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Mirco aus Grefrath: Ruhe nach dem Sturm

In Grefrath wurde der mutmaßliche Täter von Mirco gefasst und die Leiche des Jungen gefunden. Jetzt hoffen die Bewohner auf ein Stück Normalität.

Von Frank Gerstenberg, Grefrath

Der Fall Mirco hat die 10.000 Einwohner des niederrheinischen Städtchens Grefrath fünf Monate lang in Atem gehalten. "Es herrschte eine beklemmende Stille im Ort", sagt eine Anwohnerin. Keine spielenden Kinder auf den Straßen, Autoschlangen mit wartenden Eltern vor den Schulen und Sporthallen, Grundschulkinder, die aus Angst vor dem "bösen Mann" nicht einschlafen konnten. Jetzt stellt Henning Petersmann, 31, Chef des Grefrather Hofs, zwar eine "gewisse Erleichterung" fest. Gleichzeitig trauern die Menschen um den zehnjährigen Jungen, der auf dem Heimweg von einer Skateranlage in Oedt überfallen und ermordet wurde. Man ist sich daher sicher: "Das Leben hier wird nie mehr so wie es früher war."

Grefrath vor und nach Mirco

Tatsächlich scheint es in Grefrath ein "vor" und "nach" Mirco zu geben. "Früher war hier alles sehr locker. Die Kinder blieben lange draußen, hier auf der Skaterbahn war immer viel los", erzählt Markus Winkler, 19. Niemand machte sich Sorgen. "Warum auch, was soll schon passieren in so einem kleinen Ort?", fragt sein Kumpel Fabian Bahnen, 17. Die beiden Jungs sind Skater. In jeder freien Minute brettern sie mit ihren Skateboards die Halfpipes am Schulzentrum in Oedt rauf und runter. Auch Mirco war hier.

Markus Winkler war der letzte, der den kleinen Jungen mit den hochgegelten Haaren am 3. September 2010 lebend gesehen hatte. "Er war noch nie vorher hier. Wir wunderten uns ein bisschen, dass ein Zehnjähriger allein so lange wegbleiben darf", erinnert sich der angehende Anlagenmechaniker. So gegen 21.30 Uhr wollte Mirco nach Hause gehen. "Zwei Mädchen waren bei ihm", erinnert sich Markus. Auch sie habe er seitdem nie wieder gesehen. Mirco kam nie zu Hause an.

Seitdem ist die Lockerheit und Beschaulichkeit in dem kleinen Dörfchen Grefrath, durch das betulich die Niers fließt, vorbei. "Die Menschen sind viel vorsichtiger geworden. Die Eltern fragen uns, ob wir ihre Kinder nach Hause bringen können", sagt Markus, einer der "Senioren" an der Skaterbahn. "Es gab viel Angst in den letzten Monaten", sagt Fabian, der an einem Berufskolleg sein Fachabi macht. Am schlimmsten sei die Ungewissheit gewesen, sagen die beiden Freunde. "Wo ist der Junge? Wer ist der nächste?" Das waren die Fragen, die Kinder und Eltern in Grefrath fünf Monate lang umtrieben. Zumal die Polizei stets versicherte, dass der Täter aus der Region stammt. Was bedeutete: "Er ist unter uns", sagt Markus Winkler.

Hoffen auf Normalität

Das Verbrechen hat sich wie ein dunkler Schleier über das Örtchen im Herzen des grünen Niederrheins gelegt. "Früher war hier viel los. Wenn ich jetzt durch Grefrath fahre, treffe ich kaum jemanden", sagt Markus Winkler. Die Jungs hoffen, dass sich das Leben bald wieder normalisiert. Was die Jugendlichen jedoch ebenso wenig verstehen wie die Erwachsenen im Ort: Dass ein Familienvater solch ein abscheuliches Verbrechen an einem Kind begangen hat. "Das ist schrecklich, einfach unfassbar", sagt Heinz Heyer, 68. "Wenn mein Vater so etwas getan hätte, käme ich überhaupt nicht mehr klar", sagt Fabian Bahnen und denkt an den gleichaltrigen Sohn des Täters, der in Waldniel 20 Kilometer nördlich ein bürgerliches Leben geführt hat und in die Nachbarschaft am Ungerather Kirchweg voll integriert war.

