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Missbrauch bei den Jesuiten: Elite-Orden unter Schock

Nun ist es offiziell: Die Jesuiten haben über Jahrzehnte systematisch sexuelle Gewalt gegen die ihnen anvertrauten Kinder an den Schulen des Ordens vertuscht. Mehrere Täter wurden gedeckt - und wenn etwas ruchbar wurde - klammheimlich an andere Einrichtungen versetzt.

Nun ist es offiziell: Die Jesuiten haben über Jahrzehnte systematisch sexuelle Gewalt gegen die ihnen anvertrauten Kinder an den Schulen des Ordens vertuscht. Mehrere Täter wurden gedeckt - und wenn etwas ruchbar wurde - klammheimlich an andere Einrichtungen versetzt. Dort konnten sie sich ungehindert weitere Opfer suchen. Für die Gesellschaft Jesu, die sich seit jeher als katholische Elite-Gemeinschaft versteht, ist das ein Schock, ein Trauma. Die Jesuiten sind intellektuelle Ordensleute, die geistige Speerspitze des Katholizismus. "Im Namen des Ordens anerkenne ich mit Scham die Schuld und das Versagen des Ordens", sagt Provinzial Stefan Dartmann am Donnerstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts zu dem Skandal in München.

Die Fälle liegen größtenteils drei Jahrzehnte und länger zurück - doch stellen sie den Orden heute vor eine Zerreißprobe. Die Tatorte: die drei Jesuiten-Kollegien in Berlin, Bonn und St. Blasien sowie zwei weitere Einrichtungen, die inzwischen nicht mehr von den Jesuiten betrieben werden. Die Missbrauchs-Beauftragte Ursula Raue berichtet von 205 "Opfermeldungen" ehemaliger Jesuiten-Schüler. Die meisten Opfer waren Jungen.

Die zwei Haupttäter: "Pater Anton" und "Pater Bertram". Allein diesen beiden werden mehr als 80 Fälle am Berliner Canisius-Kolleg vorgeworfen, der Schule mit den meisten Opfern. Der eine verlangte, dass die Kinder vor ihm onanierten, der andere verprügelte die Kinder "in exzessiver Weise", wie Raue sagt. Die Schläge hatten "eine sadistisch-sexuelle Komponente".

Der eigentliche Schock für den Orden: Die Vorgesetzten wussten in mehreren Fällen Bescheid - und versetzten die pädophilen Patres an die nächste Stelle - wieder und wieder. "Man wusste, da ist einer, der fummelt gerne rum, und der andere hat den Spitznamen "Pavian"", berichtet die Missbrauchsbeauftragte. Sie schildert in klaren Worten, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte: "Er" - der jeweilige Täter - "hat gestöhnt, und es hat komisch gerochen." Auch nach dem Abschlussbericht bleibt eine Dunkelziffer: Zwölf Patres wurden von mehreren ehemaligen Schülern als Täter genannt - über 40 Ordensleute jedoch nur einmal. In den vergangenen Monaten wurden manche katholische Geistliche auch zu Unrecht beschuldigt.

Ausgestanden ist der Skandal für die Jesuiten auch nach dem Abschluss-Bericht noch lange nicht. Denn keineswegs alle Ordensleute teilen den Aufklärungswillen ihres Provinzials Stefan Dartmann. "Mein Eindruck ist, dass nicht genügend Offenheit da ist", kritisiert die Missbrauchs-Beauftragte Raue ihre Auftraggeber. "Ich habe in letzter Zeit eine massive Wut einiger Opfer festgestellt. Die Wut wird nicht weniger, sie wird mehr."

Einige ehemalige Schüler fordern Geld: "Dass jemand will, dass der Orden auch blutet, kann ich persönlich-menschlich verstehen", sagt dazu Provinzial Dartmann. Zahlen aber wollen die Jesuiten vorerst nicht - bis der Runde Tisch der Bundesregierung seine Empfehlungen ausgesprochen hat. Dartmann zweifelt, dass Geld den Schaden wiedergutmachen kann und zur Versöhnung beiträgt.

Die Jesuiten waren diejenigen, die Ende Januar ohne Absicht den gesamten Missbrauchs-Skandal ins Rollen brachten. Der heutige Direktor des Berliner Canisius-Kollegs war mit zwei Jahrzehnten Verspätung der erste, der den Missbrauchs-Vorwürfen systematisch nachging. Ein interner Brief landete in der "Berliner Morgenpost" - und die Affäre brach über den Orden und in der Folge über die ganze Kirche herein.

In den kommenden Wochen und Monaten wird es um die zweite Gruppe der Verantwortlichen gehen: die Riege der früheren Ordens-Oberen, die den Missbrauch vertuschte. Viele dieser Patres leben noch - alte Männer über 70. Dartmann will, dass sie Stellung beziehen. "Das sind sie dem Orden, vor allem aber auch den Opfern schuldig." Provinzial Dartmmann hat die frühere Bundesministerin Andrea Fischer gebeten, eine "weitere Meinung" zur Verantwortung des Ordens abzugeben. Ihr Sondergutachten steht noch aus.

Carsten Hoefer, DPA / DPA