dann passiert es tatsächlich, dass Täter persönliche Gegenstände an einem Tatort zurücklassen, dass sie gefilmt werden bei ihrer überhasteten Flucht, dass die Leiche nicht weg transportiert werden kann."

Auch das vor allem im deutschen Fernsehen dargestellte Milieu, wo gern einmal eine "Fabrikantenwitwe mit dicker Perlenkette einen Killer beauftragt", sei eher selten auf seinem Sektionstisch zu finden. Viel häufiger ereigneten sich Mord- und Tötungsdelikte in "sozial tiefer gestellten Schichten, teilweise im Alkoholikermilieu, im Obdachlosenmilieu. Es betrifft Menschen, die nirgends gemeldet sind", vieles spiele sich in "Parallelgesellschaften" ab. Tsokos: "Manchmal sind es nur fünf Euro, um die es da geht."

Jede Menge Stoff für Krimifans

Besonders die Darstellung von Serienkillern in Film und Literatur überhöhe die Leistung der Täter, sagt Tsokos. Aber auch in Formaten wie dem "Tatort", in Online-Medien oder der Netflix-Serie "True Detective" findet Tsokos seine Themen: In der dritten Folge der ersten Staffel von "True Detective" etwa sagt Detective Cohle zu Detective Hart: "Sieh dir das an, Schnittwunden an ihrem Unterleib ..." Da Schnittwunden jedoch in der Regel eher lang als tief und daher selten lebensgefährlich sind, erklärt Tsokos, handele es sich bei der TV-Leiche wohl eher um ein Opfer von Stichverletzungen. Für den Serien-Fan mag das nebensächlich sein, aber im echten Leben ist es ein bedeutender Unterschied.

Tsokos schreibe seine Geschichten "so nebenbei" auf Bahnfahrten, am Flughafen oder nach Kongressen abends im Hotelzimmer, erzählt er. "Ich kriege die Ideen ja frei Haus geliefert. Ich habe so spannende Sektionsfälle, das könnte sich tatsächlich kein Autor ausdenken." Tsokos‘ 30 kurze Kapitel lesen sich leicht und unterhaltsam und liefern jede Menge Stoff für Krimifans und Partyplauderer. Auch Drehbuchautoren sollten sich das Buch vornehmen: Eine im Pool treibende Leiche lassen Tsokos‘ Leser nämlich ab sofort keinem "Tatort" oder "Polizeiruf" mehr durchgehen. Und schon gar nicht mit dem Gesicht nach oben.