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Missbrauch auf Ameland: "Der Fall ist keine Seltenheit"

Wie kann es zu einem Gewaltexzess wie auf Ameland kommen? Im Interview erklärt die Kriminalpsychologin Sabine Nowara, was Jugendliche zu solchen Taten treibt und wie mit den Tätern umzugehen ist.

Frau Nowara, sind die Vorfälle im holländischen Ameland ein Einzelfall? Oder kommt es öfters vor, dass Jugendliche andere Jugendliche misshandeln?
Von einem Einzelfall kann man nicht sprechen. In eigenen Studien, die sich auf Nordrhein-Westfalen konzentrierten, kamen wir auf 300 Fälle, in denen Jugendliche und Kinder andere sexuell misshandelten. Eine Seltenheit ist es also keinesfalls.

Gerade wenn Jungen unter sich sind, sind Kabbeleien und kleine Raufereien doch an der Tagesordnung. Wo ist da die Grenze zu solchen Misshandlungen zu ziehen?
Bis es zu solchen Misshandlungen kommt, muss schon im Vorfeld etwas passiert sein. Was ja auch nur logisch ist. Ich kann ja Gegenstände nur einführen, wenn sich vorher jemand ausgezogen hat. Aber dort, wo die Selbstbestimmung der Kinder beschnitten wird, wird auch eine Grenze überschritten. Hier sind vor allem die Eltern gefordert, ihren Kindern zu vermitteln, wann Grenzen überschritten werden. Damit aber sowas wie in Ameland passieren kann, ist vorher meist Gewalt im Spiel.

Was kann einen Jugendlichen dazu bringen, einen Jungen zu misshandeln?
Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Das beginnt bei sexueller Neugier, dem starken Wunsch danach, etwas auszuprobieren, was man irgendwo gesehen oder bei Gesprächen auf dem Schulhof aufgeschnappt hat. Es kann aber auch die reine Demonstration von Macht als Ursache haben. Weil ein Kind einfach zeigen möchte, wer hier in der Gruppe der Stärkste ist.

Gibt es einen bestimmten Typ Jugendlicher, der leichter Opfer von Misshandlungen werden könnte?
Es gibt keinen bestimmten Opfertypus. Jedoch sind Kinder, die nicht in der Lage sind, Grenzen zu setzen und "Nein" zu sagen, wahrscheinlich eher gefährdet.

In der jüngeren Vergangenheit macht der Begriff "Generation Porno" die Runde. Ist das Internet schuld an solchen Ausbrüchen?
Was fest steht: Früher bestanden die Zugangsmöglichkeiten zu pornographischem Material noch gar nicht in dem Maße. Dass Fotos und Videos frei verfügbar sind, ist auch erst seit einigen Jahren möglich. Kinder und Jugendliche kennen sich mittlerweile extrem gut im Netz aus und können so ganz gezielt nach bestimmten Inhalten suchen. Aber sie sind damit überfordert. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Erwachsener Pornographie konsumiert oder ein Jugendlicher im Web Pornos schaut. So bekommen Kinder ein völlig falsches Bild von Sexualität vermittelt. Sie bekommen bestimmte Körper vorgegaukelt, bestimmte Leistungsmengen, die völlig unrealistisch sind. In den kurzen Clips ist der Sex auch von jeglichem Beziehungsaspekt losgelöst. Aber eigentlich sollte er ja in einen Beziehungskontext eingebunden sein.

Angeblich haben sich die Opfer ihren Betreuern nicht sofort anvertraut. Können Sie sich das erklären?
Für Kinder sind solche Vorfälle zutiefst demütigend. Sie schämen sich. Sich dann einer älteren Person, eventuell sogar den Eltern, anzuvertrauen, ist nicht so einfach.

Auf 170 Kinder kamen 60 Betreuer. Hätten die so etwas nicht bemerken können?
Für Betreuer ist es häufig extrem schwierig. Sie sind für solche Notsituationen eigentlich nicht geschult. Gerade in diesem Fall, wenn Studenten als Betreuer arbeiten, hätte man aber durchaus erwarten können, dass sich die Person dann kompetente Hilfe besorgt. Aber es wird oft weggeschaut. Die Vorfälle im Odenwaldinternat sind das beste Beispiel dafür, wie jahrelang Misshandlungen ignoriert wurden.

Wie muss man nun mit den jugendlichen Tätern umgehen?
Es gilt erst einmal herauszufinden, was die Gründe für die Misshandlungen waren. Um dann zu schauen, wie man den Jungen helfen kann. Das kann dann zum Beispiel ein Anti-Aggressionstraining oder ein Training sozialer Kompetenz sein. In jedem Fall müssen die Jugendlichen aber dafür sensibilisiert werden, was sie ihrem Gegenüber angetan haben. Vielen ist ja gar nicht klar, was sie damit anrichten. Es fehlt ihnen die Empathie, also das Einfühlungsvermögen.

Wie kann man den Opfern helfen?
Therapie ist nicht immer die erste Wahl. Wenn ein Kind scheinbar gut damit klarkommt und sich nicht auffällig zeigt, sollte man es als Eltern nicht unbedingt in einer Opferrolle pressen. Da kann es reichen, sich die Erlebnisse in Gesprächen anzuhören und dann behutsam Hilfestellungen geben. Aber natürlich kann es auch vorkommen, dass ein Kind durch solche Misshandlungen ein Trauma erlebt und eine Therapie benötigt.

Müssen Eltern jetzt permanent Angst haben, ihre Kinder in Freizeiten zu schicken? Oder können Sie ihre Kleinen darauf vorbereiten?
Wichtig ist zu sagen, dass solche Missbräuche nicht nur auf Ferienfreizeiten passieren können. Sowas kann genauso gut beim Besuch im Freibad passieren. Als Mutter oder Vater sollten Sie ein offenes Gesprächsklima mit Ihrem Kind schaffen. Man sollte mit seinen Kindern darüber reden, dass es zu Missbrauchshandlungen kommen kann und Ihnen erklären, wie Missbrauch aussehen kann. Da ist es dann wichtig zu erklären, warum das nicht richtig ist. Vertrauen ist einfach extrem wichtig. Wenn man das eigene Kind auf eine Jugendfreizeit schickt, sollte man ihm klarmachen, dass es sich jederzeit an seine Betreuer wenden kann oder im Notfall zu Hause anrufen sollte.

Woran kann ich erkennen, ob mein Kind misshandelt wurde?
Es gibt keine spezifischen Muster, an denen man so etwas erkennen könnte – auch nicht der Fachmann. Es hilft einzig das offene Gespräch über derartige Themen und der Aufbau eine Vertrauensbasis. Nur so kann sich das Kind öffnen und über eventuelle Vorfälle berichten.

Interview: Felix Disselhoff
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