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Missbrauch an Jesuiten-Schulen: Eines der Opfer strebt Zivilklage an

Im Skandal um sexuellen Missbrauch an deutschen Jesuiten-Schulen prüft eine Rechtsanwältin im Auftrag eines Opfers nun auch eine Zivilklage.

Im Skandal um sexuellen Missbrauch an deutschen Jesuiten-Schulen prüft eine Rechtsanwältin im Auftrag eines Opfers nun auch eine Zivilklage. Das Vorgehen gegen das Berliner Canisius-Kolleg habe ihrer Meinung nach Aussicht auf Erfolg, sagte die auf Missbrauchsfälle spezialisierte Juristin Manuela Groll am Donnerstag dem Berliner rbb-Sender Radio eins. Die Schulleitung habe in den 70er und 80er Jahren möglicherweise trotz Anzeichen und Hinweisen nicht verhindert, dass auch weitere Opfer geschädigt wurden. Auch wenn die Taten selbst strafrechtlich eventuell verjährt seien, könne trotzdem ein zivilrechtlicher Anspruch bestehen, sagte sie. Dem von ihr vertretenen Opfer gehe es dabei sowohl um "wirkliche" Aufklärung als auch um Genugtuung.

Groll sagte, dass ihr Mandant als Hauptbevollmächtigter auftrete, an den sich weitere Opfer wenden könnten, um gegebenenfalls eine Sammelklage anzustreben. In den vergangenen Tagen war bekanntgeworden, dass es an dem Canisius-Kolleg in Berlin und anderen Schulen und Einrichtungen des Jesuiten-Ordens früher zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat. Dafür sollen drei Pater verantwortlich sein, die jahrzehntelang als Lehrer und Jugendseelsorger tätig waren. Sie arbeiteten außer an dem Gymnasium in der Hauptstadt auch in Hamburg, in St. Blasien im Schwarzwald sowie in Göttingen, Hildesheim und Hannover.

Bislang meldeten sich bundesweit mindestens etwa 30 potenzielle Opfer der Beschuldigten, die ihre Taten teilweise einräumten. Die Leitung der Jesuiten gab zu, dass der deutsche Orden schon in den 80er Jahren Hinweise auf mögliche Missbrauchsfälle hatte. Die Ordensführung habe keine Anzeigen erstattet und versucht, das Problem intern zu regeln.

Einer der drei beschuldigten Jesuiten war nach seiner Tätigkeit als Lehrer und Jugendseelsorger Gründer und langjähriger Leiter des Hilfswerks "Ärzte für die Dritte Welt", wie die Organisation mitteilte. Der Mann sei mit sofortiger Wirkung als Vorstand zurückgetreten und nicht mehr Vereinsmitglied, erklärte "Ärzte ohne Grenzen"-Geschäftsführer Harald Kischlat.

Es gebe derzeit keine Hinweise, dass es im Rahmen seiner Tätigkeit für die Organisation zu Übergriffen gekommen sei, teilte Kischlat auf der Hompage von "Ärzte für die Dritte Welt" mit. Der Verein werde "alles veranlassen", um dies vollständig aufzuklären. Das Verschweigen der Taten habe ohnehin schon viel zu lange gedauert und sei für die Opfer "ein weiterer Akt des Missbrauchs". Die Schauspielerin Maria Furtwängler ("Tatort"), die sich seit Jahren für "Ärzte für die Dritte Welt" engagiert, erklärte: "Bei aller Verantwortung für den Fortgang unserer Arbeit steht das Mitgefühl mit den Opfern im Mittelpunkt."

Nach Angaben Kischlats hatte der Jesuiten-Orden bereits 2005 Hinweise auf einen Fall von sexuellen Missbrauch durch den Pater gehabt. Damals sei auch ein damaliges Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation über den Vorwurf informiert worden. Dieser habe "aus Gründen der Vertraulichkeit gegenüber dem Opfer" aber keine weitere Mitarbeiter darüber in Kenntnis gesetzt. Alle heutigen Mitglieder des Vereins und dessen Führung hätten die "erschreckende Nachricht" erst am Dienstag in Folge einer entsprechenden Veröffentlichung der Jesuiten erfahren.

Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" vom Donnerstag zufolge soll es zudem einen weiteren Missbrauchsverdachtsfall an einem Bonner Jesuitenkolleg gegeben haben, der allerdings nicht mit dem aktuellen Skandal um die drei bereits bekannten Verdächtigen zusammenhängt. Ein ehemaliger Schüler berichtete demnach, er sei dort Anfang der 60er Jahre von einem Pater missbraucht worden.

AFP / AFP