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Michel Fourniret: "Jungfrauenmörder" wird Prozess gemacht

Michel Fourniret muss sich in Frankreich vor Gericht verantworten. Der als "Jungfrauenmörder" bekannt gewordene 65-Jährige soll sieben junge Frauen und Mädchen ermordet haben. Einige Fälle hat Fourniret zugegeben - doch er könnte für über 30 weitere Verbrechen mit verantwortlich sein.

Französische und belgische Medien nennen ihn "das Monster der Ardennen". Als "Jungfrauenjäger" hat er sich selbst bezeichnet: Dreieinhalb Jahrzehnte entführte und vergewaltigte der Franzose Michel Fourniret Mädchen und junge Frauen. Die Ermordung von sieben seiner Opfer hat er gestanden. Ab Donnerstag muss sich der 65-Jährige dafür in der Ardennen-Stadt Charleville-Mézières vor Gericht verantworten. Neben ihm auf der Anklagebank: seine dritte Frau Monique Olivier. Die 59-Jährige brach im Verhör ihr Schweigen. Sie half ihrem Mann, seine Opfer in die Falle zu locken, und war an der Ermordung eines Mädchens beteiligt. Und sie wirft ihm zwei weitere Morde vor.

Insgesamt werden noch mehr als 30 ungeklärte Verbrechen auf seine Beteiligung hin untersucht. Der Fall Fourniret ist auch die Geschichte dramatischer Justizpannen und Irrtümer. Die Angehörigen der Opfer fordern in dem auf zwei Monate angelegten Verfahren Aufklärung darüber, warum der Mann trotz zahlreicher Verhaftungen und Vorverurteilungen nicht in seinem perversen Treiben gestoppt wurde.

Das letzte Opfer ist entkommen

"Wie komme ich zum Kloster": Mit der Frage lockt Fourniret am 26. Juni 2003 die 13-jährige Marie-Ascension Kirombo im belgischen Ardennen-Städchen Ciney in sein Auto. Das Mädchen bekommt Angst, fängt laut an zu beten, der wütende Entführer fesselt sein Opfer und steckt es in den Kofferraum. Aber Marie-Ascension kann sich befreien, schlüpft unbemerkt aus der Heckklappe, hält ein entgegenkommendes Fahrzeug an. Mit Fournirets Nummernschild im Kopf fahren sie zur Polizei. Als Fourniret nach Hause kommt, haben die Polizisten sein Haus im belgischen Sart-Custinne schon umstellt. 2006 wird er nach Frankreich ausgeliefert. Es dauerte ein Jahr, bis die Ermittler entdeckten, wer ihnen ins Netz gegangen ist.

Es war Monique Oliver, die schließlich das Schweigen brach. Sie bekam es mit der Angst zu tun, als die Frau des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux wegen Mittäterschaft zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde. "Ich bin schlimmer als Dutroux", sagte Fourniret zu Marie-Ascension. Im Prozess geht es um Morde von 1987 und 2001 in Belgien und Frankreich, die Fourniret gestand. Die Leiche des ersten Opfers, Isabelle Laville (17), wurde erst 2006 in einem Brunnen gefunden. Jeanne-Marie Desramault (21) und Elisabeth Brichet (12) entführte Fourniret 1989, ihre Leichen verscharrte er auf seinem Anwesen. 1990 folgten Natacha Danais (13) und Fabienne Leroy (20). Dann gab es eine Lücke von zehn Jahren, bevor Fourniret Céline Saison (18) und am 5. Mai 2001 Manaya Thumpong (13) entführte und tötete.

"Pro Jahr zwei Jungfrauen gejagt"

Die Ermittler fürchten, der Triebtäter habe keine Pause gemacht, und sein Geständnis sei Lückenhaft. "Ich habe pro Jahr zwei Jungfrauen gejagt", brüstete er sich einmal. "Er war im Verhör gelassen, berechnend und kalt", sagte ein belgischer Ermittler. Oft saß Monique Olivier mit im Auto, wenn Fourniret auf seine perverse "Jagd" ging. Einmal hielt das Paar ein Mädchen an und erklärte, sie müssten mit ihrem kranken Baby zur Klinik und suchten den Weg. Ein anderes Mal versprach Olivier, ein Mädchen vom Bahnhof rasch nach Hause zu fahren, bevor Fourniret zustieg. Die meisten Opfer wurden nach der Vergewaltigung erdrosselt, manche erschossen oder mit einem Schraubenzieher erstochen.

Seine Sexualverbrechen begann Fourniret, Sohn eines Stahlkochers, als Zwanzigjähriger. Wegen sexueller Belästigung Minderjähriger wurde er erstmals 1966 verurteilt, kam aber nicht in Haft. Hinter Gitter musste der Vater von drei Kindern erstmals 1984, wegen sieben Vergewaltigungen. Obwohl Fourniret als "gefährlich" eingestuft wurde, kam er drei Jahre später wieder auf freien Fuß. 1992 zog er von Frankreich nach Belgien. Weil sein Vorstrafenregister in dem Land leer war, fand er eine Anstellung in einer Schulkantine.

"Er ernährt sich von den Schmerzen der anderen"

"Er ernährt sich von den Schmerzen der anderen" Seine dritte Frau Olivier lernte Fourniret während seiner Haft durch ein Inserat in einer katholischen Zeitschrift kennen. Er versprach ihr, den Exmann zu töten, und informierte sie von seiner "Besessenheit für Jungfrauen". Auslöser dafür sei die Hochzeit mit seiner ersten Frau gewesen, sagte er: Dass diese kein Jungfrau mehr gewesen sei, habe ihn "zutiefst gekränkt". Olivier, selbst Mutter von zwei Kindern, erklärte sich bereit, ihrem "Raubtier", wie sie Fourniret bezeichnete, zu helfen. Tatsächlich saß der gemeinsame Sohn manchmal im Kindersitz, wenn das Paar neue Opfer suchte. Während des Prozesses ist Charleville-Mézières an der belgischen Grenze im Ausnahmezustand. 70 Bereitschaftspolizisten wurden abkommandiert, 300 Journalisten sind akkreditiert. Fourniret kündigte an, er werde dem Verfahren nicht vollständig beiwohnen. Das wäre "eine weitere Verhöhnung" der Opfer und ihrer Angehörigen. "Fourniret ist ein Mann ohne Reue", sagte die Mutter eines von ihm vergewaltigten Mädchens. "Er ernährt sich vom Leiden der anderen."

Tobias Schmidt/AP / AP