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Lügde in NRW: Campingplatz: Polizei erhielt bereits 2016 zwei Hinweise auf Missbrauch – und ermittelte nicht

Gleich zwei Hinweise gingen bereits 2016 bei den Behörden ein, dass der Campingplatzbewohner in NRW sich an Kindern vergehen könnte. Trotzdem blieb das Pflegekind noch mehr als zwei Jahre bei dem mutmaßlichen Haupttäter.

Stadt Lügde in NRW: Missbrauch auf Campingplatz: Polizei geht von mehr als 1000 Einzeltaten aus

Nachdem Polizei und Staatsanwaltschaft in NRW drei mutmaßliche Kinderschänder festgenommen haben, kommt heraus: Manche der Fälle hätten womöglich verhindert werden können. Polizei und Jugendamt erhielten bereits im August und November 2016 Hinweise, dass der Hauptbeschuldigte sich an Kindern vergeht. Einmal habe ein Familienvater aus Bad Pyrmont angerufen, ein anderes Mal habe eine Mitarbeiterin des Jobcenters Jugendamt und Polizei informiert. In beiden Fällen habe es keine weiteren polizeilichen Ermittlungen gegeben, auch die Staatsanwaltschaft wurde nicht eingeschaltet. Das bestätigt die Staatsanwaltschaft Detmold in einer Pressemitteilung, die dem stern vorliegt.

Der 57-jährige Familienvater hatte seine Vorwürfe am Mittwoch zunächst in der "Lippischen Landeszeitung" öffentlich gemacht. Jens R. aus Bad Pyrmont berichtete dort, dass seine damals fünf- und achtjährigen Töchter bereits 2016 von einem der Verdächtigen unsittlich berührt worden seien. Dies habe er bei der Polizei in Barntrup (ebenfalls Kreis Lippe) und beim Jugendamt Hameln-Pyrmont angezeigt. Der 56-jährige nun festgenommene Campingplatzbewohner sei "ganz offensichtlich pädophil und hat immer wieder kleine Kinder berührt", sagte er dem Blatt. 

Anzeige blieb ohne Folgen für Campingplatzbewohner

Laut R. seien die Behörden einige Wochen nach der Anzeige auf ihn zugekommen. "Sie sicherten mir zu, dass beim Dauercamper alles in Ordnung sei. Ich solle vorsichtig sein mit meinen Äußerungen, da ich auch wegen Rufmordes und übler Nachrede angezeigt werden könnte." Geschehen sei daraufhin nichts weiter. "Die zuständigen Behörden haben in diesem Fall völlig versagt. Dies ist der Skandal im Skandal", zitiert ihn die "Lippische Landeszeitung".

Die Pressestelle der Polizei im Kreis Lippe durfte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern und verwies auf die zuständige Staatsanwaltschaft. Der Detmolder Oberstaatsanwaltschaft Ralf Vetter nahm am Abend in einer Pressemitteilung dazu Stellung. "Tatsächlich haben die Polizei Lippe und (...) auch die beteiligten Jugendämter Hinweise auf einen möglichen sexuellen Missbrauch des Pflegekindes des Hauptbeschuldigten erhalten. Die erste Mitteilung erfolgte bereits im August 2016", heißt es darin. 

Laut Staatsanwaltschaft versäumte es die Polizei, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten und informierte stattdessen nur das Jugendamt. "Polizeiliche Ermittlungen sind anschließend nicht erfolgt." Nur kurz darauf, im November 2016, habe eine Mitarbeiterin des Jobcenters Polizei und Jugendamt über Äußerungen des Pflegevaters informiert, die auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten. Auch in diesem Fall habe die Polizei lediglich beim Jugendamt nachgefragt. Dort habe man den Beamten mitgeteilt, dass es keine Anzeichen für einen Missbrauch gebe. Daraufhin habe die Polizei die Ermittlungen eingestellt. "Das Verhalten der beteiligten Behörden wird von der Staatsanwaltschaft Detmold unter allen rechtlichen Gesichtspunkten untersucht werden", schreibt Vetter in seiner Mitteilung.

Campingplatz in Lügde: Bis zu 1000 Einzeltaten

Bereits am Mittwoch hatten die Behörden mitgeteilt, dass es Ende 2016 beim Jugendamt des Kreises Lippe eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung gegeben habe. Allerdings behauptete die Sprecherin des Amtes: "Diese Anzeige bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes - nicht eines möglichen Missbrauchs." Dem widerspricht nun Staatsanwalt Vetter. Das Amt beteuerte, man habe "umgehend" die Situation vor Ort geprüft. "Die Einschätzung der Mitarbeiter ergab: Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld, so dass das Jugendamt das Kind nicht in Obhut nahm." 

In dem Fall geht es um mindestens 23 Kinder, die auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen für den Dreh von Kinderpornos sexuell missbraucht worden seien. Drei tatverdächtige Deutsche sitzen in Untersuchungshaft. Ein 56-Jähriger aus Lügde und ein 33-Jähriger aus Steinheim bei Höxter sollen nach Erkenntnissen der Ermittler die Kinder im Wechsel gefilmt und missbraucht haben, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der dritte Tatverdächtige, ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen, soll als Auftraggeber fungiert haben. Gegen alle drei ermitteln die Behörden unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Es gehe um mehr als 1000 Einzeltaten, sagte der Leiter der Ermittlungskommission Camping, Gunnar Weiß.

Warum gibt man ein Pflegekind auf einen Campingplatz?

Fragezeichen gibt es noch rund um die Betreuung. Auf die Frage, warum ein Kind in die Obhut eines Mannes mit heruntergekommener Unterkunft auf einem Campingplatz gegeben wird, reagierten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit Stirnrunzeln - und verwiesen auf das zuständige Jugendamt. Das Jugendamt des Kreises Lippe verteidigt laut "Lippischer Landeszeitung" die Unterbringung des Mädchens auf dem Platz. "Weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das Führungszeugnis des Mannes gaben Grund zur Beanstandung." Von einer Strafanzeige wegen Kindesmissbrauchs erfuhr das Amt nach eigenen Angaben Ende 2018. Das Mädchen sei "noch am selben Tag in Obhut genommen" worden, hieß es.

Stadt Lügde in NRW: Missbrauch auf Campingplatz: Polizei geht von mehr als 1000 Einzeltaten aus


Quellen: "Lippische Landeszeitung" (kostenpflichtiger Inhalt), Mitteillung von Polizei und Staatsanwaltschaft, Nachrichtenagentur DPA

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