Millionenbetrug Ausgetrickst


Mit einem fingierten Selbstmord versuchte ein Hedgefonds-Manager dem Knast zu entkommen. Sein Fall ist exemplarisch für ein Leben in Gier und Geltungssucht, mit dem man nirgendwo schneller reich werden konnte als in Amerika.
Von Giuseppe di Grazia

Adem Tag, an dem Samuel Israel sich selbst ins Gefängnis fahren soll, um dort die nächsten 20 Jahre seines Lebens zu verbringen, parkt er seinen dunkelroten Geländewagen an der Bear Mountain Bridge, nördlich von New York. Von dieser fast 50 Meter hohen Brücke über dem Hudson River haben sich in den vergangenen 30 Jahren 40 Menschen in den Tod gestürzt. Israel lässt den Schlüssel stecken. Auf den Vordersitz legt er eine leere Tablettendose. In die Schmutzschicht der Motorhaube schreibt er drei Worte: "Suicide is painless" - Selbstmord ist schmerzlos. Es ist der Titelsong aus dem Kinofilm "M.A.S.H.", Robert Altmans berühmter Anti-Kriegssatire. In dem Lied heißt es auch: "Der einzige Weg, um zu gewinnen, ist zu betrügen."

Samuel Israel hat seine Anleger um mindestens 300 Millionen Dollar betrogen; er hat seine Anwälte belogen; er hat die Richterin getäuscht, die ihm erlaubt hatte, bis zum Haftantritt zu Hause zu wohnen; und er hat die Polizei mit einem fingierten Selbstmord in die Irre geführt. Aber auf seine Mutter wird er hören. Vier Wochen später, als ihm - Samuel Israel III., ehemaliger Resident einer Donald-Trump-Villa, 49 Jahre alt, zweifacher Vater, 1,80 Meter groß, 90 Kilo schwer, Halbglatze, Doppelkinn, Schrittmacher am Herzen, Wirbelsäulenschaden, vollgepumpt mit Schmerzmitteln und weltweit wegen Betrugs gesucht -, als ihm also bewusst wird, dass er verloren hat, dass er wieder ganz klein ist, da ruft er seine Mutter an.

"Sam, bitte stell dich"

Ann Israel sitzt im Wohnzimmer ihres Anwesens in Highland Park, nahe Chicago. Es ist der 2. Juli. Sie wartet auf einen Anruf, seit dem Verschwinden ihres Sohnes erwartet sie ihn, und als das Telefon endlich klingelt, sagt sie zu ihm: Sam, bitte stell dich. Sie sagt es so, wie Mütter es zu ihren Söhnen sagen, wenn sie sich ernsthaft Sorgen machen, egal, wie alt die Söhne auch immer sein mögen: belehrend und befehlend, flehend und rührend. Es ist früher Morgen, als Samuel Israel sein Versteck verlässt. Er trägt ein schwarzes Käppi, ein blaues T-Shirt, graue Shorts und weiße Turnschuhe. Sein grauer Bart ist zerzaust. Er steigt auf einen Motorroller und fährt 3,5 Meilen zur Polizei von Granville, Massachusetts. Die Straße ist kurvig und hügelig, trotzdem hört er nicht auf, mit der Mutter zu telefonieren. Die Mutter führt den Sohn, wenn man so möchte, via Handy ins Gefängnis.

Als Samuel Israel in Granville ankommt, ist kein Polizist da. Die Station des Ortes, 1500 Einwohner, ist nur halbtags besetzt. Er fährt nach Southwick, sieben Meilen weiter östlich. Um 9.15 Uhr betritt er dort in der Depot Street Nummer 11 das rote Backsteinhaus und sagt am Empfang: "Ich bin auf der Flucht, ich möchte mich nun stellen." Er spricht dann wieder ins Handy: "Ma, ich bin drin." Dann legt er auf. Es ist das bizarre Ende eines bizarren Falles, der seit Sommer 2005 Amerika fasziniert und irritiert. Samuel Israel ist ein Schwindler, und nur an der Wall Street kann man so einen Schwindel hinlegen, wie er ihn hingelegt hat. Dort, wo die Gier der Gerissensten auf die Gier der Dümmsten trifft, dort, wo Investoren verführbarer sind als Matrosen auf Landgang. Es ist eine Geschichte von Vermögensberatern und Anlegern, denen profitable Geschäfte allein nicht reichen und die ihr Geld lieber in Projekte fließen lassen, deren Risiken sie nicht überblicken.