Fotos von Nachbarschaftsfesten zeigen Weihnachten, dreieinhalb Monate nach der Tat, wie der Vater Glühwein ausschenkt. Vor der edlen Tür des großen weißen Hauses mit dem weit hinunter gezogenen blau-grauen Satteldach und den Studio-Fenstern heißt ein Keramik-Schild die Besucher willkommen. Im Garten lehnt ein Schlitten am Gartenhäuschen. Auf dem Edelstahl-Briefkasten steht in großen Lettern der Name des mutmaßlichen Täters, der, wie Soko-Chef Ingo Thiel heute auf der Pressekonferenz in Mönchengladbach berichtete, die Tat gestanden hat. Danach hat er Mirco am 3. September auf dem Nachhauseweg von der Skateranlage angehalten und ihn in sein Auto gezerrt. Das Fahrrad des Jungen schubste er in die Ecke und fuhr davon.

"Frust und Wut" des Täters

Zum Motiv gab die Polizei "Frust und Wut" des Täters an, der am Morgen einen Streit mit seinem Chef bei der Telekom in Bonn gehabt haben soll. Seiner Frau Michaela H., 27, habe der Familienvater Olaf H. erzählt, er gehe mit Freunden "noch ein Bier trinken" und komme daher später nach Hause. Zu pädophilen Neigungen machte die Polizei keine konkreten Angaben. Nach bisherigen Ermittlungen muss jedoch von einer Vergewaltigung ausgegangen werden.

Auf die Spur kamen die 65 Ermittler der Soko Mirco dem Mann nach der Auswertung von 15.000 Hinweisen durch einen "Top-Zeugen". Der hatte am 3. September gesehen, dass ein dunkler Passat kurz vor Grefrath einen Radfahrer ausgebremst hatte, das Licht des Fahrrades sei noch kurz aufgeflackert. Der Zeuge machte sich zunächst keine weiteren Gedanken. Bei der größten Polizei-Suchaktion des Landes Nordrhein-Westfalen, bei der teilweise bis zu 1000 Beamte die Felder um Grefrath durchkämmten und Bundeswehr-Tornados mit Wärmebildkameras den Tatort überflogen, geriet am 20. Dezember ein silberner Passat ins Visier der Ermittler: Olaf H. hatte seinen Telekom-Firmenwagen, ein Leasing-Fahrzeug, an einen Händler in Grefrath verkauft. Kurz bevor der Wagen von Frankfurt aus nach Russland ausgeflogen wurde, stoppte die Mönchengladbacher Polizei den Transport.

Der Nachbar, ein Mörder

Faserspuren auf den Sitzen überführten den Täter. Olaf H. wurde am Morgen des 26. Januar in seinem Wohnhaus in Waldniel verhaftet. Die Nachbarn wollen zunächst nicht glauben, wer der Mann in Wirklichkeit ist, mit dem sie seit vier Jahren Tür an Tür gewohnt haben und mit dem sie beim Nudelfest zusammen saßen. "Das ist unfassbar, schockierend", sagt eine Nachbarin. "Die einzige Frage, die ich geklärt haben will, ist, warum macht jemand so etwas?", sagt Fabian Bahnen. "Der weiß doch, dass jemand auf ihn wartet, wie kann der einem Kind so etwas antun?", fragt Markus Winkler.

Auch bei der Telekom sitzt der Schock tief. Ein Manager, der ungenannt bleiben will, sagte stern.de: "Dieser Wahnsinnige, der hat doch einen hohen sechsstelligen Betrag verdient, hat Frau und Kinder."

In Grefrath herrscht jetzt überwiegend Erleichterung. Die Menschen glauben, dass die Familie jetzt Abschied nehmen kann, nachdem sie Gewissheit hat. Eine Anwohnerin: "Es gibt zwei Richtungen: Entweder die Familie zerbricht oder wächst enger zusammen."