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Missbrauch an deutschen Schulen: Kinderschutz geht uns alle an!

Die Flut von Berichten über Missbrauchsfälle an deutschen Schulen reißt nicht ab, viele Eltern sind schockiert. Dabei sind auch sie jetzt gefordert.

Ein Kommentar von Ralf Klassen

Berlin, Ettal, Heppenheim – kaum ein Tag in diesem Winter vergeht, ohne dass ein Skandal um Missbrauch- und Gewaltfälle an deutschen Schulen bekannt wird. Und es ist zu befürchten, dass dieses erst der Anfang einer Enthüllungswelle ist, die nicht nur kirchliche und private Schulen treffen wird. Viele Opfer, nicht nur in Berlin, Ettal und Heppenheim, werden sich erst jetzt trauen, über das zu erzählen, was ihnen in den vermeintlich schönsten Jahren ihres Lebens, in der Kindheit und der Jugend, angetan wurde. Von „Einzelfällen“ jedenfalls kann niemand mehr sprechen.

Viele Eltern werden in diesen Tagen mit einer Urangst konfrontiert, die im normalen Alltag eigentlich kaum eine Rolle spielt: Wer sein Kind in die Obhut anderer gibt, muss Vertrauen haben können, egal ob in der Schule, dem Kindergarten, dem Sportverein oder dem Kirchenchor. Doch dieses Vertrauen ist nun fundamental erschüttert. „Schützt unsere Kinder!“, rufen jetzt wieder viele. Doch wie?

Zum einen muss die Ausbildung von Lehrern, gleich ob an staatlichen, privaten oder kirchlichen Schulen, wieder auf den Prüfstand, aber anscheinend auf einen besseren als bisher. Ein guter Pädagoge ist nicht nur der, der den Lernstoff am besten vermittelt, sondern auch um die Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen in der sehr speziellen Zeit des Heranwachsens weiß. Und der selber menschlich so gefestigt ist, dass er den Versuchungen, seine Macht gegenüber Schutzbefohlenen auf sexuelle, gewalttätige Weise auszunutzen, nicht unterliegt. Simpel gesagt: Wer Kinder unterrichten darf, muss auch seelisch dazu in der Lage sein. Und diesen Eindruck hat man - auch diesseits von Missbrauch und Gewalt - nicht immer.

Zum anderen aber ist auch die Gesellschaft im Ganzen aufgefordert, das System des Wegschauens und Verdrängens bei solchen Fällen endlich aufzubrechen. Nicht durch einen hysterischen Aktionismus, der jeden Pädagogen sofort verdächtigt, nur wenn er ein besonders inniges Verhältnis zu „seinen“ Kindern hat – so eine Welle schwappte bereits in den 90er Jahren durch Deutschland und führte zu vielen menschlichen und beruflichen Tragödien.

Was stattdessen nötig ist, ist endlich eine gesamtgesellschaftliche, kluge und tief greifende Auseinandersetzung mit einem Thema, dass – man mag es kaum glauben - in weiten Teilen immer noch ein Tabuthema ist. Wie kann es sonst sein, dass an Schulen mitunter über Jahrzehnte hinweg Missbrauch und Gewalt herrschen und niemand unter den teils Hunderten Beteiligten dagegen angeht? Oder, wenn er etwas tun will, nicht sofort unterstützt wird?

Wie viele Eltern, Verwandte und Nachbarn werden von Kindern zumindest vage Hinweise oder auch konkrete Berichte gehört haben, dass da etwas nicht stimmt? Wer hat warum trotzdem nichts getan? Weil er nicht wusste, was er tun sollte? Weil er aus falscher Scham schwieg? Weil er das Ganze als „Kavaliersdelikt“ oder „Internatsritual“ abgetan hat? Oder weil er schlicht und einfach nicht hingehört hat?

Kinderschutz ist nicht nur Aufgabe der Polizei oder der Politik. Kinderschutz ist nicht nur Aufgabe von Lehrern, Pädagogen oder Kinderschutzverbänden.

Kinderschutz sind wir alle! Reden wir endlich darüber!

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