Leben aus Drogen und Lügen

Aber es ist auch eine Familiengeschichte. Der Großvater macht mit dem Handel von Kaffee und Kakao ein Vermögen, eine Legende an der Wall Street. Sein Name: Samuel Israel. Samuel Israel III. leidet unter diesem Namen, und gleichzeitig missbraucht er ihn. Er nutzt dessen Glanz aus, gerade bei Anlegern. Samuel Israel III. richtet sein ganzes Leben darauf aus, zu beeindrucken. Ein Studienfreund von der Tulane University in New Orleans erinnert sich: "Sam war damals schon einer, der einem vorspielte, was er nicht ist: ein Erfolgsmensch." Mit 14 Jahren fängt Samuel an zu trinken. Später nimmt er immer härtere Drogen, Marihuana, dann Kokain, dazu Beruhigungsmittel. Und er lügt. Mit den Lügen ist es wie mit seiner Sucht: Die Lügen werden immer dreister. Sein Leben wird irgendwann nur noch aus Drogen und Lügen bestehen.

Anfang der Achtziger bricht er sein Studium ab. Er geht an die Wall Street, wo sollte einer wie er denn sonst hin? Für den Weg vom Laufburschen zum eigenen Hedgefonds braucht er 13 Jahre. Als er seine eigene Firma gründet, schmückt er seinen Lebenslauf aus, er übertreibt das Gewicht seiner Aufgaben, die er bei den verschiedenen Unternehmen hatte, wie zum Beispiel bei Omega, einem der bekanntesten und größten Hedgefonds. Omega-Chef Leon Cooperman erzählt, "dass Israel in unserer Firma nie eine bedeutende Rolle gespielt hat". Und wer ihn damals fragte, was Israel für einer sei, dem habe er geantwortet, "dass Israel gerade mal den Unterschied zwischen Aktien und Anleihen erklären konnte". Aber es fragen ihn nicht viele. Mit James Marquez, einem Vermögensverwalter, gründet Israel 1996 die Bayou Management LLC, einen Hedgefonds. Hedgefonds sind spekulative, also Fantasie anregende, also riskante Anlagestrategien. Es gibt kaum etwas, was mehr Profit verspricht, aber auch nichts, was einen mehr ins Verderben stürzen kann.

Sie schwindeln und sie protzen

Das Startkapital von Bayou beträgt gerade mal eine Million Dollar. Ihr Büro beziehen sie im Keller von Israels Haus in Harrison. Sie stellen Daniel Marino als Buchhalter ein. Ihre Anleger müssen mindestens 100. 000 Dollar einzahlen, für Hedgefonds vergleichsweise wenig, so ködern sie vermögende Privatkunden. In ihren Prospekten versprechen sie Renditen von 30 Prozent und mehr. Doch der Fonds macht von Anfang an Verluste. Im August 1998 wird dem Buchhalter Marino klar, dass sie niemals eine Bilanzprüfung überstehen werden. Sie beschließen einfach, sich selbst zu prüfen. Marino gründet eine Firma mit dem Namen Richmond Fairfield Associates. Israel gestaltet dazu die Internetseite. Bayou gibt fortan gefälschte Gewinnberichte und Bilanzen heraus, Richmond Fairfield stellt Bayou dazu die Testate aus.

Sie sind zwar miserable Vermögensverwalter, aber großartige Schwindler. Wenn einer der Anleger bei Richmond Fairfield anruft, bekommt er Marino zu sprechen. Israel verschickt per E-Mail wöchentliche Auflistungen. Im Jahr 2000, als selbst die besten Hedgefonds Verluste einfahren, macht Israel seinen Kunden vor, ihr Vermögen hätte sich um 20 Prozent vermehrt. Die meisten haben ihr Geld langfristig angelegt, so muss Israel fast nie etwas auszahlen. Wenn ein Investor mal überraschend bei der Bayou Group vorbeischaut, die nun in Stamford, Connecticut, sitzt, bekommt er eine perfekte Investmentfirma vorgespielt: 15 Angestellte, die Geschäftsräume im kühlen Design, riesige Bildschirme. Als besondere Attraktion halten sich Israel und seine Partner Schlangen in Terrarien.

Bayou macht weiterhin große Verluste

Sie schwindeln und sie protzen. Marino und Israel zahlen sich enorme Gehälter, zwischen Januar 2002 und August 2005 bekommt jeder von den beiden vier Millionen Dollar; Marino fährt Bentley, Israel wohnt im ehemaligen Anwesen der Ketchup-Familie Heinz in Mount Kisco nördlich von New York. Er mietet es von Donald Trump für 32.000 Dollar im Monat. Selbst private Probleme werden über die Firma geregelt: Israels Frau erhält bis 2002 insgesamt 2,75 Millionen Dollar überwiesen - damit sie in die Scheidung einwilligt.

Anfang 2001 verliert Marquez, der Mitgründer des Fonds, die Nerven, er verlässt Bayou. Die falschen Angaben und Versprechungen locken zwar neue Anleger an. Aber Bayou macht weiterhin große Verluste. Doch erst im Sommer 2005 verlangt einer der Investoren Einblick in die Bücher, er misstraut vor allem den Bilanzprüfern von Richmond Fairfield. Er kündigt seinen Besuch an. Als er im Büro von Bayou ankommt, findet er niemanden vor, auf dem Schreibtisch liegt ein Abschiedsbrief. In dem sechs Seiten langen Brief gibt der Buchhalter Marino den Betrug zu und kündigt an, er werde jetzt Selbstmord begehen. Er schreibt: "Wenn es eine Hölle gibt, werde ich dort für eine Ewigkeit schmoren." Marino bringt sich nicht um, die Polizei findet ihn zu Hause auf dem Sofa. Marino, Marquez und Israel gestehen innerhalb weniger Wochen.

Polizei bezweifelt Selbstmord

Israel schreibt fünf Tage vor seiner Verurteilung einen Brief an Richterin Colleen McMahon. Er habe an Selbstmord gedacht. Doch nun wolle er zu seiner Verantwortung stehen. Er gibt sich weinerlich und hofft auf ihr Mitleid: "Ich wollte nicht, dass die Welt erfährt, dass ich nicht gut genug bin, und ich wollte nicht, dass meine Familie erfährt, dass ich ein Versager bin." Marquez wird im Januar zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Marino und Israel erhalten jeweils 20 Jahre. Marquez und Marino werden nach der Verurteilung sofort eingesperrt. Israel zahlt 500.000 Dollar Kaution und darf aufgrund gesundheitlicher Probleme bis zum Haftantritt zu Hause bleiben.

Längst schon wohnt er nicht mehr in der Trump-Villa. Er lebt seit 18 Monaten mit seiner Freundin Debra Ryan, einer blonden Dekorateurin, in einem kleinen Holzhaus im Örtchen Armonk und bereitet sein Verschwinden vor. Debra bringt ihn am Tag der Flucht zu einem Wohnmobil, das er an einer Raststätte der nahe gelegenen Autobahn 684 versteckt hat. Damit fährt er allein auf einen Campingplatz in Granville. Die Polizei findet am Nachmittag den leer stehenden Geländewagen Israels auf der Brücke. Sie bezweifelt den Selbstmord des Betrügers und ruft eine internationale Fahndung nach ihm aus.

"Diese feine Lady hat ihren Sohn ins Gefängnis gebracht"

Ed Farrell ist seit acht Jahren stellvertretender Leiter einer Sondereinheit in Illinois, die sich um geflüchtete Kriminelle kümmert. Er ist einer dieser Polizisten, die sich aufrichtig für die Untaten des Verbrechers interessieren und auch für deren Schicksal. Farrell trifft sich mit dem Vater und der Mutter von Samuel Israel. Er macht ihnen klar, dass die Polizei ihrem Sohn auf der Spur sei, dass Samuels Freundin beim Verhör den Fluchtplan verraten habe und ihr nun bis zu zehn Jahre Gefängnis drohten. Er spricht mit den Eltern zweieinhalb Stunden.

Eine Woche später, es ist der 2. Juli. Samuel Israel hat in der Nacht davor versucht, sich tatsächlich umzubringen. Er hat Morphiumtabletten und das Narkosemittel Fentanyl genommen. Er fühlt sich elend und am Ende. Er telefoniert mit seiner Schwägerin Lori. Die meldet sich bei der Mutter, die Mutter informiert Farrell, dass ihr Sohn sich stellen will. Danach wartet Ann Israel auf den Anruf ihres Sohnes. Als sie später mit ihm spricht, hört Farrell auf einer anderen Leitung mit. Ed Farrell sagt: "Es war bewegend. Diese feine Lady hat ihren Sohn ins Gefängnis gebracht, um ihn zu retten." Am selben Tag, an dem der Betrüger und Lügner Samuel Israel III. im Gefängnis landet und nun dort sogar die nächsten 30 Jahre sitzen muss, gibt die Staatsanwaltschaft von Lower Manhattan bekannt, dass 115,6 Millionen Dollar der veruntreuten 450 Millionen Dollar sichergestellt wurden und nun an die Investoren zurückgezahlt werden. Die Liste umfasst 288 Betrogene. Einer der Namen: Ann Israel.

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